Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1904) / t_1179

Resch, Josef. Porträt-Zeichner und Maler, * 24. Oktober 1819 zu München, † 19. April 1901 ebendaselbst. Als der Sohn eines biederen Stadt- und Domchormusikers war R. anfangs bestimmt, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und erhielt des­halb eine darauf bezügliche, gründliche und praktische musikalische Bildung. Als­bald auch mit Malern bekannt, insbesondere mit Bernhard Neher (1806-1886), wel­cher den Knaben auf seinem großen, den Einzug Kaiser Ludwigs IV. in seine ge­treue Stadt München vorstehenden Freskobilde (am Isartor) mit voller Porträtähn­lichkeit verwendete, begann R. zu zeichnen und handhabte alsbald den Stift eben­so energisch und geschickt wie den Fiedelbogen. Darum fand er 1844 bei dem da­mals hochgerühmten Joseph Bernhardt (1805-1885) Aufnahme in die Schar seiner Schüler; der Meister beglückte ihn mit der Erlaubnis, nicht allein einzelne seiner vielgesuchten Leistungen durch Lithographie vervielfältigen zu dürfen, sondern verwendete ihn auch bei Kopierung seiner Originale und zur weiteren Ergänzung des Schmuckes und sonstigen Beiwerkes, insbesondere bei Damen-Portraits. Bern­hardt erteilte seinem Scholaren den leichtbegreiflichen weisen Rat, ja möglichst we­nig in Öl zu malen, sich ganz auf das Aquarell oder die Lithographie zu werfen und selbe insbesondere in berühmten Badeorten zu verwerten.

Demgemäß wendete sich R. seit 1846 gerne zur Saison nach Kissingen, wo er eine Menge Engländer und Russen, darunter auch Kaiser Alexander II. unter seinen Pin­sel gewann, sehr viele schöne Aquarelle, insbesondere aber höchst geistreich be­handelte Silberstiftzeichnungen fertigte, wodurch der junge Mann bald eines guten Rufes sich erfreute. Ebenso bahnten ihm aber auch seine musikalischen Fähigkeiten den Zutritt in die Salons und in das damalige High-life, bis ihm erst Daguerres Erfin­dung Eintrag tat und die nun folgende Photographie ihn verdrängte. Viele Bildnisse zeichnete R. gleich auf Stein oder reproduzierte Porträts nach Friedrich Kaulbach (1822-1903) und anderen, darunter das ob ihrer Schönheit gefeierte Frl. v. Heiligen­stein, den Historienmaler B. Neher, den allbeliebten Hofschauspieler Fr. Dahn, die Pianistin Rosa Kastner, den Charaktermimen Fr. Haase und den englischen Sprach­lehrer und Schriftsteller Richard Raby nebst dessen schönlockiger und anmutiger Gattin und unzählige andere damalige Zelebritäten. Eine viel verbreitete Lithogra­phie zeigte den König Max II. in Zivilkleidung, der Königin Maria den Arm bietend. Auch den Schulmeister Bacherl, welcher die Autorschaft für den »Fechter von Ra­venna« gegen Fr. Halm (Freiherrn v. Münch-Bellinghausen) in Anspruch nahm, ver­ewigte R. durch eine Steinzeichnung.
Daneben kultivierte R. im Wetteifer mit Karl August Lebschee (1800-1877) und dem minutiösen Architekturmaler Michael Neher (1798-1876) das Gebiet altertümlicher Städteansichten, insbesondere alter, malerischer Teile aus Münchens ehemaligen Straßen, Basteien und Winkelwerk; R. ging auf gleicher Suchefahrt nach Oberitalien (Marktplatz in Peschiera, 1854) und Südfrankreich, wo er, insbesondere zu Lyon, prächtige Ausbeute einheimste und zu anziehenden Bildchen verwertete. Vieles verwendete er auch zu Holzschnittzeichnungen für die »Leipziger Illustrierte Zei­tung« und anderer ähnliche Journale.

Außerdem ließ er seinem immerblühenden Humor gerne die Zügel schießen. So zeichnete er für die »Münchener Bilderbogen« (Nr. 717) in 16 Kroquis alle Phasen eines den »Karneval von Venedig« vortragenden italienischen Konzertgeigers, die obligaten Exzentrizitäten eines Virtuosen, außerdem eine zahllose Menge von Kari­katuren zu Martin Schleichs mutwilliger Wochenschrift »Punsch«. Diese ihm hoch­gradig eigene Begabung brachte R. auch auf die berühmtesten Träger der »Zu­kunftsmusik« in Anwendung; die bittersten Spottbilder auf den »Meister», auf Bülows höchst unruhige Dirigentenmethode, auf die ersten Träger der Tristan- und Isolden-Rollen (Schnorr und Schnörrin). Einen guten Teil dieser Schnurren – darunter auch viele auf Napoleon III. – behielt R. für sich oder beglückte nur durch photogra­phische Reproduktionen in Visitenkartenformat seine verschwiegenen Freunde mit diesen und ähnlichen Einfallen seiner guten oder bösen Laune.

Seiner Geige blieb er immer zugetan. Der gute Sohn vertrat den kranken Vater bei jeder Gelegenheit. Aber auch bei Künstler- und Sängerfesten, bei Sonnenwendfeu­ern der Liedertafel, in der Privatgesellschaft der sog. »wilden Gungel« ließ er sein Saitenspiel erklingen, wozu er sich nach eigener Invention ein originelles, mit Stahl­saiten bezogenes Instrument gebaut hatte, welches mit seinen fibrierenden Klän­gen das Fortissimo eines jeden vollarbeitenden Orchesters übertönte. Er hätte die Wette aufgenommen mit den sechs, das Schmieden des Siegfriedschwertes beglei­tenden Ambossen. Welche Nutzanwendung hatte Richard Wagner daraus erzielt! Außer dem Erfinder hätte schwerlich ein anderer Künstler darauf zu fingern ver­mocht. Vielleicht nur Volker v. Alzey mit seinem Schwertfidelhogen! Spielte R. in seiner Wohnung, »wie ertoste da das Haus!« Eine wahre Nibelungengeige.

Aber R. hütete dieses sein geliebtes Kleinod auch mit Argusaugen und hätte das­selbe lieber vernichtet und zerschlagen, als dem bestgehaßten Meister ausgelie­fert. Alle Aussichten auf goldene Erfolge, die ihm wohlmeinende Freunde aufroll­ten, wies er zornentbrannt zurück. R. war und blieb ein alter Heger und Pfleger der »klassischen Musik», ein unverbrüchlicher Freund und Verehrer Franz Lachners, welchen er in Bild und Wort mit mannhafter Festigkeit und Energie hochhielt, ob­wohl derselbe seine Geige ignorierte. R. war ein echter Charakterkopf, wie jene Tondichter, welche Riehl in so unübertrefflicher Weise schilderte.

So stand es auch mit jenem Glaubensbekenntnis im Gebiete der Malerei. »Die alten Zöpfe« – ein Titel, womit unsere Jugend auch Overbeck und Cornelius traktiert, – hatten es ihm nun einmal angetan; ihnen untreu zu werden, hätte R. für Verrat ge­halten, obwohl seine eigene Natur schon weit von ihnen beiseite lag. Der übrigens immer höchst gefällige, weichherzige, von unendlicher Freundestreue beseelte, stets opferwillige Künstler, welcher aus Liebe zu den Seinen auf jegliches Lebens­glück verzichtete und sich demütig mit einer neidlosen Zeichnungslehrerstelle am kgl. Erziehungsinstitute begnügte, die ihm endlich den mageren Titel eines »Pro­fessors« einbrachte, wurde am 24. Juli 1893 von einem Schlaganfalle gestreift, des­sen Folgen seine vielverzweigte Tätigkeit gänzlich lähmten. Zu seinen größten Lei­den gehörte auch der Schmerz, seinen ältesten Freunden und Zeitgenossen ins Grab schauen zu müssen. An ihre Stelle traten jüngere, edle Seelen, welche alle Liebe aufboten, ihm über die schwersten Stunden und Jahre hinwegzuhelfen und die Sorge von seinem langen Schmerzenslager zu bannen, bis der Tod den müden Dulder zur letzten Ruhe bestattete. R. hatte achtzehn Jahre lang eine Taube; als sie an Altersschwäche starb, ließ er sie in einem luftdichten Blechkistchen verlöten und traf die Anordnung, ihm dasselbe dereinst unter das Haupt in den Sarg zu legen; ob das geschah? Was ist aus seiner Geige geworden?

Vgl. Abendblatt 111 »Allg. Ztg.« 22. April 1901. Fr. von Bötticher, »Malerwerke« II., S. 386.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1904.


04-11-31 (Resch)