Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog (1897) / t_1176

Reizenstein, Franziska von (Franz von Nemmersdorf) wurde am 19. Septbr. 1834 (u. a. 1837) auf Schloss Härdenstein in Schwaben als die Tochter des Augsburger Oberappellationsgerichtsrats von Nyss geboren, erhielt eine äusserst sorgfältige Erziehung und durch diese Geschmack an ernsten Studien, welche sonst dem weib­lichen Unterricht fern liegen, namentlich an Geschichte, Philosophie, klassischen Sprachen und Anthropologie im weitesten Sinne.

Auch körperlich mit allen Reizen der Schönheit ausgestattet, verheiratete sie sich, kaum an den Grenzen der Kindheit angelangt, mit dem königl. bayrischen Rittmeis­ter bei den Kürassieren, Freiherrn von Reizenstein, den sie aber schon nach vierjäh­riger Ehe durch den Tod verlor. Seitdem lebte sie der Gesellschaft, der Litteratur (Gutzkow weihte sie in die ersten Kunstgriffe der Schriftstellerei ein) und ihren Rei­sen, die sie nach Italien, Frankreich und Russland führten, und auf denen sie als eine scharfe Beobachterin Welt und Menschen studierte.

Mit besonderer Vorliebe weilte sie in der Lagunenstadt Venedig, die denn auch den Hintergrund vieler ihrer Romane bildet. Ihr erster entstand nach einem Winterauf­enthalt in Rom und Neapel; er führte den Titel »Unter den Ruinen« (IV, 1861). Dann folgten »Moderne Gesellschaft« (IV, 1863), »La Stella« (1863), »Doge und Papst« (II, 1865), »Allein in der Welt« (III, 1868), »Unter den Waffen« (III, 1869), »Ritter unserer Zeit« (III, 1873), »Ein Gentleman« (IV, 1874), »Ein Ehestandsdrama in Venedig« (IV, 1876), »Die Masken des Glücks« (1876), »Gebt Raum!« (III, 1880), »Das Rätsel des Lebens« (II, 1894) und zwei Studien aus dem Leben »Der Kampf der Geschlechter« (1891) und »Aus gärender Zeit« (1895).

Die Verfasserin hat in ihrem Denken und Fühlen einen männlich-energischen Zug; sie vertritt eine freie weltmännische Auffassung mit vornehmem, aristokratischem Anstrich und giebt in einem gesunden Realismus das Spiel der menschlichen Lei­denschaften wieder. Als Kuriosum mag noch erwähnt werden, dass sich Freifrau von R., nachdem ihr eine Wiener Lotterie dass »grosse Loos« zugeworfen, 1882 in München, ihrem ständigen Domizil, ein Haus kaufte, das sie nach dem Vorbilde der englischen Gräfin Mary de la Torre zu einem grossartigen Katzenasyl einrichtete, wofür ihr die dankbare Nachbarschaft den vulgären Beinamen »Katzenbaronin« vo­tierte. Sie starb in München am 4. Juni 1896.

Persönliche Mitteilungen. Berliner Tageblatt vom 8. Juni 1896. Franz Bornmüller: Schriftsteller-Lexikon der Gegenwart. Leipz. 1882. S. 522.

Franz Brümmer.

Franz Brümmer: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Berlin, 1897.


NA-105 (Reitzenstein)