Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (1868) / t_1259

Ferdinand Alexander August Schnezler
(pseud. August Palmer).

»Der vortreffliche Lyriker, Novellist und verdiente Sagensammler wurde den 4. Au­gust 1809 zu Freiburg im Breisgau geboren, wo sein mit Jacobi, Pfeffel und Hebel befreundeter Vater das Amt eines Stadtdirektors und Kreisraths bekleidete und 28 Jahre lang die mit einem Unterhaltungsblatte verbundene Freiburger Zeitung redi­gierte. Durch ihn und seine feingebildete Mutter, eine geborne von Picot-Puyssac, die Tochter einer französischen Emigrantenfamilie, erhielt der Knabe eine tüchtige, freilich aber etwas vornehme, mehr nach Seiten der Phantasie und des ästhetischen Genusses als des Charakters und der Pflicht gerichtete Erziehung; die Mutter führ­te ihn in die französische, sein Vetter und Informator J. A. Henne von Sargans in die Vorhallen der Poesie und Aesthetik ein.

Seine wissenschaftliche Bildung erlangte Schnezler auf dasiger Hochschule und zu München, hier vornehmlich durch L. Oken, in dessen Familienkreis er eingeführt war und dessen Vorträge ihn zum eifrigen Studium der Naturphilosophie hinlenk­ten. Statt der früher knabenhaft idealen, nebligen Naturvorstellung gewann er jetzt die sonnenhelle Anschauung durch dessen Naturgebäude. Was Goethe ihm als Le­bensphilosoph und Dichter, das galt ihm Oken als Naturphilosoph. Ihm allein glaub­te er später seine innere Ruhe und Harmonie, seine Seelenbefriedigung hinsichtlich des Zustandes nach dem Tode, fern von aller persönlichen Unsterblichkeitssucht, verdanken zu müssen.

Von 1833-38 arbeitete er zu Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe als Postbeamter im badischen Staatsdienste. Aber Kunstbegeisterung, Wissensdrang, glühende Lei­denschaft und Dienstzwang im »Kanzleiwüstensande«, der Druck eines heteroge­nen Standes, sie spalteten sein Wesen; unmächtig, seine eigene Flamme zu dämp­fen, unfrei in Wille und Bewußtsein, von einer geheimnißvollen Macht umstrickt, betäubt und besinnungslos strenges Pflichtgefühl opfernd, ereilte ihn die Katastro­phe, deren Vollwucht zwar der Beamte, nicht aber der Dichter erlag.

Er siedelte im Sommer 1840 nach Wiesbaden und (nach einigen Monaten) nach Mainz über, betheiligte sich als Mitarbeiter an verschiedenen Zeitschriften und leg­te durch seine komischen Beiträge den Hauptgrund zur Mainzer Faschingszeitung »Narhalla«. Von 1842 bis Mitte 1844 gab er in Darmstadt das Unterhaltungsblatt »Gutenberg« heraus. Er lebte hierauf abwechselnd in Stuttgart, Mannheim, Karlsru­he. Nach dem im März 1847 erfolgten Ableben seiner von ihm als »zärtlichste Muse« gefeierten Mutter, »mit der er den besten Leitstern für sein poetisches Stre­ben verlor,« begab er sich nach Heidelberg, wo er viel mit Herm. Marggraff ver­kehrte. Seit Ende Dezember in Frankfurt, nahm er bald dichtend an der großen po­litischen Bewegung Theil, verfaßte einen humoristischen Wegweiser für die Mitglie­der des Parlaments, lieferte Uebersetzungen ausländischer Journalartikel u. dergl.

Von August bis Oktober 1849 besorgte er zu Mannheim die Leitung des »Badi­schen Merkur«, wurde wegen eines der Köln. Zeitung entnommenen Artikels, eines im Badischen damals nicht kriegsrechtlich verbotenen Blattes, zu zweiwöchentli­cher Haft verurtheilt, wovon er jedoch nur drei Tage in einer Zelle auf der Hauptwa­che verbüßte, und sah sich überdies von dem Verleger des Blattes um den größten Theil des Honorars betrogen. Um bittere Erfahrungen und Enttäuschungen reicher, übernahm er im Mai 1850 die Redaktion des »Vogesenboten« in Landau, den er bald nachher in die »Pfälzer Zeitung« umtaufte; von Neujahr bis Mai 1851 ließ er sich als Expeditor und Korrektor bei der Kasseler Zeitung verwenden, worauf er, al­ler Politik und journalistischen Plackereien überdrüssig, mit den besten Hoffnungen von der Fulda an die Pleiße sich wandte, um für seine gesammelten Novellen und Humoresken, sowie für eine gnomische Anthologie einen Verleger zu finden. Der Erfolg war jedoch kein tröstlicher; ein rauher Windstoß des Schicksals führte ihn nach Frankfurt zurück, wo nunmehr, wie er selbst schreibt, der düstere Abschnitt, »eine wahre Sonnenfinsterniß seines Lebens« begann.

Bei seinem beschaulichen und bequemen Naturell fehlte ihm die rechte Willensstär­ke sich irgendwie geltend zu machen; Sorgen und Noth erschlafften seinen Geist, statt ihn zu stählen. Durch Noth und Klippen sich windend, verließ der Dichter im Herbst 1851 die Stadt der Geldaristokratie. Angenehme Jugenderinnerungen zo­gen ihn nach München, wo er im September eintraf. Es gelang ihm mit Beihilfe der Freunde, die Redaktion des »Münchener Tagblattes« zu erhalten, wozu er ein »Sonntagsblatt für Ernst und heitere Laune« gründete; allein der Zustände und Ver­hältnisse unkundig, mußte er dieselbe schon zu Ostern 1852 andern Händen über­lassen. Die beabsichtigte Herausgabe eines humoristischen Blattes (Münchhause­ner Zeitung) mißlang; für seine Schriften fand sich kein Verleger. Er hoffte Rettung aus seiner Zerfallenheit in Franken, vielleicht in den rebengoldumkränzten Thälern seiner alemannischen Heimath, nach der seine Seele schmachtete, und hatte be­reits Anstalten zur Abreise getroffen, als ihn eine bösartige Krankheit auf’s Lager warf, der er nach wenigen Tagen, in der Nacht auf den 11. April 1853 erlag.

Das eigentliche Element seiner poetischen Individualität bildet ein wahres, inniges Naturgefühl und, in seiner frischern Periode, eine kerngesunde Anschauung des Lebens und der Dinge. Dazu gesellt sich die Würze eines ebenso kräftigen als lie­benswürdigen Humors. Daneben sind aber auch die dumpferen Saiten des Patheti­schen und Schauerlichen-Ernsten angeschlagen. Ein Hauptingrediens seiner seelen­vollen Poesie ist die menschlich schöne innere Bildung; der Dichter sucht die Ge­gensätze des Lebens im höhern Lichte seines Gemüths zu vermitteln und zu ver­söhnen. Am reichsten und eigenthümlichsten sprudelt, bei oft üppig reicher Phan­tasie, Schnezlers humoristische Ader, nur dann und wann satyrisch quellend, in den Novellen und dramatischen Spielen.« Hub, D. Balladen- und Romanzen-Dichter 3. 96.

»Schnezler ist namentlich als lyrischer Dichter bei weitem nicht so bekannt, wie sei­ne trefflichen Leistungen es verdienen. Mit der glücklichsten Herrschaft über Spra­che und Form verbindet er seltenen Wohllaut, Reichthum an schönen und treffen­den Bildern, Fülle der Gedanken, tiefes warmes Gefühl, die heiterste Laune und schlagenden Witz.« Wolfs 8, 398.

»Ein reiches Talent, ausgezeichnet in der naiven Behandlung märchenhafter Stoffe.« Gödeke, Deutschlands Dichter von 1813–43. S. 80.

»Seine »Gedichte« enthalten bald zartgefühlte, bald heitere Lieder in volksmäßi­gem Ton. Ganz vortrefflich sind die humoristischen Gedichte, welche die Lächer­lichkeiten des alltäglichen Lebens mit vielem Glück verspotten, und ebenso gelun­gen sind seine Sagen.« Kurz 4, 31 (gibt 1844 als Todesjahr an).

Seine katholisch-kirchliche Gesinnung zu einer gewissen Zeit spricht sich in folgen­den Versen aus: „So lange nicht frei die Gewissen Im Reiche der Religion; So lange wir nicht ganz uns gerissen Vom siebengehügelten Thron; So lange nicht Kirche und Staat sind Ein innig verschmolzener Bund; So streun wir die köstlichste Saat blind In einen unsicheren Grund.«

Hub, K. Lit. 3, 396. Scriba 2, 658. Hillebrand 3, 533. Bayer. Annalen München, 13. April 1833. Menzels Literaturblatt 1833, Nr. 56; 1846, Nr. 55, 61. E. Münch, Memoi­ren III. 1838. Der Pilot, herausgegeben von Th. Mundt. Hamburg 1842, Nr. 12. A. Nodnagel in der Frankfurt. Didaskalia 1846, Nr. 230. Augsburger Allg. Zeitg. 1846, Beil. zu Nr. 313. J. B. Goßmann, Latein., deutsche und griechische Verslehre. Regensburg 1853, S. 149, 155. H. Marggraff im Bremer Sonntagsblatt 1853, Nr. 35. Heinr. Schreiber, Geschichte der Stadt Freiburg 1857, Lief. 3, 207.

Gedichte. München 1833. 2. A. Karlsruhe 1848. N. A. Karlsruhe 1853, Freiburg 1854. – Rheinisch. Obeon. (Mit Freiligrath und Hub.) Coblenz 1836. 38. 41. – Guten­berg. Unterhaltungsblatt zur Belehrung für Stadt und Land. Darmstadt 1842-43. – Der Riß zum Cölner Dom. Dramat. Festspiel. Das. 1842. – Badisches Sagenbuch. Karlsruhe 1846-47. 2 Bde. – Aurelia’s Zauberkeis. Die schönsten Sagen nnd Ge­schichten der Stadt Baden und ihrer Umgegend. Karlsruhe 1846. – Die badische Kammer. Eine Auswahl der gediegensten Redeen etc. Karlsruhe 1846. – Des Lebens Dämonen. Novellenkranz. Karlsruhe 1847. – Vergißmeinnicht. Illustr. Wegweiser durch Frankfurt mit lyrisch. Texte. Frankfurt 1848. – Novellen, Gedichte, kleine Dra­men in Zeischriften und Almanachen. – Starker literar. Nachlaß.

Joseph Kehrein: Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert. Zürich, Stuttgart und Würzburg, 1868.


17-10-08* (Schnezler)