Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1900) / t_232

Hiendlmayr, Sebastian, Humanist und Kunstmäcen, * 3. Januar 1819 in Mitterast (bei Straubing), † 27. Januar 1899 zu München. Seine Eltern, Kleingütlerleute, be­stimmten den schwächlichen Knaben zum Studium in Freising; frühe verwaist und mittellos, kam H. bei einem Gürtler in die Lehre, trat nach dreijähriger Wander­schaft bei dem wohlbekannten Meister Rockenstein zu Salzburg in Condition und später zu München, wo er sich sehr vortheilhaft verheirathete, das Kaufmannsge­schäft seines Schwiegervaters übernahm und durch Thätigkeit, Fleiss und Umsicht, insbesondere in der Caffee-Branche, bald in grossen Flor brachte. In zweiter Ehe mit der Kaufmannswittwe Guilini verheirathet, hatte H. mit finanziellen Operatio­nen grosses Glück und erwarb ein höchst ansehnliches Vermögen, welches er zu wohlthätigen Zwecken und Kunstbestrebungen edelsinnig verwendete. Zwanzig Jahre lang bethätigte er sich mit eifrigster Mühewaltung im Armenpflegschaftsrath der Stadt und versah von 1865 bis zu seinem Ableben die Stelle eines Cassier und Schriftführers im Waisen-Verein; er war auch persönlich stets ein freigebiger Freund und Gönner der Armen.

Mit leidenschaftlicher Vorliebe erfasste H. den Plan, der, durch Georg von Doll­mann 1864 bis 1895 grösstentheils durch freiwillige Beiträge, im Spitzbogenstil er­bauten Stadtpfarrkirche in Giesing zur inneren Ausschmückung zu verhelfen. Nach­dem König Ludwig II. die Fenster des Hauptchores mit Glasgemälden zu zieren be­schlossen hatte, übernahm H. die Herstellung eines Fensters im Seitenschiff; ferner wusste H. den Grosshändler Joh. Carnot († 1890) zu bestimmen, dass er die Anfer­tigung des Hochaltares und zwar mit Sculpturen des Bildhauers Jos. Beyrer votirte, welchem der eifrige H. dann auch sämmtliche Bildhauerarbeiten übertrug. Diese bestanden aus 14 originell erfundenen Kreuzwegstationen, den zwölf Standbildern der Apostel, aus zwei figurenreichen, die Anbetung der Könige und die Einsetzung des Abendmahles darstellenden plastischen Gruppenbildern, dazu kam noch die Herstellung der meisterhaften Kanzel (mit Figuren von dem talentvollen Sohne Bey­rers) und einiger weiteren Sculpturen: so dass die einheitliche plastische Aus­stattung dieses Bauwerkes sowohl dem grossmüthigen Stifter wie auch dem Künst­ler zu steten Ehren gereicht.

Dazu fügte H. nicht allein zwei hohe gleichfalls stilgerechte Fahnenkästen und zwei grosse Glasgemälde in die Giebelfenster, sondern gründete, nachdem er für alle diese Arbeiten über 100 000 Mark verwendet hatte, auch noch ein mit 70 000 Mark dotirtes Prediger-Benefizium. Dazu documentirte er seine wohlthätigen Bestrebun­gen durch zahlreiche testamentarische Legate; so erhielt das Waisenhaus der Stadt München ein Capital von 200 000 Mark. In jüngeren Jahren paradirte H. als statt­licher Grenadierhauptmann der Bürgerwehr, welcher alle Ehre daran setzte, seine Compagnie in musterhafter Disciplin zu halten. Auch excellirte H. als kühner Alpist, Mineralog und Botaniker, der eine wohlgeordnete Sammlung von 40 000 Species aufspeicherte. König Ludwig verlieh dem unermüdlichen Armenvater den Michael-Orden II. Classe und Papst Leo XIII. ehrte ihn durch das Ritterkreuz des Gregorius-Ordens. Mit Recht rühmt der Nachruf im 50. »Jahresbericht des Waisenvereins« für 1898 S. 15 ff.: »Was immer H. that, verrichtete er mit einer so liebenswürdigen Bescheidenheit und so frei von jeder Selbstgefälligkeit, dass ihm das seltene Lob gebührt: er war ein Mann, der die geringsten Ansprüche erhob und die höchsten erfüllte.«

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1900.


04-02-39/40 (Hiendlmayr)