Biographische Blätter (1895) / t_634

Moritz Carriere.

Von
Franz Muncker.

Am 18. Januar 1895 starb zu München in hohem Alter der Ästhetiker Moritz Carrie­re. Über ein halbes Jahrhundert lang hatte er ein ebenso mannigfaltiges wie se­gensreiches Wirken als Lehrer und als Schriftsteller entfaltet, bis zu seinen letzten Stunden unermüdlich im Dienste der Wissenschaft, ein nie entmuthigter Streiter für Geistesfreiheit, für das, was er als wahr, gut und schön erkannte, ein Denker und Forscher, der den Blick stets nur auf die edelsten Ziele gerichtet hielt, zugleich aber ein wahrhaft vornehmer, liebenswürdiger Charakter, der im milden, hilfreichen Han­deln für diejenigen, an deren Tüchtigkeit er glaubte, aufopferungsvoll sich nicht ge­nug thun konnte. So folgt ihm denn auch die verdiente Verehrung, noch mehr aber die dankbare Liebe aller, die ihn nicht bloss oberflächlich kennen lernten, über das Grab hinaus.

Carriere wurde am 5. März 1817 in dem oberhessischen Dorfe Griedel bei Butz­bach geboren. Sein Vater war Rentamtmann daselbst. Seine erste Vorbildung er­hielt der Knabe durch Privatunterricht bei dem später durch politische Verfolgung in den Tod getriebenen Dr. Frd. Ludw. Weidig, der damals Konrektor in dem nahen Butzbach war. Im Herbst 1832 wurde er in die Sekunda des Gymnasiums zu Wetzlar aufgenommen. Unter seinen Mitschülern that er sich rasch hervor. Schon im Sep­tember 1833 hielt der inzwischen zum Primaner Beförderte bei der Schlussfeier des Schuljahres eine deutsche Rede über das Thema: Warum und inwiefern ist das ju­gendliche Alter das glücklichste zu nennen? In denselben Tagen durfte er auch im Namen seiner Mitschüler beim Abschiede des nach Ilfeld berufenen Professors E. W. Wiedasch dem verdienstvollen und geliebten Lehrer ein eigenes deutsches Ge­dicht in brav gereimten Stanzen überreichen, wohl die erste seiner litterarischen Arbeiten, die zum Druck gelangte (im Wetzlarer Gymnnsialprogramm 1833). Die glatt fliessenden Verse mit ihrer sauberen, schwungvollen Sprache enthalten zwar noch keine besonders eigenartigen oder bedeutsamen Gedanken; immerhin aber muthet es uns wie eine Vorahnung der Ziele an, die Carriere später unablässig ver­folgte, wenn schon der Sechzehnjährige dem scheidenden Lehrer begeistert dank­te, dass er ihm »das tiefversteckte Fliessen des Wahrheitsborns« gezeigt, ihn zum »Heiligthum des Schönen« geführt, sein Auge an das Ideale gewöhnt habe.

Seit 1835 studirte Carriere in Giessen und Göttingen, vom Herbst 1837 an in Berlin, bis er im Juli 1838 zum Doktor der Philosophie promovirte. Schon vor diesem äus­seren Abschlusse seiner Studien aber war er als Schriftsteller öffentlich hervorge­treten, 1837 zu Güttingen mit einer umfangreichen lateinischen Abhandlung »De Aristotele Platonis amico ejusque doctrinae justo censore«. Die Schrift, einem Wetzlarer Lehrer Moritz Axt gewidmet, bekundet vor allein eine aussergewöhnliclie Belesenheit nicht nur in der einschlägigen philologischen und philosophischen Spe­ziallitteratur, sondern auch in den philosophischen, historischen und poetischen Werken der neueren Zeit. Schon hier beruft sich Carriere auf verschiedene Geistes­helden des deutschen Volkes und des Auslandes, die ihm zum Theil sein Leben lang als Führer und Vorkämpfer gegolten haben, auf Dante, Bacon, Spinoza, Luther, Les­sing, Schiller, Friedrich Schlegel, Schelling, Gervinus, Dahlmann, Rosenkranz, D. F. Strauss und andere Geschichtschreiber und Denker der Gegenwart, namentlich aber auf Goethe, Wilhelm v. Humboldt und Hegel, die er als »summi nostrae cultu­rae duces et auctores« begeistert preist. Während damals noch die grosse Menge der jüngeren deutschen Schriftsteller mit Börne und Menzel sich schroff ablehnend gegen unsern grössten Dichter verhielt, zeigte Carriere bereits in dieser Erstlings­schrift überall die höchste Verehrung für Goethe, für den ihm auch der bewundern­de Beiname »…« nicht zu überschwänglich erschien. Im gleichen Jahre 1837 wid­mete er zusammen mit seinem Freunde Theodor Creizenach der Universität Göttin­gen als poetische Festgabe zu ihrer Säkularfeier einen Kranz von Sonetten auf die grossen Männer der Dichtkunst und der Wissenschaft, die in Göttingen studirten oder als Lehrer wirkten, von Haller an bis auf die Brüder Grimm und andere Dozen­ten, die er selbst gehört und persönlich kennen gelernt hatte, und bis auf Heinrich Heine, den er bei voller Anerkennung seiner früheren Leistungen zürnend mahnte, aus dem jetzigen Schlummer sich aufzuraffen und mit Ernst dem Höchsten nachzu­streben. Ein kühner, kampfesfreudiger Ton klingt überhaupt durch diese Sonette; Untergang wird allen noch bestehenden Götzenbildern gepredigt, Freiheit, Recht und Wahrheit als einziger Pol der Jugend im edlen Streite um die heiligsten Ideale gezeigt.

Nach seiner Promotion verweilte Carriere noch ein halbes Jahr in Berlin. Jetzt ge­langte er auch in persönlichen Verkehr mit Bettina v. Arnim, und bald verband ihn die innigste Geistesharmonie mit der eigenartigen Frau, die mehr als einmal das rechte Wort fand für das Gähren und Ringen im Wesen des jüngeren Freundes, bald anregend und zündend, bald klärend und beglückend auf sein philosophisches Denken und menschlich-künstlerisches Empfinden einwirkte. Im Frühling 1839 wandte sich Carriere über München, wo er Bettinas Bruder, Clemens Brentano, auf­suchte, nach der Schweiz, dann nach Italien, das er bis nach Neapel und Sizilien durchstreifte; den Winter verlebte er in Rom, dem hauptsächlichen Ziele seiner Rei­se. Im Spätherbst 1840 erst kehrte er aus dem Süden nach Berlin zurück. Er ver­suchte nun hier und darnach in Heidelberg sich als Privatdozent für Philosophie an der Universität niederzulassen. Sowohl das badische Ministerium wie die philoso­phische Fakultät in Heidelberg kamen 1841 seinem Wunsche wohlwollend entge­gen; dennoch nahm er schliesslich die Lehrthätigkeit an der altberühmten Hoch­schule nicht auf, da eben damals in öffentlichen Blättern und in den Sitzungen der zweiten badischen Kammer laute Klagen über die willkürlich verletzte und aufgeho­bene Lehrfreiheit der badischen Dozenten ertönten. Er beschäftigte sich noch ein Jahr lang hauptsächlich mit Kunststudien; dann habilitirte er sich 1842 in Giessen für Philosophie: im Wintersemester 1842/43 las er seine ersten Kollegien, darunter eines über Schiller als Dichter und Denker, das er noch fünfzig Jahre darnach in sei­nem hundertsten Dozentensemester in München unter dem begeisterten Beifalle einer nach mehreren Hunderten zählenden Zuhörerschaft, wiederholte. 1849 wurde der beliebte, litterarisch sehr thätige Dozent, zu dessen ersten Hörern Männer wie Ludwig Bamberger, Wilhelm Heinrich v. Riehl, Max Klinger, Karl v. Hofmann, Wil­helm Baur zählten, zum ausserordentlichen Professor in Giessen befördert. Der glänzendste Stern der Giessener Hochschule war damals Justus v. Liebig. Ihm trat Carriere bald in verehrungsvoller Freundschaft nahe; in seinem Hause fand er die spätere, über alles geliebte Lebensgefährtin. Eben als Liebig einem Rufe an die Münchener Universität folgte, wurde seine Tochter Agnes (geboren am 6. Juni 1829 zu Giessen) Carrieres Braut: am 26. September 1852 feierten die Glücklichen zu Soden im Taunus ihre Verlobung. Im Winter darauf sahen sie sich bei einem Be­suche des Bräutigams in München wieder. Schon damals wurde Carriere in den Kreis von Künstlern, Dichtern und Gelehrten eingeführt, die König Maximilian II. an seine Residenz zu fesseln vor kurzem begonnen hatte. 1853 gesellte er sich selbst zu dieser Schaar, als er einem Rufe an die Münchener Universität als ordentlicher Professor der Ästhetik folgte.

Das glücklichste Jahrzehnt seines Lebens begann, eingeleitet durch seine Vermäh­lung mit Agnes (am 28. Mai 1853 zu München). Was er Jahre lang ersehnt und gehofft hatte, bot ihm nun die Gegenwart in reicher Fülle. Der seligen Lust reinster Liebe, die er auf einer italienischen Reise mit seiner jungen Gattin genoss und in begeisterten Gedichten aussprach, folgte noch innigeres Entzücken, als ihm im März 1854 ein Sohn, Justus, im August 1857 auch eine Tochter, Elisabeth, geboren wurde. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in München gestalteten sich für den Neuzugewanderten ebenfalls behaglich, obgleich ihn die ultramontane Partei zu­erst mit einer Fluth von Schmähungen empfing und als Demagogen und Atheisten brandmarkte. Besonders war Carriere bald ein geschätztes, regsames Mitglied des künstlerisch-litterarischen Kreises, der zum grösseren Theil ja aus Nichtbayern be­stand; an der Dichtergesellschaft der »Krokodile« nahm er eifrigen Antheil, mit Gei­bel, Lingg, Heyse, Hertz, Melchior Meyr und den übrigen älteren und jüngeren Poe­ten des damaligen München ebenso befreundet wie mit Kaulbach, Schwind, Philipp Foltz, Piloty und anderen Malern jener Epoche oder mit vielen seiner Kolle­gen von der Universität. Zu den Vorlesungen an der Hochschule übernahm er im Januar 1856 auch Vorträge über Kunstgeschichte an der Akademie der Künste so­wie das Sekretariat derselben Anstalt; über dreissig Jahre lang gewann er als Do­zent, als Schriftführer und meistens auch Referent in den akademischen Sitzungen, überhaupt als maassgebender Beirath des Direktors bedeutenden Einfluss auf die Akademie, die gerade in dieser Zeit einen mächtigen Aufschwung nahm. Aber auch die Veranstaltung der historischen deutschen Kunstausstellung von 1858 wie später die Errichtung des neuen Akademiegebäudes in den siebziger Jahren war seinem eifrigen, durchaus initiativen Vorgehen im hohen Grade mit zu verdanken.

In dieser ausgebreiteten Amtstätigkeit und im ununterbrochenen litterarischen Wir­ken suchte und fand Carriere Trost, als sein häusliches Glück jäh zertrümmert wur­de. Am 29. Dezember 1862 raffte ein früher Tod Agnes weg; anderthalb Jahre dar­nach, im Mai 1864, folgte der Mutter auch das Töchterchen ins Grab. Dem Vereins­amten führte seine Schwester Bertha das Haus; mit Ernst und Liebe half sie ihm den Sohn erziehen, als treue, sorgsame Pflegerin stand sie ihm selbst bis an seine letzten Tage zur Seite. Heilig hütete sie mit ihm die Erinnerung an sein einstiges Fa­milienglück, die ihm nicht nur für die ersten Zeiten der Trauer, sondern für den gan­zen, grossen Rest seines Lebens eine unerschöpfliche Quelle wehmüthiger Freude war. Zur vollen frohen Begeisterung seiner früheren Jahre schwang er sich erst wie­der auf, als 1870 das deutsche Volk im Süden und Norden wieder geeinigt dastand, bereit, seine alte Kraft aufs Neue zu bewähren. Mit hellem Jubel verfolgte er die Siege Deutschlands, Schlacht für Schlacht, bis zur Gründung des neuen Reiches und zum Friedensfeste 1871, in München einer der rührigsten und edelsten Vor­kämpfer deutscher Einheit und Grösse, gegen die sich gerade hier zuerst noch gar manche Anhänger einer einseitig katholisch-bayerischen Partei heftig sträubten. Auch in die Gedichte, mit denen er sich im August 1872 an der Feier des vierhun­dertjährigen Bestehens der Münchener Universität betheiligte, klang der patrioti­sche Mahnruf mächtig herein. Ebenso blieb Carriere später, als die erste va­terländische Begeisterung des geeinigten deutschen Volkes verrauscht war, stets mit vollem Eifer der nationalen Sache zugethan, immer liberal gesinnt in des Wor­tes edelster Bedeutung, ein muthiger, aber vor allen extremen Bestrebungen sich sicher bewahrender Vertheidiger wahrhafter Geistesfreiheit. Äusserlich wurde sein Leben immer ruhiger; auch die Reisen, die er während der Ferien noch mehrfach unternahm, hielten sich allmählich in engeren Grenzen.

Im Anfang der achtziger Jahre kamen wieder trübe Zeiten: auf beiden Augen Car­rieres bildete sich der graue Staar aus, und zu wiederholten Malen wurde eine Operation nöthig, bevor der Alternde, dessen Körper und Geist sonst freilich noch ganz die ehemalige Frische und Beweglichkeit besass, die Sehkraft wieder erlang­te; eine gewisse Schonung der Augen musste er sich aber überhaupt von nun an zum Gesetze machen. Zu Ende des Winters 1881 feierten die Professoren und Schüler der Kunstakademie sein füufundzwanzigjähriges Wirken an dieser Anstalt durch eine Deputation, einen Fackelzug und ein in gehobener Stimmung fröhlich verlaufendes Kellerfest. Im Herbst 1887 gab der Siebzigjährige seine Thätigkeit an der Kunstakademie überhaupt auf; doch verblieb er noch als Ehrenmitglied in der Körperschaft, deren Schriftführer er über drei Jahrzehnte gewesen war. Im Juli 1888 beging er sein Doktorjubiläum. Ein Jahr später wählte ihn die philosophisch-philologische Klasse der bayerischen Akademie der Wissenschaften zum ordentli­chen Mitgliede. Das Sommereemester 1892, sein hundertstes Dozentensemester, brachte ihm mehrfache herzliche Huldigungen der Münchener Dozenten und Stu­denten. Auch noch ein tiefer Schmerz suchte ihn heim: im Juli 1893 starb plötzlich nach ganz kurzer Krankheit sein Sohn Justus, der sich als Professor an der Universi­tät Strassburg eine ehrenvolle Stellung in der gelehrten Welt erworben hatte, der Stolz und die Hoffnung des greisen Vaters. Dieser nahm jetzt die Wittwe und die Kinder des Todten zu sich nach München, seine letzte Liebe und zärtliche Sorgfalt widmete er ihnen. Munter und pflichteifrig wirkte Carrlere in ihrer Mitte noch an­derthalb Jahre, an der Universität ohne Unterbrechung in der alten Weise thätig. Noch am 17. Januar 1895 hielt er in ungeschwächter Gesundheit seine Nachmit­tagsvorlesung und verbrachte den Abend nach seiner Gewohnheit mit Freunden in der Museumsgesellschaft. In der Nacht darauf erlag er einem Schlaganfalle, der ihn schmerzlos im Schlafe traf. Am 20. Januar geleiteten ihn seine Freunde, Kollegen, Schüler und Verehrer zur Ruhe. Dichtgedrängte Sehaaren aus den verschiedensten Kreisen der Münchener Künstler-, Gelehrten- und Beamtenwelt, Dozenten und Stu­denten aller Fakultäten umstanden das offene Grab, alle einmüthig in dem Gefühle verehrungsvoller, aufrichtiger Liebe zu dem Verewigten.

In seinen grösseren Universitätsvorlesungen behandelte Carriere bald die gesamm­te Ästhetik, bald das besondere Kapitel derselben über Wesen und Formen der Poesie. In das eine, umfassendere Kolleg flocht er Charakteristiken der epochema­chenden Werke aus den verschiedenen Künsten und ihrer Meister ein; in dem an­deren bemühte er sich zugleich die Grundzüge der vergleichenden Literaturge­schichte zu entwerfen. Gelegentlich las er auch einmal ganz speziell über die ästhe­tische Theorie und vergleichende Literaturgeschichte des Dramas. Ungleich be­suchter als diese ausführlicheren, vier- oder gar fünfstündigen Kollegien waren sei­ne einstündigen Publika über menschliche Freiheit und sittliche Weltordnung, über Goethes »Faust«, Schiller als Dichter und Denker, Shakespeare im Lichte der ver­gleichenden Literaturgeschichte. Zu ihnen strömten, besondera in den letzten Jahr­zehnten, die Zuhörer in Schaaren herbei, und Tausende erquickten sich hier im Lau­fe der Jahre an der persönlichen Innigkeit und frohen Begeisterung, mit der der Vortragende, frei von aller äusserlichen Rhetorik, nicht einmal von einer kraftvoll durchdringenden Stimme unterstützt, aber selbst gehoben durch die Gewissheit seiner innereren Überzeugung, für den Sieg des Wahren, Guten, Schönen im Leben und in der Kunst und Wissenschaft einstand. In diesen Vorlesungen verdiente sich Carriere vor allem den Ehrennamen eines Bannerträgers des Idealismus, mit dem ihn, ein befreundeter Amtsgenosse in seinem Nachrufe charakteristisch schmückte.

Hand in Hand mit dieser Lehrthätigkeit ging eine überaus fruchtbare litterarische Wirksamkeit, auch sie durchaus dem Kampf für das Ideale und gegen den Materia­lismus in jeglicher Form gewidmet. Mehrere von Carrie beedeutendsten wissen­schaftlichen Werken erwuchsen ihn unmittelbar aus seinen Vorlesungen, so das Buch über die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit in ihren Bezie­hungen zur Gegenwart (1847), die religiösen Reden und Betrachtungen für das deutsche Volk (1850), das Werk über Wesen und Formen der Poesie (1854, ganz umgearbeitet 1884), die »Aesthetik« (1859), die fünf Bände über die Kunst im Zu­sammenhang der Kulturentwicklung (1863-1874) und die Schrift über die sittliche Weltordnung (1877). In seinen philosophischen Anschauungen ging Carriere von Hegel aus, dessen bleibendes Verdienst in der Geschichte des menschlichen Geis­tes er wiederholt mit dankbaren Worten rühmte. Aber schon frühzeitig wandte er sich auch gegen Hegels Einseitigkeiten, namentlich gegen sein »Verkennen der In­dividualität«, gegen seine »Gewaltherrschaft der abstrakten Gedankenallgemein­heit«. Aus sittlichen Lebenserfahrungen und naturwissenschaftlichen Studien schöpfte er die Einsicht, dass die Idee oder das Allgemeine nicht das für sich Wirk­liche sei, sondern des Individuellen, der Subjektivität als Trägers bedürfe. So viel Wahres ihm auch die Philosophie Spinozas zu enthalten schien, so erkannte er doch bald, »dass die Substanz als Subjekt begriffen werden müsse, dass sie nicht erst in ihren Entfaltungen zum Bewusstsein komme, sondern ewig sich selbst erfassende Intelligenz und Persönlichkeit sei«. So suchte er sich des im Pantheismus wie im De­ismus liegenden echten Gehaltes zu bemächtigen, die Einseitigkeiten und Gegen­sätze beider Lehren aber durch eine theistische Weltanschauung zu überwinden, die er bei den deutschen Mystikern und bei Giordano Bruno schon vorbereitet fand. Mit der Unendlichkeit der Welt und der Ewigkeit der Substanz behauptete er zugleich die Einheit und Selbständigkeit der göttlichen Persönlichkeit. Auf Grund dieser Auffassung von Gott und Welt, bemühte er sich Wissen und Glauben zu ver­söhnen, das Evangelium mit den Natur- und Geschichtskenntnissen der Gegenwart in Einklang zu bringen. Er hielt die Freiheit des Forschens und Denkens, aber nicht minder den Glauben an die Grundlehren des Christenthums, an die Gottmensch­heit und die Erlösung fest; mit Hilfe der aus der Wissenschaft gewonnenen Vorstel­lungen vom Wesen Gottes und des Menschen suchte er die religiösen Geheimnisse zu begreifen, den Frieden zwischen Geist und Herz zu besiegeln und so die Philo­sophie zur wahren, beseligenden Lebenswissenschaft zu weihen. Immer wieder bis zu seinen letzten Schriften fasste er dieses nämliche Ziel ins Auge: in der schönen Abhandlung »Jesus Christus und die Wissenschaft der Gegenwart« (1888) und noch in der akademischen Festrede »Erkennen, Erleben, Erschliessen« (1893), fand er die Lösung des Welträthsels, durch die auch die Forderungen des religiösen Ge­müthes befriedigt und die Thatsachen des religiösen Lebens verständlich werden, einzig in der auf Vernunft und Erfahrung, auf Natur und Geschichte gegründeten Gottesidee des Einen und Unendlichen, wie es zugleich Naturmacht und wissender, wollender Geist ist, dem der als Naturkraft reale, sich selbst zur Geistigkeit bestim­mende und in seiner Innenwelt das Reich der Freiheit und der Liebe erbauende gottinnige Mensch gegenübersteht.

Unter Carrieres wissenschaftlichen Werken nehmen seine mannigfaltigen und um­fangreichen ästhetischen Schriften einen hervorragenden Platz ein. Sie sind auf derselben antimaterialistischen Grundlage wie seine gesammte Philosophie, auf der Weltanschauung des Idealrealismus aufgebaut. Das Schöne ist ihm die Harmo­nie von Natur und Geist, die Ineinsbildung des Realen und Idealen, die Lebensvoll­endung im Einklang von Sinnlichkeit und Vernunft, das volle mangellose Sein, die verwirklichte Weltharmonie in der Übereinstimmung des Innern und Äussern. Die Kunst, die das Schöne um der Schönheit willen schafft, wird so »die Krystallgestalt des Lebens«. Sie stellt im Seienden das Seinsollende dar, gestaltet das innere Le­ben des Geistes in den Formen der äussern Natur und erfasst die Gegenstände der sinnlichen Erscheinung, um in ihnen das ewige Wesen der Dinge zu enthüllen. In den Grundsätzen seiner Aesthetik, den wichtigsten Definitionen und Unterschei­dungen konnte Carriere sich mit Recht vielfach auf Äusserungen Goethes, Schillers, Wilhelm v. Humboldts und ihrer gleichzeitigen Geistesgenossen berufen. Nicht minder aber betonte er selbst, dass er sich nicht auf den Boden einer vorgefassten Theorie stelle, sondern im Einklang mit Fechner und den Anhängern der psycholo­gischen Richtung von unsern Empfindungen, also von Thatsachen der Erfahrung ausgehe. Vor allem jedoch verband er durchaus in seinen ästhetischen Schriften die theoretisch-philosophische Betrachtung mit der praktisch-historischen. Überall er­öffnete er lehrreiche Ausblicke auf die künstlerische oder überhaupt kulturge­schichtliche Entwicklung ältester und neuer Völker, auf die sittlichen und ästheti­schen Ideale, denen die Menschheit im Wechsel der Zeiten nachstrebte, auf die Meisterwerke der verschiedenen Künste in früheren oder späteren Jahrhunderten, auf die ewig gültigen Aussprüche der grössten Denker und Dichter aller Nationen. So bot er namentlich in seinem grossen Werke über die Kunst eine Art von umfas­sender Kulturgeschichte von den ältesten Perioden orientalischer Geistesentwick­lung an bis auf die Gegenwart. Im engeren Rahmen führte er das gleiche Prinzip historischer Betrachtung in dem Buche durch, das er seiner Lieblingskunst widme­te, der Poesie, die er gelentlich mit unleugbarem Rechte, wofern man seinen Aus­druck nicht missversteht, als die ihre Schwesterkünste beherrschende Kunst der Zukunft verkündigte. Indem Carriere den inneren Zusammenhang der Sagen und Mythen verschiedener Völker, die künstlerische Behandlung derselben Stoffe in al­ter und neuer Zeit beleuchtete und die bedeutendsten Dichterpersönlichkeiten der Weltlitteratur und ihre grössten Werke auf ihre geistige Verwandtschaft oder Ge­gensätzlichkeit prüfte, gab er zugleich schätzbare Winke und Beiträge zur verglei­chenden Litteraturgeschichte, unter deren Begründern er mit in erster Reihe steht.

Aber auch speziell um die deutsche Litteraturforschung machte er sich mannigfach verdient, sowohl durch Ausgaben von Goethes »Faust« und Schillers »Tell« mit rei­chen Erläuterungen, wie durch mitunter vortreffliche Charakteristiken deutscher Geisteshelden, namentlich aus den beiden letzten Jahrhunderten. An der neuesten Literatur unseres Volkes etwa seit 1840 nahm er selbst unmittelbaren, thätigen Ant­heil, als Dichter und als Kritiker. Seine poetischen Versuche, durchweg dem Berei­che der Gedankenlyrik angehörig, zeichnen sich weniger durch kräftige Eigenart und vollkommene künstlerische Gestaltung als durch den Adel und Tiefsinn ihres Ideengehaltes aus; durchaus Produkte der Reflexion, spiegeln sie doch die geistige Persönlichkeit des für alles Grosse und Schöne in der Geschichte der Menschheit begeisterten Verfassers vortrefflich wieder. Noch emsiger aber griff Carriere durch seine zahlreichen kritischen Aufsätze, die er in allerlei Zeitschriften veröffentlichte, in den Entwicklungsgang unserer Litteratur ein. In den letzten fünfzig Jahren sind nur wenige wirklich bedeutende Schriften auf dem Gebiete der deutschen Poesie, Philosophie und Litteraturgeschichte erschienen, die er nicht in ausführlichen, sorg­fältig auf das Einzelne eingehenden Rezensionen besprochen hat. Immer mild, lie­bevoll anerkennend, wo er echtes, edles Streben wahrnahm, nur dann schroff ab­lehnend, wenn er die von ihm heilig gehaltenen Ideale durch einen geistlosen Me­chanismus oder durch materialistische Tendenzen bedroht sah. Ungemein schnell und leicht scheint ihm die Arbeit bei diesen Aufsätzen von der Hand gegangen zu sein; aber überhaupt alles, was er schrieb, auch seine grossen philosophischen Werke nicht ausgenommen, zeugt von seltener Flüssigkeit und Gewandtheit der stilistischen Darstellung. Durch geistige Tiefe und systematische Strenge, durch neue, wissenschaftlich bedeutsame Ergebnisse vermochte Carriere mit andern Denkern und Forschem seiner Zeit oft nicht zu wetteifern; aber, wie wenige, ver­stand er popular im guten Sinne zu schreiben, durch einen deutlichen, schmuckrei­chen, unter Umstünden auch breiten und oft etwas rhetorisch gefärbten Vortrag anregend und zündend auf die weiteren Kreise der Gebildeten zu wirken.

Höher aber als alle wissenschaftlichen Leistungen des Lehrers und Schriftstellers steht die persönliche Charaktertüchtigkeit Carrieres. Er war ein guter Mensch, treu und unermüdlich im Dienste der Pflicht, vornehm in seiner Gesinnung, rein in sei­nem Wollen, ehrlich in seinem Handeln, selbst liebenswürdig und mit herzlicher Lie­be seinen Nebenmenschen zugethan. Er glaubte an den edlen Kern der menschli­chen Natur und kam in diesem schönen Optimismus wohlwollend allen entgegen, die seine Hilfe heischten. Besonders seinen Schülern und jüngeren Kollegen war er immer nicht nur ein berathender, sondern auch ein selbstthätiger, oft aufopferungs­voller Freund. Die Ideale, die er predigte, hat er im eigenen Leben redlich zu ver­wirklichen getrachtet, stets und überall sich edel, hilfreich und gut erwiesen, reich­lich Liebe gesät und verehrungsvolle, dankbare Liebe geerntet.

Franz Muncker: Biographische Blätter. Jahrbuch für lebensgeschichtliche Kunst und Forschung. Her­ausgegeben von Anton Bettelheim. Erster Band. Berlin, 1895.


40-12-10/11 (Carriere & Liebig)