Biographie des Schauspielers und Theater-Direktors Eduard Binder (4.1883) / t_551

Nachdem ich ein halbes Säculum einer Laufbahn angehöre, welche, wie wohl kein Stand, soviel der Abwechslung bietet, fühle ich mich in diesem Augenblick gleich­sam gedrängt, auf diese bewegten 50 Jahre und auf mein ganzes Leben einen prü­fenden Rückblick zu werfen.

Geboren in München den 22. Dezember 1813, hatte ich schon in meiner frühesten Kindheit, da mir Frau Fortuna nicht hold war, mit vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen.
Mein Vater, seit Jahren Rechtsconcipient, hatte leider in den letzten Jahren seines Lebens seine Stellung zu seinem Nachtheil geändert. Er erhielt 2 Anträge – einen als herzoglich Leuchtenberg’scher Fiscal in Eichstädt – und einen als Administrator der Güter des Grafen v. L… d.

Obwohl nun die Stelle eines herzoglichen Fiscals in vieler Beziehung vorzuziehen gewesen wäre, wählte er doch die Administration, weil er dadurch in München blei­ben und für die Erziehung seiner Kinder, — wir waren 5 Knaben und ein Mädchen – besser sorgen konnte. Daß er es that, war, wie bereits angedeutet, nicht zu seinem, nicht zu unserm Glück. Das Vermögen des Grafen L… war nämlich stark verschul­det, und Hilfe konnte nur geschafft werden, wenn eine Glashütte, die er in Spiel­berg besaß, wieder schwunghaft betrieben wurde. Dazu freilich waren Capitalien nothwendig, da der Credit des Grafen bereits als tief gesunken galt. Mein Vater, der ein kleines Vermögen besaß, hatte kurz vorher ein Haus in der Bayerstraße ge­kauft, welches noch mit einer Hypothek belastet werden konnte, und da ihm unum­schränkte Vollmacht über die Verwaltung des Vermögens gegeben war, so nahm er in der festen Ueberzeugung, daß der Aufschwung des Geschäftes noch leicht zu ermöglichen seit, auf sein eigenes Anwesen noch einige Capitalien auf, die er dem Grafen zur Aufbesserung des genannten Hüttenwerks lieh.

Durch aufreibende angestrengte Thätigkeit am Orte der Glashütte selbst, zog er sich eine starke Verkältung zu und mußte rasch nach München zurückreisen. Da­selbst angelangt, erkrankte er ernsthaft und lag zum größten Schmerz der Seinen 11 Monate an einer Lungenkrankheit darnieder, während welcher natürlich das Ge­schäft sehr vernachlässigt ward. Als er nach 11 Monaten starb, machte kurz darauf der Graf Bankerott, bei dem wir nur 5% erhielten, so daß wir unseres ganzen Ver­mögens verlustig gingen.

So blieb meine brave Mutter mit 6 Kindern ohne Vermögen, ohne Pension, ohne jede Unterstützung zurück. Arme Mütter! Der älteste meiner Brüder, welcher schon das Gymnasium besuchte und gute Fortschritte machte, erhielt von dem königl. Advokaten Dr. Ritter von Speckner, bei dem mein Vater jahrelang Concipient war, eine kleine Unterstützung, um weiter studiren zu können; meine Mutter bekam vom Armenpflegschaftsrath für sich und ihre Kinder eine monatliche Unterstützung von 8 fl. Wie aber konnte die Wittwe mit dieser kleinen Summe leben! Nur Woh­nung in unserem Hause konnte, wenn auch mit vieler Mühe, für uns zinsfrei ge­macht werden. Wie kümmerlich auf diese Weise unser Leben gefristet werden mußte, ist gewiß leicht zu denken.

Glücklicherweise waren damals noch die Lebensmittel sehr billig, so daß meine Mutter, als eine sehr gute Hausfrau, noch mit dem Wenigen hauszuhalten vermoch­te. Unsere Nahrung war freilich äußerst einfach, aber sie reichte doch für uns hin. Von Mehl dritter Sorte, Waizenmehl genannt, kostete damals der Dreißiger nur 2 Kreuzer und mit 2 solchen Dreißigern, die in verschiedener Art, als Dampfnudel, Rohrnudel, sog. »drahti Nudeln« verarbeitet wurden, konnte die Kinderschaar ab­gefüttert werden, und blieb ganz gesund dabei; Abends gab’s abgeblasene Milch – Morgens Brodsuppe. Milch und Brod waren ja damals auch sehr billig. Daß aber bei so spärlichem Einkommen für unsere wissenschaftliche Ausbildung wenig gesche­hen konnte, versteht sich wohl von selbst. Jedes der Kinder, die schwere Last se­hend, die der Mutter aufgebürdet war, trachtete daher so schnell als möglich, sich selbst versorgen zu können. Der älteste Bruder allein konnte studiren, mußte aber, um seine Studien fortsetzen zu können, Schülern der untern Klassen Unterricht ge­ben, und als er endlich die Universität bezogen hatte, wurde er Präceptor an einem Institut.

Wir Uebrigen mußten uns zu einem Handwerk bequemen. Der eine wurde Schrift­setzer, ein anderer Buchbinder, einer Ciseleur und ich, der jüngste von allen, kam zu einem Friseur in die Lehre. Trotz unseres äußerst eingeschränkten Lebens steck­te aber doch in uns Allen der Theaterteufel, indem wir schon als Kinder ein Haus­theater errichteten. In unserem Hause an der Bayerstraße, nächst dem grünen Hof, wo damals der Spiegelbrunnenkoch seinen Stadel und Viehstall hatte, war an ein kleines Rückgebäude ein Pferdestall angebaut und da dieser häufig unvermietet war, so richteten wir darin unsern Musentempel ein. Gewiß ein sehr bescheidener Anfang! Zu den Dekorationen wurden die ausgeschriebenen Schulhefte verwendet, zusammengeklebt, mit der billigsten Farbe, gelbem Ocker, bestrichen und die Zim­merdekoration daraus gemacht. Die Coulissen erhielten eine Klappe, worauf der Wald gemalt wurde, auch ein Horizont und Waldprospekt ward geschaffen. Mit die­sen Dekorationen nun wurden alle Stücke ausgeführt. Wir gaben sogar griechische Classiker Regulus Manlius auch bürgerliche Schauspiele: Die Versöhnung von F. v. Weißenthurm, Kotzebue’s Wirrwarr, der Trunkenbold von Kotzebue. Die Idee wur­de später von Plötz zu seinem verwunschenen Prinzen benützt und die Schlafmütze des Propheten Elias von Hoppe zu Faust’s Hauskäppchen verwendet. Ich war zur Zeit unseres Haustheaters der Jüngste und konnte noch nicht recht lesen, mußte aber nichtsdestoweniger hauptsächlich den Souffleur spielen, was mir vortrefflich gelang. Einer unserer Hauptacteure war Stephan, damals Lateinschüler der II. Klas­se, der später berühmt gewordene General Stephan; er war Mitschüler meines Bru­ders, der eigentlich als Direktor figurirte.

Einer komischen Scene zwischen mir und Stephan weiß ich mich noch lebhaft zu er­innern. Ich hatte nämlich den Vertrauten Stephans zu spielen, der freilich um ein paar Köpfe über mich hinaussah. Da wollte es das Unglück, daß mir gerade eine gewisse Flüssigkeit aus der Nase rann. Was that nun Stephan? Er hatte mir die Worte zu sagen: »Guter Freund, Dir will ich meinen Plan entdecken«, allein statt derselben sagte er: »Guter Freund, Dir will ich Deine R…glocke entdecken.« Die Zuseher jubelten natürlich laut, während mein Bruder wüthete und Stephan zu zer­malmen drohte, was sich jener mit Seelenruhe gefallen ließ, obwohl er sonst bei seiner weit überlegenen Stärke gerade nicht Derjenige war, der sich etwas gefallen ließ. Er galt in seiner Klasse als erster Raufer und Krakehler, hatte aber für meinen Bruder eine solche Zuneigung, daß er sich von ihm Alles gefallen ließ. Meistens spielte ich als der Jüngste, da wir keine Damen hatten – denn meine Schwester war noch ein Kind von 2 Jahren – die Damenrollen. Diese Episode aus meiner frühen Ju­gend erwähne ich eben nur, um dadurch zu motiviren, wie es kam, daß ich die Bret­ter – welche die Welt bedeuten, betrat.

Nachdem ich die Elementarschule glücklich durchgemacht, kam ich, da wie oben kurz erwähnt, die Mittel fehlten, eine höhere Schule zu besuchen, zu einem Friseur in die Lehre. Ich lernte das edle Handwerk, deklamirte aber häufig beim Zerzausen der Haare Schillers Lied von der Glocke, den Taucher, den Ring des Polykrates, die Kraniche des Ibikus, den Kampf mit dem Drachen u. s. w., wobei ich öfter von mei­nem Prinzipal überrascht wurde. Natürlich hatte ich dann selbst immer einen Kampf zu bestehen, allein es half nichts. Was dem Wesen angeboren, läßt sich nicht unter­drücken. Nachdem ich ausgelernt hatte, bekam ich 1832 Condition in Frankfurt a. M. Ich übte zwar mein erlerntes Geschäft aus, aber nicht mit besonderem Glück und Geschick, denn so oft mir so ein Schiller’scher Vers im Kopf spukte, z. B.: »Da werden Weiber zu Hyänen«, da zupfte ich meine schönen Kundinnen oft abscheu­lich bei den Haaren.

Hinter der schlimmen Mauer – so hieß eine dunkle Straße Frankfurts – trieb ein Liebhaber-Teater sein Unwesen; dahin zog, ja riß es mich, und jede freie Zeit weihte ich dem dunkeln Verhängniß. Dort fing ich an Rollen zu spielen; dort kamen sie zu­sammen, die Tiefenbacher: Gevatter Schneider und Handschuhmacher – und auch die Friseurs. Dort wurde Thalia malträtirt. Unser Publikum, Kleidermacherinnen, Näherinnen, Ladenmamsells waren gar sehr erbaut über unsere Kunstleistungen und manch süßer Lohn ward dem feurigen Kunstbeflissenen zu Theil; doch wozu aus der Schule schwatzen? Der später so groß gewordene Tragöde Hendrichs hat­te auch in dem Liebhaber-Theater gemimt, kam von dort gleich an’s Stadttheater, wo er mit Glück debütirte; das spornte mich natürlich noch mehr an, denn Jeder glaubte sich auch berufen, die Welt mit seinem Künstlerruhm zu erfüllen. O Ju­gendzeit, du hast so schöne Träume!

Diese Liebhaber-Gesellschaft also gastirte mitunter auch in dem nahgelegenen Of­fenbach, und wenn sich gerade ein reisender Direktor dort befand, dessen Perso­nal für größere Stücke nicht ausreichte, wie es meistens der Fall war, so wurden auch die Mitglieder zu einem solchen Gastspiel geladen. Ich hatte das Glück, oder vielleicht, besser gesagt, das Unglück, dem damaligen Direktor Budemann zu ge­fallen, so daß er mir ein Engagement antrug. Der Theaterteufel erfaßte mich als­bald beim Haar, und ich blieb mit ganzer Seele Schauspieler. Im April des Jahres 1833 war es, leider weiß ich das genaue Datum nicht, auch keinen Zettel habe ich aufverwahrt, und ein Tagebuch führte ich damals noch nicht; allein mit aller Be­stimmtheit weiß ich, daß es im Monat April 1833 war, als ich zum ersten Male als engagirter Schauspieler mit 14 Thlr. Monatsgaqe in dem Stück »Robert der Teufel« auftrat. Es war weder die Rauppach’sche noch Birch-Pfeiffer’sche Bearbeitung. Der Zettel sagte von Holtey. Ich spielte einen Pagen, dem der Wütherich Robert gleich im ersten Akt die Augen ausstach, und mußte dann noch 4 Akte blind herum jam­mern. In den langen Jahren meines Wirkens ist mir eine solche Bearbeitung niemals wieder vorgekommen.

Ohngefähr einen Monat blieben wir in Offenbach; ich spielte Alles durcheinander, was gerade fehlte, und da sich mein tiefes Organ für Väterrollen besonders eigne­te, und dieses Fach gerade eines Vertreters bedurfte, so war ich häufig darin ver­wendet.

Budemann zog dann in’s Nassau’sche nach Lienburg, Dietz, Ems, welches damals noch nicht die Bedeutung hatte wie heute, wurde aber durch Krankheit veranlaßt, die Direktion für einige Zeit aufzugeben, und so stiebte die ganze Gesellschaft nach allen 4 Weltgegenden auseinander. Auch ich ergriff meinen Wanderstab und schlenderte hinab an die Ufer des schönen Rheins. In Königswinter traf ich eine Ge­sellschaft, welche aus einem Mann, einer Frau und sechs Kindern bestand. Der Va­ter dieser sechs Kinder war an Zunge und Beinen derart gelähmt, daß er nur mit Mühe an einem Stock gehen und nur unverständlich lallen konnte. Es war dies die Familie Härting. Die Kinder dieser Familie machten später meistens ihr Glück theils durch ihre Bühnenleistungen, theils durch gute Heirathen; damals fand ich die Kin­der auf einem Strohlager in dem Saale, in welchem gespielt wurde und ein Papier­theater aufgeschlagen war, ähnlich dem unseren, früher beschriebenen Hausthea­ter. Diese Familie bot das reinste Bild der Armuth, indem ihre Gewänder kaum die nackte Blöße bedeckten. Neugierig sahen die Kinder auf mich, da ich gute Kleider anhatte; es waren schöne Kinder, doch in welchem Zustand! Er hätte mich vernünf­tiger Weise abschrecken sollen; allein die Armuth entschuldigte sich, daß man eben nur durchreisend einige Vorstellungen gäbe und deßhalb ein etwas derangirtes Aussehen böte. Es wurde mir eine Flasche Wein vorgesetzt, um mich wahrschein­lich zu verblüffen. Man trug mir sogleich ein Engagement an – denn ich mußte ih­nen als guter Freund erschienen sein – aber nicht für hier, wo man nur en famille al­lein spielen wollte, sondern für Jülich, einer kleinen Festungsstadt am Rhein. Man versprach sich dort glänzende Geschäfte, da dort eine starke Garnison liege, und schon mehrere Jahre kein Theater dort mehr bestand. Man malte mir goldene Ber­ge vor, versprach gute Beschäftigung, d. h. gute Rollen; das letzte gab den Aus­schlag, ich schloß Engagement ab und reiste voraus nach Jülich.

Dort angelangt, fand ich noch Niemand von der Gesellschaft, obwohl mir gesagt wurde, es wären schon Mitglieder dort. Durch den Eigenthümer des Theaters, an den ich von der Direktion einen Brief abzugeben hatte, wurde mir Wohnung und Kosthaus ausgemacht, und so war ich vor Hunger und Frost einstweilen geschützt. Nach einigen Tagen kamen wirklich mehrere Mitglieder an, gar ein kleines Häuflein, aber wacker – nur mit den Damen spukte es; denn noch war Niemand da als die Di­rektorin und das war eine Frau in den 40er Jahren und hatte 6 Kinder, sollte aber deßungeachtet unschuldige Mädchen spielen. Natürlich zog eine solche Gracie die Offiziere der Garnison nicht besonders in’s Theater. Mit Mühe wurden endlich ein paar Damen aus dem nahegelegenen Cöln aufgetrieben, lauter Anfängerinnen. Die Eine war noch nie auf dem Theater gestanden – es war meine jetzige Frau, die ich dort kennen lernte.

Sie leistete damals das Möglichste, aber weder die Gesellschaft, noch das veraltete Repertoir vermochte das dortige Publikum in das Theater zu ziehen. Es war eine gar traurige Zeit, in der ich das Theater gleich von seiner schönen Seite kennen lernte; aber es half Alles nichts. Der kunstbegeisterte Jüngling träumte von künfti­ger Größe, indem er Ungemach und Entbehrung mit vollster Resignation ertrug. Hat ja auch der große Ludwig Devrient, wie in Brockhaus’ Lexion berichtet wird, solche Schicksale erlebt. Warum nicht der Eduard Binder! Mit großen Hoffnungen und Plänen betritt ja jeder Kunstjünger die gefährlichen Bühnen-Bretter, nicht ah­nend, was ihm die dunkle Zukunft bringt.

»Hoffend blicket oft das Auge
In der Zukunft dunkel Grau,
Ob nicht bald zur Freud’ aufthauet,
Ach, das schöne Himmelblau!«

Nachdem uns nun in Jülich das Glück durchaus nicht lächeln wollte, woran nach un­serer Meinung der schlaffe Kunstsinn des dortigen Publikums Schuld trug, wollten wir weiterziehen. Wie aber weiterkommen? Kost und Logis konnten nicht bezahlt werden, weil keine Gage floß und unsere wenigen Habseligkeiten konnten wir nicht zurücklassen, indem wir ohnedieß keinen Ueberfluß hatten. Da fand sich ein Mann, der zu helfen wußte – unser Quasi-Direktor, denn der wirkliche Direktor war, wie schon früher erwähnt, vom Schlage gerührt, gelähmt und kaum des Sprechens fähig. Man konnte es also der Frau nicht verdenken, daß sie einen Stellvertreter für’s Geschäft und ihr zartfühlendes Herz suchte, den sie aber in unserem Vicedi­rektor fand. Dieser war ehemals preußischer Offizier und von Adel, mußte aber ge­wisser Fatalitäten wegen quittiren, und führte beim Theater ein fremden Namen, weil es damals in Preußen noch gestattet war, einen beliebigen Theaternamen an­zunehmen. Erst später erfolgte die Verordnung in Preußen, daß jeder Schauspieler, ob adelig oder nicht, seinen Familiennamen zu tragen habe. Dieser nun zog im kri­tischen Augenblick sein Adelsdiplom und Offiziers-Patent hervor und bewies allen Gläubigern, daß er von guter Familie und nur im gegenwärtigen Augenblicke et­was in Verlegenheit sei, daß aber seine Revenüen in nächster Zeit flüssig würden. Da er hierauf jedem Gläubiger einen Schuldschein für sein Guthaben ausstellte, so mußten sich diese drein fügen, ob sie wollten oder nicht, denn zu nehmen war nichts und so wurde die Gesellschaft wieder flott.

Wohin geht jetzt die Reise? Nach der ohngefähr 10 Stunden entfernten Fabrikstadt Eupen. Für die Damen wurde mit Mühe ein »pumpender Kutscher« aufgetrieben, während die Herren sich begnügen mußten, per pedes apostolorum zu reisen. Es war ein Hundewetter, aber eines feurigen Kunstjüngers Begeisterung erträgt sol­che Calamitäten mit Heldenmuth. In Eupen selbst schien uns des Glückes Sonne freundlicher zu lachen. Die Gesellschaft war nämlich schon etwas gut zusammenge­spielt, ein paar neue Stücke thaten auch ihre Schuldigkeit und zudem war das Fa­brikvolk kein so pensibles Publikum wie die preußischen Offiziere. Wir fingen an in floribus zu leben, wie man eben mit 14 Thalern monatlich in floribus leben kann. Al­les ging gut, bis wir die Kreuzfahrer gaben. Gegen dieses Stück wurde sofort von der katholischen Geistlichkeit in der Kirche gepredigt und das Theater und deren Besucher verpönt. Durch diesen Umschlag war die Direktion gezwungen, wieder das Weite zu suchen.

Wir kamen nach Montjoi, einer Stadt unweit der Euphel. Da gings wieder recht lus­tig zu, so daß der Credit des Adeldiploms und des Offizierpatentes in Anspruch genommen werden mußte. Wir lebten als vergnügtes Völkchen; was wir brauchten, hatten wir infolge des Credits; es konnte aber auch umgekehrt lauten: was wir hat­ten, brauchten wir, und übrig ist gewiß nichts geblieben.

Von da aus ging es nach Düren, Stadt an der Euphel, Viersen, Dülken, Mörs, Oden­kirchen, wo wir überall mit abwechselndem Glück spielten, und ein ganz zufriede­nes Leben con amore führten; denn wir waren ein leicht zu befriedigendes Völk­chen. Ueberhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, daß die ersten Jahre beim Thea­ter immer die glücklichsten sind, da man im Traume einer großen Zukunft fort­lebt. Die Jahre der Enttäuschung und mit ihr das viele bittere Weh kommen nur all­zu früh.

In Mörs trennte sich der größte Theil von der Gesellschaft Härting und erhielt En­gagement in Wesel, einer Festungsstadt am Rhein, größer wie Jülich, wo unter der Oberaufsicht eines Comitees, welches aus Stabsoffizieren, Kaufleuten und Bürgern bestand, das Theater von dem damaligen Eigenthümer des Theaters, Namens Gohr, geleitet wurde. Mich engagirte man damals hauptsächlich für die Rolle der Väter, allein ich mußte auch öfter Helden, und weil ich jung war und kein übles Aeu­ßeres hatte, mitunter Liebhaber spielen, eine Rolle, bei der ich ziemlich Glück hat­te. Es war damals »Hinko, der Freiknecht« von der Charl. Birch-Pfeiffer neu und ich erhielt die Aufgabe, den König Wenzel zu spielen, was für mich ein Festtag war. Daß ich aber darin mit ziemlichem Erfolg aufgetreten sein mußte, bewies sich da­durch, daß sich zwei bewährte Kritiker dieser Stadt, ein Hauptmann und ein Pro­fessor, meinetwegen sogar forderten. Es wurde bald nach »Hinko« – »Isidor und Olga« gegeben, wobei ich frei blieb. Der Hauptmann tadelte in der Rezension, daß man mir nicht die Rolle des Fürsten zutheilte – ich hätte ein so schönes Bild des Kö­nig Wenzel gegeben und sicherlich wäre mir auch der Fürst gelungen. Auf dies Urt­heil erwiderte der Professor kurz, daß man einem Anfänger, wie mir, eine solche Rolle nicht übertragen könnte, eine Bemerkung, welche der Hauptmann übel nahm, und sogleich den Professor forderte; jener aber schlug sich nicht unter dem Vorwande, er sei verheirathet und dürfe sein Leben nicht auf’s Spiel setzen. So wur­de meinetwegen wenigstens kein Blut vergossen, stolz aber machte mich der Han­del doch.

Ich habe schon in Erwähnung gebracht, daß damals in Jülich eine Anfängerin die Bühne betrat, die später meine Frau wurde. Sie hieß mit ihrem Theaternamen Ren­da, war aber eigentlich die junge Wittwe des verstorbenen Schriftstellers Dr. Arendt, eine geborne Wenger. Diese ward alsbald in Wesel engagirt, ging aber we­gen Differenzen noch vor Beendigung der Wintersaison von Wesel ab, und begab sich zu einem Direktor Friedrich Köhler, welcher damals Westphalen bereiste und in gutem Renommee stand. Wesel hatte natürlich nur eine Wintersaison. Als diese zu Ende war, suchte ich auch bei diesem Köhler, wo sich die mir befreundete Renda aufhielt, jedoch unter ihrem Familiennamen Wenger auftrat, Engagement zu erhal­ten, was durch Verwendung der Dame auch gelang. In Hamm in Westphalen stieß ich zur Gesellschaft, wo ich einen damals noch jungen Mann traf, der großes Talent verrieth und jetzt kgl. Hofschauspieler in München ist. Beim Lesen dieser Zeilen wird er sich wohl noch der Zeit erinnern; wir waren ja längere Zeit Collegen. Bei diesem Köhler, welcher während meines Engagements die Städte Hamm, Soest, Lippstadt, Burgsteinfurt bereiste, blieb ich bis Herbst. Für den Winter schloß ich Engagement nach Amsterdam ab, wo das deutsche Theater von einem Professor Ehlers geleitet wurde, wo aber hauptsächlich nur Opern gegeben wurden. Meine Beschäftigung war also nur die sprechenden Rollen, da ich nicht Sänger war, in der Oper, oder wenn eine solche zu kurz, denn dort liebt man lange Vorstellungen, in den kleinen Stücken zu spielen, die zu den Opern gegeben wurden. Meine jetzige Frau, damals schon meine zärtliche Geliebte, fand dort kein festes Engagement, spielte aber zeitweise für Honorar. Im uebrigen beschäftigte sie sich mit feinen Sti­ckereien, welche sie in Amsterdam zur Genüge erhalten. Ehlers machte aber nach 4 Monaten in Amsterdam Bankerott. Die Mitglieder verloren einen Theil der Gage, spielten aber noch eine Zeit in Theilung fort und zerstreuten sich dann nach allen vier Himmelsgegenden. Ich vereinigte mich mit einigen Mitgliedern der Gesell­schaft, dem Komiker, dem Bassisten, der Soubrette, indem wir in den Städten Zwolle, Deventer, zuletzt in Arnheim Vorstellungen gaben. Hier waren wir an der deutschen Grenze und mußten uns trennen. Ich kam nach Aachen, wo es damals zwei Direktoren gab, welche zwar in Compagnie das Theater hatten, aber einander so freundlich wie Montecchi und Capaletti gegenüber standen. Köcker – so hieß der eine – hatte die Oper, Henel, rühmlichst bekannt durch die Schule, welche er seiner Zeit bei dem berühmten Immerman in Düsseldorf als Regisseur durchmach­te, hatte das Schauspiel. Bald aber waren sie durch Zerwürfniß derart getrennt, daß jeder seine Einnahmen für sich erhob und auch die Gagen allein zahlte, die Garderobe und Bibliothek, die sie zusammen erworben, theilten sie, aber kein Mit­glied der Oper durfte im Schauspiel und kein Mitglied des Schauspiels in der Oper mitwirken, wodurch sie sich das Geschäft sehr erschwerten.

Später löste Köckert Henkel ab und übernahm selbst die ganze Direktion. Bei die­ser Gelegenheit fällt mir wieder ein Beispiel ein, welches recht deutlich zeigt, was Vorurtheil zu leisten vermag. Während meines Engagements in Wesel nämlich lern­te ich den nachmals so beliebt gewordenen Lustspieldichter Benedix kennen, wel­cher in Wesel, als Regisseur und Schauspieler engagirt, aber als Darsteller nie so hervorragend war, wie er es später als Dichter wurde. Er befand sich damals in sehr mißlichen Verhältnissen, da er eine große Familie und eine – o Unglück! – kleine Gage hatte. Damals wurde in Wesel zum ersten Male sein »langer Israel« gegeben, welcher sehr gefiel; hierauf folgten noch »die Sklaven« und »die Männerfeindin«, welche beiden aber einen zweifelhaften Erfolg errangen. Ich empfahl daher dem Köckert für Bonn als Universitätsstadt das Stück »der lange Israel« oder »bemoos­tes Haupt«, denn im Winter war damals Bonn und Cöln zusammen vereint, d. h. die Cölner Gesellschaft spielte wöchentlich zweimal in Bonn, während des Sommers aber in Aachen. Köckert ließ sich das Stück kommen, las den ersten Akt, warf es dann beiseite, indem er mir zurief: »Wie können Sie mir nur solch einen Schmarren empfehlen!« Doch schon nach zwei Jahren ohngefähr wurde das Stück »bemoostes Haupt« mit großem Erfolg im Königstädtischen Theater in Berlin zu einer Zeit ge­geben, wo Köckert schwer um sein Dasein zu kämpfen hatte, indem nichts mehr einschlagen wollte. Was that er? Er ließ sich das Stück kommen – und siehe da, es machte nicht nur in Bonn Furore, sondern auch in Cöln, und erlöste ihn aus einer drückenden Lage. Weil aber früher Benedix nock keinen Namen hatte, da war’s halt nur ein Schmarren. Doch bald hätte ich mich selbst ganz vergessen.

Um nun wieder auf mich selbst zu kommen, so berichte ich, daß Köckert nach Cöln reiste, während mich eine Krankheit in Aachen festhielt. Als ich wieder genesen, waren die städtischen Engagements alle vergeben; ich engagirte mich bei der rei­senden Gesellschaft des Herrn Keuneke, welcher damals die Städte am Rhein be­reiste, und bei ihm war es auch, wo ich zum ersten Male ausschließliche Beschäfti­gung als Held und Liebhaber und Bonvivant erhielt. Der erste Liebhaber war näm­lich durchgegangen, da sein Geld »alle geworden«. So eine Lücke aber kann einen Direktor zu leicht in Verlegenheit setzen. Es war gerade »Leonore« von Holtey an­gesetzt, aber kein Wilhelm vorhanden. Da wandte sich der Direktor in seiner Ver­zweiflung an mich, der von jeher ein guter Kerl war und Niemand etwas abschlagen konnte. Ich spielte also den Wilhelm und gefiel besser als der durchgegangene Liebhaber. Von der Zeit an blieb ich erster Held und Liebhaber.

Auf unseren Kreuz- und Querzügen kamen wir auch nach Essen. Das zärtliche Ver­hältniß mit meiner jetzigen Frau wurde bald ganz intim; sie fühlte sich Mutter, und ich ließ mich, da das Kind auch einen Vater haben sollte, in Essen trauen. Der Bür­germeister in höchsteigener Person war unser Trauzeuge. Gegen den Winter kam die Gesellschaft wieder nach Wesel; meine Frau konnte der interessanten Umstän­de halber nicht mehr spielen und blieb in Rheinberg, einem kleinen Städtchen, drei Stunden von Wesel entfernt, zurück, sich mit Handarbeiten und Stickereien be­schäftigend. Da ward mir im Jahre 1839 mein erster Sohn Eduard geboren, der später durch seine unglückliche Krankheit, die nach und nach den ganzen Körper lähmte, viele Jahre leiden mußte.

Der Direktor Keuneke schloß für einige Zeit das Theater und vereinigte sich dann mit seinem Schwager, dem bekannten Conradi, welcher sich aber später auf die preußische Verordnung hin seinen wirklichen Namen Obstfelder wieder beilegte. Mit dieser Direktion ging ich nach Crefeld, später nach Coblenz, dann nach Wetz­lar. In Wetzlar ward ich auch glücklicher Vater einer gar lieblichen Tochter, und ich erinnere nuch jetzt noch mit Vergnügen der allgemeinen Theilnahme, welche mir und meiner Frau damals bezeigt wurde. Außer einer vollkommen ausverkauften Be­neficevorstellung nämlich erhielt die glückliche Mutter noch von allen Seiten Kindbettsuppen und zwar von den höchsten dort befindlichen Herrschaften. Es gab auch Hühner, feine Fische, das delikateste Backwerk etc. etc., kurz so viel, daß wir die ganze Gesellschaft damit bewirthen konnten. An Kindswäsche fehlte es uns auch nicht, wir erhielten so viel, daß man 6 Kinder damit hätte versorgen können.

Von Wetzlar aus erhielt ich Engagement an das Stadt-Theater nach Ulm zu Direktor Dardenne. In Ludwigsburg in Württemberg wurde die Gesellschaft gut zusammen­gestellt; wir gaben Vorstellungen in dem königlichen Schloßtheater. Damals war »Stessen Langer« von der Charl. Birch-Pfeifser neu. Ich spielte zum erstenmale den »Steffen Langer« und erzielte damit einen überaus günstigen Erfolg. In Ulm blieb ich zwei Jahre, mußte aber die Sommermonate privatisiren, weil in Ulm nur bis Ende April gespielt wurde. Während dieses Engagements wirkte ich mit mehreren damals berühmten Künstlern, die Gastspiele in Ulm gaben, zusammen, unter an­dern auch mit dem Hofschauspieler Maurer aus Stuttgart, mit dem berühmten Seidlmann u. a. m. Durch die Aufmunterung, welche mir geworden und die schmei­chelhafte Anerkennung meines Talentes von ihrer Seite wurde ich beinahe stolz und glaubte bald selbst zu den Auserkorenen zu gehören. Nachdem ich 2 Jahre in Ulm war, erhielt ich einen Engagements-Antrag nach Hermannsstadt in Siebenbürgen. Mein Gott, welch’ eine Reise damals in Ungarn, wo es noch keine Eisenbahnen gab! Da ich aber das Reisegeld nebst einem Jahrescontract erhielt, so ließ ich mich be­stimmen, die Einladung anzunehmen. Die Hermannsstädter Gesellschaft unter der Direktion Nötzel und Kreibig spielte damals in den Sommermonaten in Hermannss­tadt und die Wintermonate in Arad. Bei dieser Gelegenheit lernte ich den später berühmt gewordenen Carl Treumann kennen und wurde so innig mit ihm befreun­det, daß ich, durch seine Verwendung in Wien gastliche Aufnahme fand. Als mein Contract abgelaufen war, wollte ich ihn nicht wieder erneuern, weil es mir zu weit entfernt von der civilisirten Welt war. Ich erhielt einen Antrag nach Preßburg, wo damals ein Herr v. Megerle die Direktion führte, dessen Frau durch mehrere Stü­cke, welche sie geschrieben, wenn auch nicht rühmlichst, aber doch bekannt wur­de. In Preßburg hatte ich abermals einen Rivalen, Namens Böck, mit dem es viele Kämpfe gab; die Kritik war theils für ihn, theils für mich. Nach meinem heutigen un­parteiischen Urtheil hatten zufällig beide Recht. Böck hatte Rollen, in denen ich ihn nicht erreichte, ich dagegen solche, wo ich ihn übertraf.

Die Direktion Megerle hielt sich jedoch nicht sehr lange, sondern mußte nach Ab­lauf eines Jahres ihren Commandostab niederlegen und Preßburg blieb für lange Zeit ohne Theater. Ich erhielt in Baden bei Wien bei Direktor Roll Engagement. In Baden lernte ich den damals scharfen Kritiker und Humoristen M. G. Saphir ken­nen, der beinabe täglich unsere Vorstellungen besuchte und sich mir besonders ge­wogen zeigte, indem er sogar einmal äußerte, daß ich ihm als Ingomar im »Sohn der Wildnis«, einem Stück, das damals viel gegeben wurde, besser gefallen hätle, als der so gefeierte L. Löwe im Burgtheater. Daß mich das Urtheil dieses strengen Kritikers erfreute, werden meine Leser mir leicht glauben. In Baden blieb ich meh­rere Jahre. In den Wintermonaten spielte die Gesellschaft meistens in Oedenburg, einer an der Grenze Deutschlands gelegenen ungarischen Stadt, auch ein paar Jah­re in Wienerneustadt. In Baden hatte ich Gelegenheit, mit den größten Heroen der Zeit, welche damals am Burgtheater in Wien engagirt waren, während ihres Gast­spiels in Baden zusammen zu wirken. Diese Persönlichkeiten waren: L. Löwe, Ficht­ner, La Roche, Anschütz, Davison; der damals berühmte »Faust«: Josef Wagner und seine Frau, eine geborene Ungelmann, spielten zu meinem Benefize in Baden im »Faust«, neben welchen ich als Mephisto mit vielem Glück auftrat. Im verhängniß­vollen Jahre 1848 war ich in Baden engagirt, wo wegen der Unruhen in Wien den Winter fortgespielt wurde, indem ein großer Theil des Adels nicht nach Wien ging, sondern in Baden blieb. In dieser Zeit erlebte ich ein gar merkwürdiges Curiosum. Während der Vorstellungen nämlich kamen gewöhnlich die Zeitungen von Wien und Alles hatte nur mehr Interesse für dieselben, man las die Zeitungen auch im Theater während der Vorstellungen.

Da kam die Direktion aus den Einfall, die Zeitungen laut von der Bühne herab vorle­sen zu lassen, was von dem Publikum freudig acceptirt wurde. Als in Wien die Ruhe wieder hergestellt erschien, erhielt ich durch Verwendung des Carl Treumann, der damals ein beliebtes Mitglied in Wien war, und durch Saphir’s Empfehlung En­gagement in Wien bei Pocorni, welcher damals die beiden Theater in der  Joseph­stadt und an der Wien hatte. Es war gerade jene Zeit gekommen, wo man läng ver­botene Stücke freigab und zwar zur größten Ueberraschung des Publikums. Das »Pasquill« von Maltitz war eines, und ich trat darin als Hermann auf und zwar mit Glück; es wurde, wie in Wien üblich, sehr oftmals wiederholt. Dann sollte ich den Alsdorf im »bemoosten Haupt« spielen. Da traf mich das Unglück, daß das ungari­sche Fieber, welches ich aus Ungarn mitgebracht, bei mir zum Ausbruche kam, und zwar mit einer Vehemenz, die mich völlig entkräftete und mich nöthigte, mein En­gagement aufzugeben. Ein volles Jahr verfolgte mich dieses garstige Fieber mit kleinen Unterbrechungen und ward Veranlassung, daß mein Engagement verlustig ging. Ich nahm hierauf in Agram, der Hauptstadt Croatiens, wo damals der gefeier­te Fürst Jellazic, der Befreier Wiens, residirte, meinen Aufenthalt, blieb aber nur ein Jahr daselbst, da es ja doch kein Engagement für einen deutschen Schauspieler war. Nicht übergehen will ich hiebei die Bemerkung, daß ich in dieser Stadt viel Lorbeern erntete, gute Benefice erhielt und mich rühmen durfte, ein Liebling Agrams gewesen zu sein. Bald erfolgte für mich für die Hauptstadt Steiermarks, Graz, ein Antrag zu einem Gastspiel – aber als Heldenvater, konnte aber erst in 2 Monaten auftreten. Der Aufenthalt in Graz gefiel mir außerordentlich, da ich unter dem Schauspielpersonal viele Bekannte fand, so daß ich mich entschloß, 2 Monate daselbst privatisirend zu verweilen, bis die Zeit zu meinem Gastspiel heranrückte. Aber Malheur, über Malheur! Ich konnte keine Wohnung finden, weil ich verheirat­het war und – o guter Gott! – Kinder hatte. Alle verheiratheten Schauspieler hatten nämlich dort Jahreswohnungen mit eigenem Meublement, was mir bei einem blo­ßen Gastspiel auf Engagement nicht wohl möglich war.

Unterdessen mußte ich mir von München wieder einen neuen Paß kommen lassen, wobei man mir wieder Schwierigkeiten bereitete, weil meine Frau und Kinder nicht in den Paß aufgenommen wurden. Nun kam’s noch stärker. Man deutete mir an, daß ich ohne Heimathsbewilligung geheirathet hätte, meine Ehe somit nicht aner­kannt werde, während die Heimathsbehörde meiner Frau sagte, sie gehöre, seit­dem sie geheirathet, in die Heimath ihres Mannes, sowie auch ihre Kinder. Auf die­se Weise hatten also meine Frau und meine Kinder keine Heimath! Der Sache muß­te abgeholfen werden, aber wie? Allerdings hatte ich in Preußen ohne Heimathsbe­willigung geheirathet, aber ohne mein Verschulden; denn als wir in Rheinpreußen in Essen heiratheten, verlangte die dortige Behörde Geburtsschein, Militair-Entlas­sung und Freischein der Kirche. Meine Mutter besorgte mir die Papiere, allein was das für ein Document sei: »Freischein der Kirche«, kannte man in München nicht. Auf die Anfrage meiner Mutter, ob ich denn meine Religion wechseln wollte, erwi­derte ich: ich durchaus nicht. Wir waren beide katholisch, und deßhalb ward mir von meiner guten Mutter angezeigt, daß sie dann das Papier nicht verschaffen kön­ne. Die Behörde in Essen sagte mir aber, wir trauen sie auch ohne dieses Papier, wir gebrauchen es nicht, und so geschah es. Der sog. »Freischein der Kirche« hat bei uns einen andern Titel, und es ist darin das Aufgebot in der Heimathskirche und die heimathliche Ortsbewilligung enthalten, das war von uns verabsäumt und mußte also nachgeholt werden. Um dieses selbst zu bewerkstelligen, entschloß ich mich, in meine Vaterstadt München zu gehen, indem ich mir mit der begründeten Hoff­nung schmeichelte, ein bescheidenes Engagement am Hoftheater erhalten zu kön­nen, was ja leicht möglich war, da ich zu diesem Zwecke Empfehlungen von Saphir und dem Dichter Feldmann an den damaligen Intendanten Dingelstedt erhalten hatte. Ich wollte ja nur für das 2. oder 3. Fach engagirt sein, allein meine gewiß be­scheidene Bitte fand kein williges Gehör. Warum wohl nicht? Aus dem einfachen Grunde, weil Herr Dingelstedt kein Freund von süddeutschen Schauspielern war; bei ihm galt nur der norddeutsche. Kurz zuvor hatte Straßmann eine Anstellung ge­funden, mit dessen Leistungen Binder sich gar wohl messen konnte; allein alle mei­ne Bemühungen für’s Hoftheater waren fruchtlos. Da blieb mir dann freilich nichts Anderes übrig, als mich an Max Schweiger in München zu wenden, mit dem ich alsbald ein Gastspiel abschloß. Den 4. Mai 1852 trat ich zum erstenmale in mei­ner Vaterstadt auf, welche ich im Jahre 1832 verlassen hatte und zwar in dem Stü­cke: »Gebieterin von St. Tropez«. Ich wurdee mit stürmischem Beifall ausgezeichnet und nach jedem Akte gerufen. Auch den Schiller in den »Karlsschülern« spielte ich mit gleichem Glück, so daß bald die allgemeine Stimme laut wurde, Binder spielt seine Rolle besser, als Straßmann, der ihn im Hoftheater gab, ich spielte noch »Kean«, »Robert den Teufel«, »Graf von Monte Christo«, alle mit durchschlagen­dem Erfolge. Alte Münchner werden sich dessen gewiß noch erinnern und den ehemaligen Liebling des Schweigertheaters dieses Zeugniß willig ablegen. Mit der Darstellung des Hamlet hatte ich so zu sagen dem Faß den Boden eingeschlagen. Ein eilfmaliger Hervorruf krönte meine Leistungen, ich spielte in der Schröder’schen alten Übersetzung, welche in Prosa, kürzer gefaßt und dem Volkspublikum ver­ständlicher ist. Allein was sollte ich erleben! Nach diesem unleugbaren, aber gewis­sen Herren höchst mißliebigen Erfolg wurde den beiden Schweigercheatern durch die königl. Hoftheater-Intendanz die Aufführung klassischer Stucke, auch Laube verboten, ja sie wurden sogar verplichtet, ihr Repertoir der Hofheater-Intendanz einzureichen, welche die Befugniß hatte, davon zu streichen, was ihr beliebte. Un­glaublich jetzt 1883, aber halt doch wahr! Noch leben Zeugen genug, welche die Wahrheit meiner Angabe verbürgen können. Wäre wohl heutzutage auch noch ein so intriguantes Spiel möglich?

Nachdem ich mein Gastspiel beendigt hatte, schloß ich, da sich die Schlichtung meiner Familienangelegenheit sehr in die Länge zog, mit Max Schweiger ein Enga­gement ab, hatte aber zuvor noch ein Gastspiel in Linz zu absolviren und ein ande­res in Graz zu lösen. Den 1. August 1852 trat ich endlich in München wleder auf in der »Gebieterin von St. Tropez« und ärntete Triumphe über Triumphe die 3 Jahre, welche ich bei Max Schweiger war, hauptsächlich in den Rollen: »Kean«, »Memoiren des Satans«, »Graf v. Monte Christo«, »Gebrüder Foster«, »Stephan«, »Schule des Lebens«, »Nacht und Morgen«, »Philipp«, »Schachmaschine«, »Karl Ruf«, »Die Ju­risten v. Wangenheim«, »André, ein Verbrecher aus Kindesliebe«, »Irrenhaus zu Di­jou«, »Eberhard«, »Zryni«, »Blinde von Paris«, »Lorberbaum und Bettelstab«, »Mut­ter und Sohn«, »Leben eines Ehrgeizigen«, »Mulatte«, »St. Georg«, »Dorf und Stadt«, »Otto von Wittelsbach«, »Jean Bart«, »Eiserne Maske«, »Drotschenkut­scher«, »Cäsar von Bazano«, »Sohn der Wildniß«, »Ingomar«, »Steffen Langer«, »Rubens in Madrid« u. a. m.

Eine besondere Auszeichnung und angenehme Erinnerung wurde mir nach der Dar­stellung des Philipp in dem Stücke »Abenteuer einer Neujahrsnacht« von Plötz zu Theil. Der greise Dichter, mir bis jetzt unbekannt, kam nach Beendigung der Vor­stellung zu mir in die Garderobe und versicherte mich, daß er die Rolle seit Urban’s Zeit nicht wieder so gut dargestellt gesehen habe, und er würde, wenn das Stück auf dem Hoftheater noch auf dem Repertoir wäre, fest darauf bestehen, daß nur ich die Rolle dort spielen dürfte. Wenn das Letzte vielleicht auch nur eine schmei­chelhafte Phrase war, so that es meinem Herzen doch wohl, bei einen solchen Man­ne Anerkennung gefunden zu haben. Manch frohen Tag, doch auch manch böse Stunde erlebte ich in diesen drei Jahren, wie das nun so buntscheckig im Theaterle­ben geht.

Kleine Differenzen bestimmten mich, nach drei Jahren, 1855, wieder aus dem Ver­bande des Max Schweigertheaters zu treten. Es wurde mir von Joh. Schweiger in der Au ein Antrag zu einem Gastspiel gemacht, welchen ich bereitwilligst acceptir­te. Ich trat zum erstenmale in einem von mir selbst geschriebenen Stück auf: »Des Lebens dunkles Spiel«. Der Empfang, der mir bei meinem Erscheinen auf der Büh­ne zu Theil wurde, wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Der Applaus war derart, daß ich dreimal beginnen mußte, bis ich nur zu Worte kommen konnte. Das Stück erschien im Druck mit meinem Portrait und wird noch vielfach in München zu finden sein. Das Haus war bei meinem ersten Auftreten ausverkauft. Diese Vorstellung hatten auch die Herren Hofschauspieler Haase, Otto Lehfeld, Christen, Straßmann besucht; sie hatten das Buch in der Hand und lasen nach. Nach dem 2. Akte kamen sie zu mir in die Garderobe, machten mir Complimente sowohl über das Stück wie über meine Leistung und trösteten mich hinsichtlich meiner Stellung, indem sie mir die Versicherung gaben, daß ihnen nie so herzlicher Empfang zu Theil wurde, ja, sie schienen mich ordentlich zu beneiden. Während dieses Engagements geschah es auch, daß mehrere Bürger der Maxvorstadt, unter ihnen der Gastwirth N. Brunner, zu mir kamen und mir den Vorschlag machten, ich möchte in der Maxvorstadt, und zwar bei Herrn Brunner, wo hinlänglich Räumlichkeiten vorhanden wären, ein Thea­ter gründen, sie wollten die Mittel beisteuern. Der Antrag war verlockend, ich ac­ceptirte ihn. Doch als die beiden Schweiger dies erfuhren, wurde ich von ihnen ver­fehmt und eine Uebereinkunft abgeschlossen, daß nach Ablauf meines Contracts bei Johann Schweiger mich keiner mehr wieder auftreten lassen dürfe, bei einer Strafe, ich glaube von einigen Tausend Gulden. Armer Schauspieler! Es wäre zwar nicht nöthig gewesen, denn es war damals ganz unmöglich noch eine Theatercon­cession für München zu erhalten, obwohl ich hohe Gönner hatte wie Prinz Adal­bert, Herzog Max, Ersterer besuchte fast alle Vorstellungen, in denen ich mit einer größeren Rolle betheiligt war. Auch vor König Max II. hatte ich die höchste Ehre, sowohl bei Max, als bei Johann Schweiger zu spielen.

Das damalige Ministerium Reichersberg war aber fest dagegen und ich und die Bürger der Maxvorstadt erhielten verschiedene Abweisungen. Nachdem das Pro­jekt bekannt wurde, ward ich achsichtlich von Seite der Direktion nur wenig be­schäftigt, um beim Publikum in Vergessenheit zu kommen. Wie liebenswürdig!

Nach Ablauf meines Contracts war also für mich in München kein Bleiben mehr. Ich übernahm die artistische und technische Direktion des Stadt-Theaters in Landshut, eigentlicher Unternehmer war der Besitzer des Theaters Bernlochner. Landshut hat bekanntlich nur eine Wintersaison. Während des Sommers gastirte ich in dem da­maligen Sommertheater in Leipzig und in dem Badetheater zu Lauchstädt, den Winter darauf war ich Schauspieler und Regisseur am k. k. Theater zu Innsbruck un­ter der Direktion Walthers. Es war damals der k. k. Prinz Erzherzog Ludwig Statt­halter von Tirol und residirte in Innsbruck. Ich hatte die Ehre, vor den kaiserlichen Herrschaften zum erstenmale den Narziß zu spielen, und mir mit dieser Rolle ein bleibendes Andenken in Innsbruck gegründet.

Als ich in Wien war, machte ich die Bekanntschaft eines Carl Lößl und aus alter Freundschaft bombardirte er mich mit Briefen, bei ihm Engagement zu nehmen, er habe das Stadt-Theater in Reichenberg übernommen, ich möchte bei ihm als Regis­seur und Schauspieler eintreten, indem er mir eine für Reichenberg brillante Gage und Engagement für meine Frau bot. So ließ ich mich bestimmen und blieb 2 Jahre in seinem Engagement. Nun hatte ich wieder Sehnsucht nach München und zwar um so mehr, da mein Sohn Eduard dort weilte, dessen Krankheit (Lähmung) immer weiter schritt und eine beständige Umgebung und Bedienung nothwendig hatte.

Ich entschloß mich endlich, selbst eine Direktion anzufangen und erhielt für den Kreis Oberbayern die Concession; in Folge dessen wollte ich in dem nahe gelege­nen Neuhofen etwas für München noch ganz Ungewöhnliches, ein neues Sommer-Theater gründen. Die Ortsbewilligung wurde mir gerne ertheilt, da ich die Regie­rungsbewilligung bereits hatte. Schon hatte ich bereits die nothwendigsten Deko­rationen anfertigen lassen. Der Zimmermeister machte bereits die Vorarbeiten, die Mitglieder waren auch schon engagirl; da wurde mir auf Einspruch der beiden Schweiger die Bewilligung plötzlich wieder eingezogen, der Bau eingestellt. Was blieb mir nun übrig? Nichts als als daß ich das Vergnügen hatte, die schweren Kos­ten zu tragen und die Mitglieder auf Wartezeit zu setzen. In der That eine ganz ver­zweiflungsvolle Lage für mich. Alle Demonstrationen nützten nichts; ich bekam weder Entschädigung noch Erlaubniß.

Eines Tages ließ mich der Referent Regierungsrath N. N. zu sich rufen und zeigte mir an, daß das Bade-Theater in Reichenhall zu vergeben sei, dazu könne er mir die Concession geben. Ein Ertrinkender greift auch nach einem Strohhalm. Was sollte ich Getäuschter beginnen? Ich zog als Direktor in Reichenhall ein. Ein jetzt sehr be­liebtes Mitglied des Gärtnerplatztheaters verdiente dort unter meiner Direktion seine Sporen, er wird sich beim Lesen dieser Zeilen vielleicht noch daran erinnern. Als die Badesaison zu Ende war, siedelte ich nach Rosenheim über, spielte daselbst 3 Monate und ging von da nach Traunstein, wo ich durch Verwendung des Bezirks­gerichts-Direktors Hauck den schönen Rathhaussaal zur Aufstellung meines Thea­ters zur Verfügung bekam. Ich schlug mich mit Ach und Krach so durch, wie man sich eben in so einem kleinen Städtchen durchschlagen kann.

Den nächsten Winter war ich in Passau als Regisseur und den darauffolgenden als Direktor. Im Jahre 1864 übernahm ich die vereinigten Stadt-Theater Ingolstadt und Eichstädt, die ich 6 Jahre behielt, ja ich würde vielleicht noch dort sein, da Behörde und Publikum mit mir recht zufrieden waren, wenn nicht unvorhergesehene Mißhel­ligkeiten mein Leben allzu sehr verbittert hätten. Im letzten Jahre – es war im Jahre 69-70 – hatte ich nämlich eine gar liebenswürdige Gesellschaft, die mir das Leben sauer machte und in mir den Entschluß zur Reife brachte, die ganze Direktion auf­zugeben. Ich that es, verkaufte den größten Theil meiner Bibliothek und Gardero­be und nahm für den folgenden Winter Engagement als erster Vater im Stadt-Thea­ter zu Würzburg bei Em. Hahn an. Allein der Mensch kann seinem Schicksal nicht entgehen. Während meiner Direktionsführung war ich immer in Correspondenz mit dem Gastwirthe Karl Schießl im Elysium geblieben, der gleichfalls Bewerber um ein Theater war. Er wollte mir die Leitung übertragen; allein er wurde so wie ich ver­schiedene Male abgewiesen. Während meines Engagements in Würzburg geschah es, daß das Gärtnerplatz-Theater geschlossen und zum Verkauf ausgeboten wurde. Da schrieb mir Schießl, ich möchte augenblicklich nach München kommen, denn jetzt blühe unser Weizen, da das Gärtnerplatz-Theater aufgehört habe und uns jetzt die Bewilligung nicht entgehen könne. Ich suchte noch vor Ablauf des Con­tractes das Engagement in Würzburg zu lösen und zwar in der sicheren Voraus­sicht, in München im Verein mit Schießl, in dessen Lokalitäten ein neueingerichtetes nettes Theater stand, ein Vorstadt-Theater zu errichten. Es war auch wirklich dies­mal gegründete Hoffnung vorhanden. Doch plötzlich wendete sich das Blatt, indem das Theater von Sr. Majestät dem König angekauft wurde und seinem Zwecke er­halten blieb. So saßen wir – ich und der stets joviale Gastwirth – mit langen Ge­sichtern da.

Unterdessen brach der Krieg, aus. Da ich nun doch in München war, gab ich im Ver­eine mit Dilettanten im Elysium um verschiedene Wohlthätigkeits-Vorstellungen, besonders zur Unterstützung der verwundeten Krieger. Nun kam der Winter heran. Ich hätte gerne dem Theater ganz Valet gesagt, aber was thun? Ich konnte nichts finden als den kärglichen Broderwerb durch Copiren, einen Erwerb der mir zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben bot. Da erhielt ich von Straubing, wo ich ei­nige Verwandte hatte, die Nachricht, daß das dortige Theater noch nicht vergeben sei und daß ich es, wenn ich mich darum bewerben wollte, gewiß erhalten würde. Ich zeigte keine große Lust dazu, denn ich hatte nie viel Gutes von Straubing ge­hört; da ich aber doch nicht ganz müssig sein wollte, so bewarb ich mich darum – und erhielt es. Kapitalien – dieses Geständniß will ich meinen geehrten Lesern ma­chen – habe ich mir in Straubing keine errungen, erst als ich mich nach einigen Mo­naten von Straubing aus nach Deggendorf begeben hatte, da ging es mir wieder besser, weil die Regiekosten nicht so groß waren.

Für die Sommermonate reiste ich nach Oberhausen bei Augsburg, wo eine Art Sommer-Theater stand; aber auch da blühte mir kein Waizen, bis ein Zufall eine glü­ckliche Wendung im Geschäfte hervorbrachte. Es war gerade in dem Jahrgang, wo die bekannte Barbara Ubrik-Geschichte in Krakau vorging. Mein Komiker erklärte mir, er möchte die Barbara Ubrik zu seinem Benefice geben. Auf meine Frage, ob er denn ein Stück dieses Namens besäße, erklärte er mir: »Na, nu, ich geb’ halt die Kreuzfahrer, oder sonst ein Stück, worin eine Nonne vorkommt. Damit basta!« Ich konnte natürlich mit einem solchen Vorschlag nicht einverstanden sein, da ich mir denken mußte, daß eine solche Mystifikation des Publikums wenn man einem Ko­miker schon etwas zu gute hält, doch auch unmöglich geduldet werden könnte. Mir selbst war die ganze Barbara Ubrik-Geschichte noch unbekannt, weil ich wenig Zei­tungen las. Ich ließ mir also von der Begebenheit erzählen. Als ich die Geschichte gelesen hatte, kam mir selbst die Lust, ein neues Stück zu verfertigen. »Verschaffen Sie mir«, rief ich meinem Komiker zu, »rasch die Zeitungen, worin die Begebenheit enthalten; ein bischen Stehlen bei solchen Gelegenheiten ist schon erlaubt; doch muß schnell etwas zu Tage gefördert werden. So etwas muß schnell geschehen, sonst ist es werthlos.« Es war Dienstag. Ich nahm die Zeitungen zur Hand, las die Begebenheit, holte dann aus meiner Bibliothek die »Kreuzfahrer«, den »Glöckner von Notre-Dame« und fing an mit Bleistift den ersten Akt aufs Papier zu bringen. Hierauf ließ ich ihn von meiner Frau mit Tinte in’s Reine schreiben, während ein Schauspieler aus den Bruchstücken gleich die Rollen verfertigte; den ganzen 2. Akt nahm ich von den Kreuzfahrern zu leihen.

Die Aufnahme der Emma in’s Kloster, der 3. Akt, war wieder mein Opus; der vierte, die Kerkerscene, wurde vom »Glöckner von Notre Dame« entlehnt und der fünfte war wieder eigne Dichtung. Am Abend desselben Tages noch war das Stuck fertig, ins Reine geschrieben, die Rollen vertheilt und am Freitag die erste Aufführung. So war Alles fix und fertig, das »Zauberstückl« ganz gelungen. Das Stück gefiel trotz der manchfachen Diebstähle außerordentlich, ganz Augsburg wallfahrte zu uns her­aus, es wurde zehnmal gegeben und entschädigte uns für den Verlust des ganzen Sommers. Später verkaufte ich das Stück auch vielmal und keines meiner eigenen Geistesprodukte trug mir pecuniär je so viel ein, wie »Barbara Ubrik«, welches ich in 12 Stunden fabrizirte. Mundus vult decipi, sagt schmunzelnd der pfiffige Advo­kat; ergo decipiatur. Den Winter übernahm ich noch einmal die Theater-Direktion in Straubing in der Hoffnung, daß nur das Kriegsjahr den Theaterbesuch beeinflußt, jetzt aber im Friedensjahr wohl mir in Straubing Rosen blühen könnten; ich fand nur Dornen. Im Herbst 1872 machte ich eine Reise an den Rhein in das ehemalig Nassauisch-Hessische, gastirte in Marburg, Ems, Gießen etc. etc. und kehrte im Jahre 1873 nach München zurück, wo unterdessen die Theaterfreiheit gegeben war. Nun hätte es freilich keinen Anstand mehr mit der Bewilligung, aber Schießl war unterdessen gestorben und seine Wittwe mußte erst für das Projekt wieder gewonnen werden; das kostete zwar keine große Mühe, denn sie ließ sich einen hübschen Pacht bezahlen.

Den 15. Juni 1873 eröffnete ich endlich das Theater im Elysium unter dem Titel Max-Vorstaft-Theater im Elysium. Die Zeit liegt ja so nahe, daß Jedermann diese Eröffnung erinnerlich sein wird. Im ersten Jahre machte ich wirklich glänzende Ge­schäfte, hatte einen großen Zulauf, obwohl ich selbst gestehen muß, daß meine Gesellschaft damals nicht die beste war; es ging eben zu schnell, so daß ich nur mit schnell zusammengewürfelten Mitgliedern beginnen mußte. Aber trotzdem machte ich solche Geschäfte, wie später, wo ich wirklich ein gutes Personal beisammen hat­te, niemals mehr. Durch die guten Geschäfte im ersten Jahre wurde ich von der Wittwe Schießl gepreßt, und zu einem Pacht von 5000 fl. pro Jahr und unkündbar auf drei Jahre hinaufgeschraubt. Ich verinteressirte also allein einen Kapitalstock von 100000 fl. Das zweite Jahr waren meine Einnahmen schon bedeutend schlech­ter, und ich konnte nach gezogener Bilanz den hohen Pacht unmöglich mehr er­schwingen, während ich doch auf 3 Jahre contractliche Verpflichtung hatte. Da bot sie mir das Anwesen zum Kauf an für 120000 fl. Ein solches Angebot war natürlich verlockend; die Unterhändler thaten auch das Ihrige und ich allein verinteressirte schon hunderttausend Gulden. Sie und die Unterhändler rechneten mir vor, daß ich beinahe zinsfrei sitze, da der Pacht für die Wirtschaft allein 3000 fl. tragen müßte, so daß noch alle Fremdenzimmer, die Wohnungen des Vorderhauses, die Stallung bliebe. Die Rechnung stimmte und es traf mich nach Abzug der Steuer und Repara­turkosten höchstens 1000 fl. Pacht jährlich, ein Sümmchen, das wohl zu erschwin­gen war. Von solcher Aussicht angelockt, kaufte ich das Anwesen, indem ich mein ganzes Baarvermögen als Anzahlung hingab. Es wäre auch Alles ganz gut hinausge­gangen, wenn die Geschäfte in ihrem vormaligen Gang geblieben wären; aber kaum hatte ich gekauft, so trat die allgemeine Geschäftsstockung ein. Dazu kam das Auftauchen der vielen Tingl-Tangl, wo die stark decoltirten Sängerinnen die le­bensfrohe Jugend anzulocken wußten – das Thalia-Theater begann mit seinen Aus­stattungsstücken – und ich schien vergessen zu sein. Mit diesen Neuheiten konnte und wollte ich natürlich nicht concurriren. Ich verbesserte meine Gesellschaft und kann behaupten, ein gutes Ensemble zusammengestellt zu haben. Ich engagirte den Komiker Straßmeier, eine komische Kraft, die, ich kann es kühn behaupten, mit allen Komikern Münchens concurriren kann; denn er hatte Leistungen, in denen er unerreichbar war und verdarb keine Rolle. Ich versuchte, durch die Noth gedrängt, es auch noch mit einem Ausstattungsstück. Ich ließ zur »Schönen Melusine« sieben neue Dekorationen in dem ersten Künstleratelier Münchens malen, jedes Stück Garderobe war neu. Allein dieser mißlungene Versuch gab mir noch den Gnaden­stoß. Nicht einmal die Gage trug es ein, viel weniger die großen Ausstattungskos­ten. Ich hatte keine Currentschulden, alle Gagen wurden bezahlt; aber die Interes­sen für die Bank – denn ich hatte die kleinen Hypotheken eingelöst und Bankcapital daraufgenommen – konnte ich nicht bestreiten. Da nun auch die Wittwe Schießl drängte – die Bank, Frau Schießl und die Firma Gabriel Sedlmaier waren meine ein­zigen Gläubiger – so sah ich mich genöthigt, den Concurs zu erklären; allein ich konnte nicht angenommen werden, weil keine Ueberschuldung da war, und mußte daher mein eigenes Anwesen im Werth heruntersetzen, daß zuletzt ein paar hun­dert Gulden Ueberschuldung herauskamen. Die Firma Gabriel Sedlmaier hatte das Anwesen erstanden, und setzte meinen früheren Wirthschaftspächter M. Maier zum bevollmächtigten Verwalter über das Ganze, bis mit dem Umbau begonnen würde. Ich spielte nun mit einem Theil der Gesellschaft in Theilung weiter, da ich aber nicht oft spielen konnte, weil die Regiekosten nicht eingingen, schien Herrn Mayer das Erträgniß zu gering und er nahm eine Sängergesellschaft, indem er sich einbildete, damit bessere Kassaerfolge zu erzielen.

Nun spielten wir einigemal in den Lokalitäten des Bürger-Vereins; aber die Regie­kosten waren in diesem Lokale so groß, daß wir die Vorstellungen einstellen muß­ten.

Beinahe den ganzen Winter über blieb ich verdienstlos. Herr Maier hatte sich mit den Volkssängern auch verrechnet; es waren ja jetzt der Tingl-Tangl zu viele. Er ent­fernte daher dieselben aus dem Lokale und machte mir den Vorschlag, wieder Thea­ter-Vorstellungen zu geben, was denn auch so lange währte, bis das Gebäude im Herbst desselben Jahres dem Abbruche übergeben wurde. Durch die Munifi­cenz der Firma Gabriel Sedlmaier, wurden mir die Dekorationen und das zum Thea­ter gehörige Holz- und Maschinenwerk unentgeltlich überlassen, und ich zog in den Saal der »Leopoldstadt«, Senefelderstraße, hinüber.

Den 10. November 1878 eröffnete ich die Vorstellungen.

Wie es mir hier erging, brauche ich wohl nicht zu erzählen, da es genügend be­kannt ist. Zwei bittere Jahre habe ich durchgemacht. Erst im dritten Jahre besserte sich das Geschäft, und besonders seit Herr Koller das Haus gekauft, baulich ver­bessern, den Hof reinigen, das Theaterlokal geschmackvoll renoviren und mit Sperrsitzen versehen hatte lassen. Von dieser Zeit an mehrte sich der Theaterbe­such wenigstens in der Weise, so daß man bei bescheidenen Wünschen bestehen konnte.

Ich war damit zufrieden, und glaubte endlich einmal einen Hafen gefunden zu ha­ben, in dem ich den Rest meiner wenigen Lebensjahre sorglos verbringen könnte. Ach, wie bitter war die Täuschung! Herr Koller verkaufte das Haus an den Privatier Herrn Schweißgut. Dieser wollte um jeden Preis eine höhere Rente aus dem Thea­ter ziehen und machte mir deßhalb Bedingungen, die ich nach meinen reichlichen Erfahrungen nicht erfüllen konnte. Ich stellte dem Besitzer getreulich vor, daß das Theater nicht mehr einbringen könnte, daß ich zwei Jahre lang gearbeitet, um es nur zu diesem kleinen Erträgniß zu bringen. Die Zeiten der Schweiger sind nicht mehr; damals existirte noch kein Gärtnerplatz-Theater. Mit einem solchen Theater, das mit den besten Hilfsmitteln von allerhöchster Seite gestützt und geschützt wird, und gegenwärtig von einem Direktor geleitet wird, dessen Intelligenz sich in einem Grade bewährte, wie bei keinem früheren Vorgänger, mit solch einem Mann und einem derartigen Theater concurriren zu wollen, wäre Wahnsinn. Einem kleinen Theater, wie ich es gegenwärtig hatte, kann nicht mehr aufgebürdet werden, als es naturgemäß leisten kann.

Ich stellte dem Eigenthümer der Leopoldstadt auch vor, wenn er einen Direktor fände, der auf seine Forderungen eingehe, so schaffe er sich dadurch selbst Con­currenz; denn ich sei dann gezwungen, mein Theater anderswo aufzustellen. Was sollte ich auch sonst beginnen? Die Folge wird sein, daß wir beide zu Grunde ge­hen müssen, weil sich das Interesse theilt. Mein Ausspruch hat sich leider schon einmal bewährt, wobei ich freilich am schlimmsten daran bin; denn in meinem Alter kann ich auf ein Engagement nicht mehr zählen und auch sonst keine Bedienstung mehr erhalten. Jahrelang habe ich mich schon vergeblich bemüht, als Bürger der Stadt München irgend eine Stelle bei hiesigem Magistrat zu erlangen, wohl einse­hend, daß das Interesse für so kleine Theater immer mehr im Abnehmen sei; stets aber wurde ich abgewiesen mit dem Motiv: »Zu alt.«

Welch einer Zukunft sehe ich 70jähriger Greis nun entgegen! Welche Aussichten bleiben mir, der in seiner Jugend so hoch gefeiert wurde, nun im Alter? Was wird das Ende des alten Comödianten sein, der heute seine 50jährige Bühnenthätigkeit begeht? Gott wird’s wissen!

München, im April 1883.
Eduard Binder.

Biographie, Aphorismen und Memoiren des Schauspielers und Theater-Direktors Eduard Binder. Herausgegeben zur Feier seiner 50jährigen Bühnenthätigkeit. München, April 1883.


15-10-06* (Binder)