Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1897) / t_1753

Kerschensteiner, Josef von, wurde am 23. Mai 1831 zu München geboren. Er be­suchte die dortige Schule gleichzeitig mit Nussbaum, dem späteren Chirurgen, und zeichnete sich durch seine Vorliebe für Geschichte und durch seine musikalische Begabung aus. Im Alter von 17 Jahren begann er das Studium der Medicin an der Universität München. Nach der Beendigung desselben wurde er Assistent, zuerst am Hauner’schen Kinderspital, dann an der medicinischen Klinik, die damals unter der Leitung des Professors v. Pfeuffer stand. Die machtvolle Persönlichkeit des letz­teren, der sich Niemand entziehen konnte, übte auch auf K. einen grossen Einfluss aus. Zur Vervollständigung seiner ärztlichen Ausbildung begab er sich dann nach Wien und liess sich 1858 als praktischer Arzt in Mering bei Augsburg nieder, wo er bald eine grosse Clientel erwarb. Im Jahre 1861 wurde er zum Bezirksarzt in Augs­burg ernannt, 1872 zum Medicinalrath befördert und als Sanitäts-Referent der Re­gierung von Mittelfranken in Ansbach zugetheilt. Schon im nächsten Jahre wurde er in gleicher Eigenschaft nach München versetzt. Im Jahre 1879 trat er als Ober-Medicinalrath in das Ministerium des Innern ein und erhielt die Leitung der ge­sammten Sanitätsverwaltung Bayerns. Er gehörte durch längere Zeit zu den Her­ausgebern der Münchener medicinischen Wochenschrift; auch war er ein fleissiger Mitarbeiter von Friedreich’s Blättern. Seine Arbeiten betrafen die praktische Medi­cin, besonders die Kinderheilkunde, ferner die gerichtliche Medicin, Medicinal-Poli­zei und Geschichte der Medicin. In weiteren Kreisen bekannt wurden seine Aufsät­ze über die Fürther Industrie, die Münchener Canalisation, die Mortalitätsstatistik und Kinderheilstätten, die Methoden der epidemischen Forschung, die Verschlep­pung der Masern, des Scharlachs und der Blattern durch gesunde Personen, die Krankenhäuser für kleinere Städte und Ländliche Kreise und die Bekämpfung der Cholera, sowie seine historischen Schilderungen von Theophrastus Paracelsus, Ma­lachias Geiger und Franz Thiermayer. In seiner amtlichen Stellung erwarb er sich grosse Verdienste durch die wohlwollende Förderung, die er den Aerztekammern und ärztlichen Bezirksvereinen zu Theil werden liess, durch die Verbesserung der Morbiditätsstatistik der Infektionskrankheiten, und der Anzeigepflicht bei anste­ckenden Krankheiten, durch die Vervollkommnung des Impfwesens, durch die Vor­schriften über Leichenbeschau, durch den Erlass einer neuen Hebammen-Instrukti­on und einer neuen Bader-Ordnung. Auch nahm er an der Durchführung der social­politischen Gesetzgebung, namentlich an den Vorbereitungen für ein Seuchenge­setz, an der Regelung des Apothekerwesens, an der Herstellung der neuen deut­schen Pharmakopoe und an den Verhandlungen über die ärztliche Prüfungs­ordnung Theil. Er war ein hervorragendes Mitglied des deutschen Vereins für öf­fentliche Gesundheitspflege und des ärzlichen Vereins in München und stand an der Spitze mehrerer Unterstützung- und Pensionsvereine für Aerzte. Desgleichen förderte er den Volksbildungsverein in München und rief dort die populären wis­senschaftlichen Vorträge ins Leben. In der neugegründeten Haushaltungs-Schule ertheilte er selbst, obwohl mit Geschäften überlastet, den Unterricht in der Ge­sundheitspflege. Dabei war er auch als Praktiker thätig und wurde gern zu Consul­tationen gerufen. K. wurde zum Geheimrath ernannt, in den Adelstand erhoben und mit bayrischen und fremden hohen Orden reich geschmückt. Gleichwohl blieb er bescheiden und einfach, ein Gegner alles Streberthums. Sein klares kluges dunk­les Auge wusste den Leuten in die Seele zu schauen. Sein derbes knorriges Aeusse­re barg ein edles Gemüth, welches jederzeit bereit war, das Gute zu unterstützen. Den ihm unterstellten Aerzten war er ein wohlwollender Vorgesetzter.

Ein überaus glückliches Familienleben gab ihm die nothwendige Erholung von sei­ner anstrengenden Berufsthätigkeit. Hier und im Kreise seiner Freunde, denen er treu blieb, pflegte er der heiteren Geselligkeit; als vortrefflicher Sänger und Flöten­bläser, sowie als witziger, geistsprühender Tischredner war er überall beliebt. In den letzten Jahren wurde er stiller; ein Herzleiden quälte ihn und führte am 2. Sep­tember 1896 seinen Tod herbei.

C. Merkel in der Münchener medicin. Wochenschrift. 1896. No. 43.

Th. Puschmann.

Theodor Puschmann: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1897.


11-02-41 (Kerschensteiner)