Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1898) / t_925

Höchl, Anton, Architecturmaler, * am 20. Februar 1820 zu München, † am 21. Fe­bruar 1897.

H. war der Sohn des durch eine Menge von Bauwerken wohlbekannten Stadtbau­meisters Jakob Höchl (* am 5. März 1777, † am 6. Januar 1838), welcher als Mau­rermeister bei vielen Schöpfungen König Ludwig I. thätig war und durch artistische Privatbauten ein höchst ansehnliches Vermögen erwarb. Da der Vater die Ansicht hegte, dass jedes Handwerk einen goldenen Boden habe, so musste der reiche Bürgerssohn von der Pike auf dasselbe gründlich kennen lernen, frühzeitig Mörtel rühren und Steine tragen, als Maurer in Tagelohn sich zum Palier durcharbeiten und nebenbei wacker zeichnen und rechnen. Beides verstand er bald gründlich, insbe­sondere das Rechnen; beim Zeichnen kam seine künstlerische Anlage zum Durch­bruch, welche sich in anerkenneswerther Weise geltend machte. So fertigte der junge H. die Modelle zu dem aus gebrannter Ziegelerde bestehenden Prachtthore der königl. Salinen-Administration in der Ludwig-Strasse. Leider blieb das schöne Vorbild, dieses dem Münchener Clima so angepasste Material künstlerisch zu ver­werthen, ohne weitere Nachfolge.

Nach dem Ableben des Vaters, eines ausserordentlich ernsten, streng rechtlichen und gewissenhaften Geschäftsmannes, der indessen nicht ohne künstlerische Inter­essen war und in seiner Jugend mit hellen Augen Italien bereist und viele interes­sante Studien gezeichnet und angesammelt hatte, wendete sich H. zur Kunst und erwählte unter der Leitung von Michel Neher (1798-1876) die Architecturmalerei als dilettantischen Lebensberuf. Den Betrieb seiner, in bester Lage auf dem rechten Isarufer weit ausgedehnten Ziegeleien setzte er fort, auch aus dem echt humanen Interesse, den braven Arbeitern seines Vaters nicht den Stuhl vor die Thüre zu stel­len; er hielt diese Maxime beinahe zeitlebens fest, als später der Tagelohn bedeu­tend gestiegen war und die reich angewachsene Concurrenz den Ertrag gewaltig herabdrückte. Nur widerstrebend liess er sich herbei, seine alten Mietheinwohner im Hauszins zu steigern, obwohl die officielle Einschätzung den wirklichen Ertrag seiner Häuser theilweise öfters überschritt. In dieser Beziehung obwaltete bei ihm ein conservatives Element, welches ihn mit seinen Inwohnern in eine fast cordiale Beziehung brachte, welche sich auch nicht abschwächte, wenn diese sein Dach und Fach verliessen und anderswohin verzogen. Dagegen war er freilich kein Freund von verbessernden Neuerungen, er hätte am liebsten Alles auf dem alten Fusse ge­lassen; selbst die dringendsten Reparaturen erfolgten nur nach langen Vorstel­lungen, auf besondere Fürsprache und Bitte.

Auf seinen kleinen Oelbildern und zahlreichen Aquarellen schilderte er mit grosser Vorliebe das altertümliche Winkelwerk Altmünchens, mit dessen Häusern, Thoren, Thürmen und Basteien, welche allmählich der Neuzeit weichen mussten und jetzt schon ein gesteigertes, historisches Interesse für sich in Anspruch nehmen. Seine Aufnahmen waren möglichst treu und wahr; zu der minutiösen Ausführung seines Lehrers Neher fehlte ihm aber die fleissige Geduld; H. liebte mehr eine behagliche Breite des Vortrags, ohne sich in besondere Stimmung allzu ängstlich zu vertiefen. Mit gleicher Vorliebe und Umsicht besuchte er auch andere Städte und Marktfle­cken, Schlösser und Burgen Altbayerns und Frankens. Mit solchen Schilderungen beschenkte H. die historischen Vereine, das National-Museum und andere Samm­lungen auf das Freigebigste. Zur unsäglichen Freude gereichte es ihm, wenn seine Bilder unerwarteten Absatz und Käufer fanden. Dieses wohlverdiente Geld galt für ihn als ein »Schatz«, ebenso wie der früher so schwer erworbene Tagelohn.

Seiner geschäftlichen Thätigkeit wegen, wozu wohl eine mit dem Alter zunehmen­de Bequemlichkeit mithalf, verzichtete er auf eine lang geplante Studienreise nach Venedig. In jüngeren Jahren machte er mit seiner Frau – er hatte ein ganz armes, braves Mädchen geheirathet – eine Fahrt nach Paris, welche aber gar keine künstle­rische Ausbeute und keine Aenderung in seiner Technik und Farbe brachte. Dage­gen sammelte H. eine schöne Galerie von kleinen Bildern, womit er fast alle seine Zeitgenossen in lehrreicher Weise vereinte. Hierbei mag ihm bisweilen wohl auch die Charitas manches Stück geliefert haben; für solche edle Bestrebungen besass er eine höchst freigebige, aber nicht immer offene Hand. Einen verschollenen Mari­nemaler subventionirte H. grossmüthig, ohne dass der Betroffene volle Kenntniss erlangte, woher die Hülfe kam. Einem unverschuldet gefährdeten Collegen ge­währte er die Mittel, wieder festen Fuss zu fassen. Ausser der Malerei cultivirte H. eine gemüthliche Hausmusik und spielte dabei Cello und Bratsche mit überra­schend tiefer Empfindung. Geschichtlichen Studien oblag er gern, durch ein nei­denswerthes treues Zahlen- und Datengedachtniss unterstützt. Auf seiner, am Res­te eines ehedem gewaltigen, weit verzweigten Stadtwaldes liegenden Ziegelei gründete er sein stilles Tusculum, aus welchem er täglich zu seiner innigst geliebten alten Mutter und in das benachbarte »Tivoli« oder zu den abendlichen Symposien des Herzogs Maximilian (1808-88) fuhr, welcher den sonst so stillen Mann seines gediegenen Wissens und Charakters wegen schätzte.

Auf einer seiner nächtlichen Rückfahrten wurde H. im Winter 1885 von vier Strol­chen überfallen und nur durch glücklichen Zufall vor weiterer Gefahr gerettet. Von da an schloss er sich noch enger ab und besuchte nicht einmal mehr seinen schö­nen Waldfrieden, welchen eine von Heinrich Natter gemeisselte Colossalstatue Wotans krönte. Nach dem 1893 erfolgten Ableben seiner Gattin verschwand H. ganz in der Stille seines Hauses, kaum einigen Auserwählten bisweilen einen kurzen Zutritt gewährend, vielfach geplagt von den wirklichen oder auch eingebildeten Zufällen und Launen des Alters, bis er ohne besondere Krankheit am 21. Februar 1897 den unabänderlichen Gesetzen der Natur erlag.

Sein umfangreiches Vermögen und die Verwaltung desselben hatte ihm sicherlich mehr Kummer, Sorgen und Verdruss als Vergnügen oder Genuss bereitet. H. hat an dritthalb Hundert Bilder gemalt. Als ihm die Ausflüge zu eigenen Skizzen und Stu­dien lästig wurden, sendete er gute Photographen nach verschiedenen Gegenden Altbayerns zur Aufnahme von denkwürdigen Grabdenkmalen, Skulpturen und Bau­werken von historischer Bedeutung und stiftete solche Reproductionen in Vereine und wissenschaftliche Sammlungen mit unermüdlicher Liberalität. Einen grossen Theil seiner umsichtig angelegten Gallerie von Gemälden gleichzeitiger Künstler vermachte H. der Königl. Neuen Pinakothek, wo sie zur Erinnerung des Stifters eine ganze Wand in einem der grösseren Cabinete füllen. Seine nicht bloss Bavari­ca, sondern viele grosse Geschichtswerke und erhebliche Kunstliteratur umfassen­de Bibliothek stiftete H. in die Sammlungen des Historischen Vereins von Oberbay­ern, dazu seine Collection von älteren Münzen, Waffen und Skulpturen, dazu die ganze Folge seiner von 1831 bis 1896 laufenden Tagebücher, in welchen er die Hauptereignisse aus Politik und Tagesgeschichte verzeichnete und alle berühmten, im Gebiete des Wissens oder der Kunst verdienten Namen mit charakteristischen Zusätzen und Reflexionen eintrug: eine Art biographisches Urkundenbuch, welches wohl zu weiterer Mittheilung und Bearbeitung reizen dürfte. Mit einer grossen An­zahl von Legaten bedachte H. eine Menge von Vereinen, gemeinnützigen Genos­senschaften und Stiftungen, darunter die Waisen- und Armen-Anstalten, auch die Freiwillige Feuerwehr Münchens, welchen er zeitlebens gerne gespendet hatte.

Vergl. Abendblatt 54 »Allgemeine Zeitung« vom 23. Februar 1897. Kunstvereins-Bericht für 1897. S. 73.

Hyac. Holland.

Dr. phil. Hyazinth Holland: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1898.


02-07-01/02 (Höchl)