Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1904) / t_743

Kobell, Louise von, vermählte von Eisenhart, * 13. Dezember 1828 zu München, † ebenda 27. Dezember 1901.

Gewiß sind es nicht bloß Äußerlichkeiten, welche sich Generationen hindurch in den Familien forterben, sondern sicher haften auch nicht selten Neigungen und Begabungen an Kindern und Kindeskindern. Wie viele Beispiele lassen sich davon unter Künstlergeschlechtern aufzählen, unter denen sich nicht bloß der Kunsttrieb, sondern sogar die Kunstart, natürlich unter zeitge­mäßer Fortentwicklung, erhalten zeigt. Eine von diesen Familien ist die der Kobell.

Schon im 18. Jahrhundert blühten die Künstlerbrüder Ferdinand, * 1740 in Mann­heim, † 1799 in München, und Franz, * 1749 in Mannheim, † 1822 in München. In ihre Fußstapfen trat des ersteren Sohn Wilhelm, * 1766 in Mannheim, † 1855 in München. In seiner Art auch der Sohn des zweiten, Franz v. K., * 1803 in München, † 1882 daselbst, denn obwohl Gelehrter von Beruf und als solcher wohlverdient, erwarb er sich doch durch seine künstlerische Neigung zur Dichtkunst eine weitere und zweifellos dauerndere Berühmtheit denn als Mineraloge. Dieser Neigung folg­te auch seine Tochter Louise, unter den schriftstellernden Frauen des vergangenen Jahrhunderts hervorragend.

Geboren zu München, war diese von Seiten beider Eltern eine K., denn auch ihre Mutter Karoline, eine Tochter des obengenannten Wilhelm, trug den Namen K. schon in der Wiege. Kein Wunder, daß Louise schon als junges Mädchen das Vater­haus erfüllt sah von Literatur und Kunst, wozu noch die Anregung kam, daß sie fast ein Jahr mit ihren Eltern in Griechenland verlebte, wohin Franz v. K. im Gefolge des Königs Otto von Griechenland gelangt war. Und als sie sorgfältig erzogen und ge­bildet in ihre reiferen Jahre gelangte, hatte sie die Stellung ihres Vaters in die Krei­se eines Liebig, Bluntschli, Thiersch, Julius Braun, Dingelstedt, Dönniges usw. ge­bracht, wie sie auch im Hause W. v. Kaulbachs mit dem Kunstleben Münchens in enge Beziehung trat, die es auch mit sich brachte, daß sie zeitlebens der bildenden Kunst eine begeisterte Hingebung widmete. Im Elternhause selbst traf sie mit den Dichtern Victor v. Scheffel und Wilhelm Hertz zusammen, welche ihrer eigenen poe­tischen Arbeit manchen Anlaß gaben, während die langjährige und bis an den Tod Döllingers dauernde Freundschaft mit diesem großen Kirchenhistoriker nicht bloß ihren historischen Sinn mächtig anregte, sondern namentlich ihren Blick für die Zeitgeschichte schärfte und klärte.

Gleichwohl trat sie selbst erst verhältnismäßig spät an die Öffentlichkeit. Erst nach­dem sie sich im September 1857 mit dem einer angesehenen Juristenfamilie ange­hörenden August v. Eisenhart, * 3. November 1826 in München, als Jurist in enge­ren, als Reisegenosse Victor v. Scheffels auch in weiteren Kreisen vorteilhaft be­kannt, verbunden, und in den folgenden Jahren sich ganz den Gatten- und Mutter­pflichten gewidmet hatte, begann sie ihrer glänzenden Begabung zunächst da­durch Rechnung zu tragen, daß sie für ihre Kinder wie für Freundeskreise Gelegen­heits- und andere Gedichte schrieb. Für ihre spätere kunst- und kulturgeschichtli­che Tätigkeit grundlegend aber wurde ihre Gepflogenheit, in ausführlichen Tagebü­chern ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen niederzulegen, wozu sie bald nicht mehr bloß im Hause ihres Vaters reichliches Material, sondern auch durch die Stel­lung ihres Gatten Veranlassung in Fülle fand.

Denn v. Eisenhart war 1867 ins kgl. Kabinet berufen und 1869 zum Sekretär Seiner Majestät des Königs ernannt worden, somit in der kritischen Zeit des großen Krie­ges und der Entwicklung des deutschen Reiches, in welcher er, als Staatsrat im or­dentlichen Dienst den bedeutungsvollen politischen Umgestaltungen unmittelbar nahe, in der Umgebung des Königs war und bis 1876 verblieb. Waren es auch nicht die hochpolitischen Fragen, welche der diskrete Gatte im Familienkreise besprach, so konnten doch persönliche Verhältnisse, welche übrigens auch sonst kein Ge­heimnis waren, nicht von den Gesprächen ausgeschlossen bleiben. Louise v. K. hat­te die erfreuliche Eigenschaft, von den Ereignissen und persönlichen Verhältnissen vorwiegend die Lichtseiten zu sehen und festzuhalten, wenn ihr auch bei ihrer Be­kanntschaft mit den Hofkreisen und einflußreichen geistreichen Menschen manche Schatten nicht entgangen sein konnten. Diskret und feinfühlig behielt sie alles bei sich, was ihrer schönen und liebenswürdigen Seele widerstrebend war.

Vorerst freilich waren es mehr novellistische und kulturgeschichtliche Dinge, die sie von den siebziger Jahren an für die Veröffentlichung schrieb. So »Nordseebilder«, ein hübsches Bändchen von Strandgeschichten aus den Ferien- und Badezeiten ihres Gatten, bei Soldau in Norderney 1881 erschienen. Diesen folgten verschiede­ne Aufsätze in »Über Land und Meer« und in der »Illustrierten Zeitung«, humoristi­sche Erzählungen und Kulturbilder aus der Jetztzeit in den »Fliegenden Blättern«, Biographien und historische Essays in der »Deutschen Revue« und Beilage zur »All­gemeinen Zeitung«, von welchen wir die Königin Elisabeth und ihre Zeit, Dekame­rone und Isabella von Bourbon hervorheben. Auch ihr »Parsival, eine Sage« (1888) wurde viel gelesen.

Ihre kunst- und kulturgeschichtliche Tätigkeit hatte sie mit Aufsätzen über die Brun­necker Trinkstube, über die Schatzkammer und die Reiche Kapelle in der Münche­ner Residenz, über das Münchener Zeughaus usw. begonnen, Arbeiten, welche zu­meist in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung und in der Wiener Neuen Freien Pres­se niedergelegt sind.

Eine Reihe von Jahren beschäftigte sie dann das Studium der Miniaturkunst, wel­chem sie eine beträchtliche gelehrte Arbeit an der Münchener Hof- und Staatsbi­bliothek und eine Fülle von Literaturauszügen widmete, eine Arbeit, zu welcher sie auch ihre bedeutenden Sprachenkenntnisse hervorragend befähigten. Das Pracht­werk »Kunstvolle Miniaturen und Initialen aus Handschriften des 4.-16. Jahrhun­derts mit besonderer Berücksichtigung der in der Hof- und Staatsbibliothek zu München befindlichen Manuskripte; geschichtliche Beiträge von L. v. Kobell«, 1890, ist ein Werk von bleibender Bedeutung, das auch eine 2. Auflage erlebte und durch die goldene Ludwigsmedaille geehrt wurde. Eine überaus reiche Ausstattung in Al­bertotypie, wie der anziehende, historische Begleittext, dessen Wärme, Faßlichkeit und Übersichtlichkeit wie keine andere Publikation dieses Gegenstandes in den schwierigen und spröden Stoff einführt, machen das Werk in hohem Grade ver­dienstlich.

Die darauf folgende Arbeit war »Ignaz v. Döllinger« (1891), auch in englischer Über­setzung erschienen; in den wichtigsten Teilen dadurch von hoher Bedeutung, daß die Verfasserin durch 12 Jahre hindurch, an der Seite ihres Gatten den gelehrten Stiftspropst auf den allwöchentlichen Spaziergängen im Englischen Garten gelei­tend, Gelegenheit gefunden hatte, die Urteile des greisen Forschers über histori­sche und zeitgenössische Fragen in ihrem Gedächtnis aufzuspeichern.

Der Verkehr mit Döllinger kam zum Teil auch dem nächsten größeren Werke L. v. K.s zu statten, das »Unter vier Königen« betitelt, 1894 in zwei Bänden erschien, un­ter den Memoiren der Neuzeit eine nicht geringe Rolle spielt und selbst für die be­reits fernerliegende Zeit der Epoche König Max’ I. und Ludwigs I. (Philhellenismus und 1848er Revolution) manchen beachtenswerten Beitrag lieferte. In rascher Fol­ge gingen diesem Hauptwerke kleinere Arbeiten zur Seite, wie König Ludwig II. und Bismarck, König Ludwig II. und die Kunst, die Königsschlösser, namentlich aber die schöne Erzählung »Marie Alphonse« (1894) und »Münchener Porträts, nach dem Leben gezeichnet«, und zuletzt ein feinsinniger Essay »Farben und Feste«.

Die tätige Frau verabsäumte bei dieser umfänglichen Produktion ihre häuslichen Pflichten keineswegs. Den ihr Näherstehenden bleibt es in rührender Erinnerung, wie sie ihren nervenkranken Gatten pflegte und durch die Straßen Münchens gelei­tete. Auf die Freude, ihre Tochter Helene 1882 an den bekannten Mineralogen und Geologen Dr. Konrad Oebbeke, Prof. am Münchener Polytechnikum, vermählt zu sehen, folgte 1895 der herbe Schmerz, ihrem einzigen Sohn Heinrich, als dieser be­reits seine ärztliche Praxis eröffnet hatte, ins Grab zu sehen. Jetzt bot ihr die schriftstellerische Tätigkeit hauptsächlich Trost und Zerstreuung. Reisebeschreibun­gen und zehn ihrer Enkelin Emma Oebbeke gewidmete Jugenderzählungen füllten ihre Zeit, und noch am Tage vor ihrem Tode erschien in den »Münchener Neuesten Nachrichten« eine kleine Weihnachtsgeschichte: »Der alte Plunder«.

Am 27. Dezember 1901 erlosch ihr ebenso rühriges wie erfolgreiches Leben.

F. v. Reber.

F. v. Reber: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1904.


11-12-17 (Eisenhart & Oebbeke)