Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich (1879) / t_1529

Stöger, Johann August (Theater-Director, geb. zu Stockerau in Niederösterreich im Jahre 1791, gest. zu Prag 7. Mai 186l). Sein Familienname ist eigentlich J. A. Althal­ler, den er bei seinem Uebertritte zur Bühne mit dem Namen Stöger vertauschte. Die unbemittelten Eltern schickten den Knaben nach Wien, wo er studiren und für den geistlichen Stand sich vorbereiten sollte. In Wien gelang es ihm, Singknabe in Kirchen zu werden, was ihm sein Fortkommen erleichterte; auch ließ er sich in Kna­benchören im Kärntnerthortheater verwenden. Nach Beendigung des Gymnasiums begann er das studium der Theologie und trat in das Seminar. Wenn er daselbst bei festlichen Anlässen in der Kirche mitsang, erregte seine herrliche Tenorstimme Auf­sehen, und es bedurfte nicht großer Ueberredungskünste, daß er den Seminarsta­lar auszog und sich der Bühne widmete. Auf dieser wirkte wohl seine herrliche, klangvolle Stimme, aber seine Ungeschicklichkeit im Spiel und seine nichts weniger als bühnengerechte Erscheinung, denn er war von kleiner, untersetzter Gestalt, von einem ganz und gar nicht sympathischen Aeußeren, verdarben leicht die Erfolge, die er mit seiner Prachtstimme erzielte. Er wanderte nun unter dem Künstlernamen Stöger von einer Bühne zur anderen, sang in Wien, Olmütz, Brünn, bis ihn der be­kannte Heldenspieler Franz Rudolph Bayer [Band I, Seite 194], der Vazer der be­rühmten Tragödin Marie Bayer-Bürck, von seiner Stimme entzückt, dem Director des Prager Theaters Liebich [Bd. XV, S. 99] empfahl, welcher ihn denn auch für das königlich ständische Theater in Prag engagirte. Trotz Stöger’s unüberwindlicher Ungeschicklichkeit im Spiele hatte sich doch das Prager Publicum, con dessen or­gan entzückt, bald an ihn gewöhnt, und wie schön die Stimme klang, erfahren wir von niemand Geringerem als von dem später berühmt gewordenen Staatsmanne von Prokesch-Osten, der sich darüber in einem Briefe an seinen Stiefvater Schneller äußerte. Liebich starb in der Blüthe seine Jahre und hinterließ das Theater seiner Witwe Johanna, geborenen Wimmer, welche selbst früher im Fache der Heroinen geglänzt. Diese führte, von Stöger und dem Schauspieler Ferdinand Polawski [Band XXIII, Seite 57] als stillen Teilnehmern unterstützt, die Direction fort, bis Anfangs März 1821 Franz von Holbein dieselbe übernahm. Das kleine Capital, weiches sich Stöger als Tenorist erspart, benützte er nun zu einem selbstständigen Unterneh­men. Im Vereine mit seiner bisherigen Directorin Liebich pachtete er das ständische Theater in Gratz. Bald darauf verheiratete er sich mit der Witwe. Schon gedieh das Unternehmen glänzend, als ein schwerer Schlag ihn und seine Frau traf. Das Thea­ter war von den steirischen Ständen prachtvoll restaurirt und seine Wiedereröff­nung bereits anberaumt worden, als es am Tage vor derselben niederbrannte. Ein großer Theil des Stöger’sichen Fundus ging dabei in den Flammen auf. Nun begab sich Stöger mit seiner deutschen Gesellschaft nach Triest und fand trotz der durch wälsche Sänger verwöhnten Bevölkerung doch die freundlichste Aufnahme. Darauf übernahm er noch das Preßburger Theater, wo sich die Verhältnisse für den jungen Director auf das günstigste fügten. Es fand nämlich daselbst gerade die doppelte Königskrönung, zuerst die der Kaiserin Karolina Augusta, dann die des jüngeren Königs von Ungarn Ferdinand, statt. Auch folgten mehrere Landtage von längerer Dauer, und so gedieh in jener Zeit, da das deutsche Wort noch nicht vervehmt und der Cylinder-Terrorismus noch nicht in Scene gesetzt war, das Theater, das von Magnaten, Edelleuten, Juraten gern besucht wurde, vortrefflich. Im Jahre 1832 gab S. die Bühnen in Triest und Preßburg auf und übernahm das Josephstädter Theater in Wien. Daselbst pflegte er im Anfange die Oper und besaß an dem Bariton Pöck auch eine gediegene Kraft, aber das Publicum dieser Bühne verlangte weniger nach Sängern, als nach einer guten Localposse. Schon neigten sich Stöger’s Verhältnisse in Wien sehr zum Niedergange, als ihm ein Zufall zu Hilfe kam. Ferdinand Raimund [Band XXIV, S. 254] hatte sich mit der Direction des Leopoldstädter Theaters entzweit, sein neuestes Stück »Der Verschwender« dem Director Stöger zur Aufführung überlassen und war selbst auch auf dessen Bühne als Schauspieler aufgetreten. S. erzielte mit diesem Stücke, das am 20. Februar 1834 zum ersten Male aufgeführt wurde, eine lange Reihe von ausverkauften Häu­sern. So war jene gefahrdrohende Klippe umschifft. Zu seinem weiteren Glücke ging die zehnjährige Pachtzeit der drei Directoren des Prager ständischen Thea­ters, Kainz, Polawsky und Stepanek, zu Ende. Es wurde ein neuer Concurs ausge­schrieben, und Stöger, von hohen Gönnern unterstützt, trug den Sieg über seine Mitbewerber davon. So konnte er seinen Wiener Contract noch vor Ablauf dessel­ben lösen. Am 1. Mai 1834 eröffnete er die Reihe der Vorstellungen an der Prager Bühne. Innerhalb 48 Stunden waren überraschende Veränderungen mit den inneren Räumen des Schauspielhauses vorgenommen worden. Eine stärkere Beleuchtung, neue und schöne Decorationen, eine brillante Garderobe, Alles sollte michelfen des Publicums Gunst zu erobern, das mit zäher Treue an dem verdrängten Theater-Di­rectoren-Kleeblatt hing. Die ersten Tage gaben wenig Hoffnung auf eine gedeihli­che Zukunft. Als aber am vierten Tage die erste Oper, Rossini’s »Barbier«, mit Pöck, Demmer, Preisinger und Brava in Scene ging, als dann in den spätern Opern Frau Komet-Podhorsky und Fräulein Jenny Lutzer, nachmalige Frau Dingelstedt, auftra­ten, da war Alles gewonnen, und Stöger erfreute sich der allgemeinen Anerken­nung, die beste deutsche Oper, die Prag je besaß, zu dirigiren; ja dieselbe behauptete bald den Rang über die meisten Hofopern Deutschlands. Aber auch im Schauspiel gewann er Kräfte, welche den Ruf der Prager Bühne begründeten, wir nennen nur Bayer [Bd. I, S. 194), Polawsky [Bd. XXIII, S. 57), Feistmantel [Bd. IV, S. 165), Friederike Herbst [Band VIII, S. 361). Stöger’s Unternehmen gedieh, und nun ging er daran, in der Rosengasse ein neues Schauspielhaus, mit welchem eine Re­doute verbunden, und worin auch zechische Stücke gespielt werden sollten, zu er­bauen. Aber dem neuen, 1842 vollendeten Bau zog das Glück aus dem alten nicht nach. Dieses neue Theater ward am 28. September 1842 eröffnet; Told’s »Zauber­schleier« machte wohl einige volle Häuser, aber es waren auch die ersten und letz­ten, was nun folgte, war das Vorspiel des gänzlichen Verfalls, woran Stöger selbst nicht geringe Schuld trug, denn es hatte sich seiner eine unselige Baulust bemäch­tigt. Nachdem er sich in Wysocan angekauft, errichtete er dort eine große Oekono­mie, ferner eine großartige Ziegelbrennerei, und der Director kümmerte sich mehr um seine Felder und Ziegel, als um die Stücke, die man im Theater gab, und die Darsteller, welche dieselben spielten. So ging die Bühne ihrem Verfall ent­gegen, und S. mußte noch froh sein, als ihm die Staatsverwaltung den neuen Bau abaufte, um darin ein Versatzamt unterzubringen. Dies geschah 1846, im zwölften Jahre seiner Direction, mit welchem sein Pacht ablief. Er wurde nicht mehr erneu­ert; Johann Hoffmann [Bd. IX, S. 172, Nr. 23], damals Theater-Director in Riga, übernahm die neue Leitung zu Ostern 1846. Aber das Prager Publicum vergaß trotz der Vernachlässigungen, die sich Stöger in den letzten Jahren hatte zu Schul­den kommen lassen, dessen Verdienste nicht und geleitete ihn, als er am 4. April 1846 mit der letzten Vorstellung schloß, unter Fackelschein und Musik nach Hause. Zwei Jahre privatisirte er, dann übernahm er wieder das Josephstädter Theater in Wien, aber die nun folgende Zeit war nicht danach angethan, die Bühne gedeihen zu lassen. Mit empfindlichen Verlusten gab er das Unternehmen wieder auf. Zu die­sem Ungemach gesellte sich das herbere, der Tod seiner Gattin, die ihm stets durch ihren Geist und Geschmack wie ihre Erfahrung mit Rath und That zur Seite gestanden. Wieder wurde die Prager Bühne ausgeschrieben, und die Erinnerung an ihre Blüthezeit unter ihm war noch so mächtig im Publicum, daß er den Sieg über seine ziemlich zahlreichen Mitbewerber davontrug. Von Ostern 1852 ab war sie ihm für sechs Jahre zugefallen. Wenn auch im Anbeginn die Oper mit Steger (Staszic) [Bd. XXXVIII, Seite 315), Dr. Schmid [Band XXX, S. 282, Nr. 76], Luise Meyer-Dust­mann [Band XVIII, Seite 160, Nr. 96] wieder den Glanzpunct der Stöger’schen Lei­tung bildete, blieb es doch nicht lange so; bald ging es rückwärts. Stöger war alt geworden, er besaß nicht mehr die einstige Energie, und im letzten Jahre seiner Leitung, 1858, war es nur noch die Posse, die das Unternehmen über Wasser hielt. Nun übernahm Director Thomé das Theater, doch blieb S. mit diesem durch gehei­men Contract geschäftlich verbunden. Wieder sollte ein kostspieliger Bau, jener des Neustädter Theaters vor dem Roßthore, zur Krisis führen. In welchem guten Andenken aber Stöger bei den Pragern stand, zeigte sich wieder bei Eröffnung des Neustädter Theaters, bei welcher nur er, obgleich in der Direktion gar nicht ge­nannt, stürmisch hervorgerufen wurde. Denn der aalglatte, unsympathische Direc­tor Thomé erfreute sich wenig Wohlwollens von Seite der Prager. Aus der Krisis, deren nächste Folge die Auflösung der Compagnieschaft war, ging Stöger, wohl mit nicht unbedeutendem Verluste hervor, doch immerhin noch soviel rettend, um sich ins Privatleben zurückziehen zu können. Er übersiedelte nun nach München zu seiner Tochter, aber schon nach drei Jahren ereilte ihn, im Alter von 70 Jahren, der Tod. In der Geschichte des Prager Theaters spielt Stöger neben Liebich die hervor­ragendste Rolle, und wie unter diesem vornehmlich das Schauspiel, so blühte unter jenem die Oper, und das Vierteljahrhundert des Stöger’schen Wirkens an der Pra­ger Bühne als Sänger und Director ist deren bisher nicht wieder erreichte Glanze­poche.

Stöger’s Tochter Auguste widmete sich der Gesangskunst. Zur dramatischen Sän­gerin ausgebildet, betrat sie im Jahre 1858 am königlichen Hoftheater in Hannover die Bühne, kam von dort an das Theater nach München und sang im Frühling 1861 am Wiener Hofoperntheater die Elisabeth in Wagner’s »Tannhäuser«, den Fidelo in in Beethoven’s gleichnamiger Oper, und die Agathe im »Freischütz«. Obgleich ihr Gastspiel glücklich ausfiel, kam es doch nicht zum Engagement. Sie kehrte daher nach München zurück, wo sie bis zum Jahre 1864 verblieb, in welchem sie zum Hof­theater in Darmstadt übertrat. Daselbst wurde sie im Jahre 1865 von einem Halslei­den befallen, das allmälig einen immer schlimmeren Charakter annahm und endlich ihren Tod zur Folge hatte. In München hatte sie sich mit einem Herrn Lehfeld, Stall­meister des Prinzen Karl verheiratet. Wenn auch ihr Spiel Manches zu wünschen üb­rig ließ, ihr Gesang war tadellos. Sie verband mit einem ausgiebigen,in der Mittella­ge klangvollen gesunden Mezzosopran eine seltene Tonhelle und Reinheit in der Aussprache des Gesungenen.

Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik (Wien, 4°.). Herausgeber Jos. Klemm (recte die Fürsten Czartoryeski) VII. Jahrg. (1861), Nr. 20, S. 3l9; »Ne­krolog«. – Dieselben, Nr. 15, S. 233 und Nr. 16, S. 256, über seine Tochter Auguste. – Bohemia (Prager polit. und belletr. Blatt) 1861, Nr. 148 und 149: »Johann August Stöger«. – Zwischen-Akt (Wiener Theaterblatt) 1861, Nr. 126, im Feuilleton.

Dr. Constantin von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. Wien, 1879.


06-13-57* (Althaller)