Beilage zur Augsburger Postzeitung (11.1.1875) / t_592

Deutsche Dichter.

»Es muß auch solche Käuze geben.
Schade daß es wahr ist und wahr ist’s,
daß es schade ist.«

RB. Im Laufe des Jahres 1874 starben in München zwei sogenannte Dichter. Es wa­ren sehr eigen geartete Naturen; jeder ein Charakterkopf, aber kein anziehender. Jeder erfreute sich eine Zeitlang einer gewissen Blüthe, als diese zu Ende ging, suchten sie sich gefährlich oder fürchterlich zu machen, um dann in neidloser Stille zu verschwinden. Beide ergänzen sich wechselseitig als Schriftsteller und »Litera­ten« – aber im schnödesten Sinne des Wortes.

Ersterer, welcher am 29. Juli spurlos und unbemerkt schied, hieß ehedem Carl Wil­helm Vogt. […]

Der zweite ist der am 26. Dezember begrabene k. Oberzollbeamte Friedr. Wilhelm Bruckbraeu. Geboren am 14. April 1792 zu München, [Sein Vater war der General-, Zoll- und Mauth-Direktionsrath Jos. Bruckbräu (geb. 1760, gest. 1832) der gleich­falls schriftstellerte und in die wenigen Münchener Blätter Beiträge lieferte (vgl. Neuer Nekrolog der Deutschen. X. B. S. 985. Nr. 1391)] studirte er daselbst, trieb neuere Sprachen, trat in den Mauth- und Zolldienst, redigirte 1817 die »Eos« und seit 1829 den »Bayerischen Beobachter« und das Münchener »Conversationsblatt«.

Die Poesie war ihm keine hohe mächtige Göttin, wohl aber eine tüchtig mit Butter versorgende Kuh; seine Feder war in verschiedenen Branchen sattelgerecht: schlüpferige Geschichten zu verfassen, Schauerromane aus dem Französischen zu übersetzen oder Gebetbücher zu schreiben; vielleicht sind auch allerlei »Prophezei­ungen eines alten Schäfers« und allerlei ähnlicher Unrath auf seine Rechnung zu setzen. August Lewald, der zwar allerlei Schwankungen erlebte und auf verschiede­nen Schultern Wasser trug, dieser Journalistik gegenüber aber immer wie ein Edel­mann sich betrug, kannte den »Herrn von Bruckbräu« wie man ihn damals nach Münchener Sitte nannte, sehr genau und zeichnete schon 1835 in seinem »Panora­ma von München« (Stuttg. 1835. II, 102) ein nicht sehr einladendes Porträtbild. Er erwähnt die »Gardinenseufzer«, den »Papst im Unterrock« und »Das galante Mün­chen« und nennt das »Werke, bei deren Nennung einem gebildeten Menschen die Haut schaudert«; nach Saphir’s schnödem Vorbild »lebte er nur von Scandal und Obscönität« und bewährte sich unter dem Ministerium Wallerstein als servil und li­beral, ersteres nach oben, letzteres nach unten. Während er auf der einen Seite sich Verfolgungen aussetzte, verstand er sehr wohl die geheimen Wege der Polizei zu ebenen.

Außer der »Freimüthigen Widerlegung einiger Ansichten der neuesten Teutsch­heit« (München 1816) schrieb Bruckbräu auch einen »Katechismus über das Ge­werbsgesetz und die Grundbestimmungen für das Gewerbswesen in den 7 ätern Kreisen des Königreichs Bayern« (Sulzb. 1826). Mit patriotischen Festliedern stellte er sich zu verschiedenen Zeiten ein »huldigend mit Sangesgluth.« Wenn es wahr ist, daß die Gelegenheit den Dichtet macht, so ist es auch richtig, daß diese Gelegen­heitsdichter unregelmäßig sich für die größten ihres Zeichens halten. Auch patrioti­sche Stoffe gestalteten sich unter seinen Händen, sowohl dramatisch, wie »Maria von Brabant, historisches Trauerspiel in 5 Aufzügen« (Dresden 1824) oder roman­haft, wie »Agnes Bernauer, der Engel von Augsburg, hist, romant. Zeit- uud Sitten­gemälde« (2 Theile, München 1854) oder »Herzog Christoph der Kämpfer« (Augsb. 1844) und »Meister Schwanthaler und die Burg Schwaneck« (Augsb. 1853) oder er bebaute das Gebiet der Volkserzählung mit einem »Plinganser« (1857) und »Bayeri­schen Hiesel« (1843 2. Aufl.). Dann machte er sich wieder an eine »Geschichte der Mariensäule von 1638 bis 1855« (München 1855) und sammelte »Charakterzüge und Anekdoten aus dem Leben Max Joseph I. König von Bayern« (2. Aufl. München 1856).

Zwischendurch fallen ein Paar Taschenbücher für München und die Umgegend und für Reisende auf der München-Salzburger und Lindauer Eisenbahn. Am fruchtbars­ten aber war Bruckbräu immer mit schlüpferigen Romanen, von denen der bekann­te Literaturhistoriker Karl Gödeke (Grundriß. III, 727) mit Recht sagte, daß sie »ihm und der Literatur wenig Ehre machten«; darunter steht obenan der »Leibpage der Maria Antoinette« oder die »Geheimen Liebschaften der Pariser Hofdamen« (Stuttg. 1828), das »Orakel der Liebe« (1828), »Mittheilungen aus den geheimen Memoiren einer deutschen Sängerin« (1829), »Die Verschwörung von München, eine Gallerie von Liebschaften« (1829) u. s. w. Gleichzeitig wurde auch ein »Jesus und die Jungfrau« betiteltes »Gebetbuch« fabricirt (München 1829). Seine Ueber­setzungen von Petrarca’s Gedichten (1827) und Thomson’s Jahreszeiten (1827, 1836) erhoben sich nicht über die Mittelmäßigkeit.

Zuletzt flüchtete Bruckbräu in den Schooß der »altkatholischen« Gemeinde und wurde als ein treues Glied derselben begraben.

Beilage zur Augsburger Postzeitung Nr. 2. 11. Januar 1875.


19-13-01 (Bruckbräu)