Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst (8.3.1872) / t_811

Nekrologe.

Karl Friedrich Fries †. Am 23. December 1871 verstarb in St. Gallen der Historien­maler Karl Friedrich Fries nach viertägigem schweren Leiden an den Folgen einer durch heftige Gemüthsleiden hervorgerufenen Gesichtsrose. Fries war im Jahre 1831 zu Winnweiler in der Pfalz geboren, wo sein Vater damals eine Apotheke be­saß, machte acht Jahre lang erfolgreiche Studien am Gymnasium zu Zweibrücken und siedelte 1851 mit seinem Vater nach München über. Nachdem er noch ein Jahr die dortige Universität besucht, widmete er sich der Kunst und ward als Schüler der Akademie eingeschrieben. Doch fand er sich von dem daselbst ertheilten Un­terrichte wenig angesprochen und wendete sich unter Berdellé’s Leitung bald der antiakademischen Richtung zu, worin er durch einen längeren Aufenthalt in Vene­dig noch mehr bestärkt wurde.

Gegen Ende der fünfziger Jahre ging er nach Mittel- und Unteritalien und verlebte einen großen Theil jener Zeit in den Abruzzen, wobei ihm aus seinen intimen Beziehungen zu einer eingeborenen Familie beim Eintritte der bekannten politischen Er­eignisse der Jahre 1859 und 1860 derartige Unannehmlichkeiten erwuchsen, daß ihm die Klugheit gebot, jene Gegend zu verlassen.

Während er in den günstigsten Vermögensverhaltnissen lebte und auch allen Grund hatte, mit seinen Erfolgen als ausübender Künstler zufrieden zu sein, waren die letzten Jahre seines Lebens gleichwohl durch häusliches Mißgeschick, welches in der Trennung von seiner jungen Frau den Gipfelpunkt erreichte, auf’s Aeußerste getrübt. In diesen Verhältnissen ist auch der Grund seines Todes zu suchen.

In seinen Arbeiten strebte K. Fries vor Allem eine bedeutende Gesammtwirkung an, wobei er von einem freien Sinne für die Schönheit der Farbe lebhaft unterstützt wurde. Seine Auffassung erinnerte an die der alten venetianischen Meister. So gab er 1862 in seinem Bilde: »Weib, Wein und Gesang« eine sehr ansprechende Kom­position in der Art Paul Veronese’s. In einer stattlichen Halle, deren offene Bogen die Aussicht in’s Freie gestatten, bewegt sich eine vornehme Gesellschaft in der Tracht des sechzehnten Jahrhunderts. Die Gesellschaft zerfällt zunächst in drei Hauptgruppen, welche aus ebensovielen Paaren bestehen, welche jene drei Schlag­worte personifiziren und sich schließlich wieder im Dreiklange auflösen. Im Sinne der alten Meister lag es auch, daß er kleine reizende Liebesgötter den Menschen beigesellte.

Ein Jahr später brachte K. Fries in »Herkules und Omphale« eine treffende Satire. Die Scene zeigt ein Münchener Atelier, in welchem eine junge Frau im leichtesten Morgenkleide Genelli Konkurrenz macht, indem sie die Entführung der Europa malt. Zu ihren Füßen kauert ein hübsches Kind und hantirt wie die Frau Mama mit Pinsel und Farbe; der Herr Gemahl aber, eine bärtige Physiognomie, über die erste Jugend hinaus, hält die Kaffeemühle zwischen die Beine geklemmt und trifft so die ersten Vorbereitungen zum Frühstück.

Sehr geschätzt wird auch Fries‘ »Auro doceo in den Abruzzen«, dessen Mineralbä­der sich in einem noch ziemlich urzuständlichen Zustande zu befinden scheinen. Der Künstler zeigte die ländliche Bevölkerung mit der eines benachbarten Städt­chens in bunter Mischung beim Brunnen versammelt und griff hie und da eine cha­rakteristische Figur mit trefflichem Humor heraus.

Von außerordentlichem Werthe endlich sind die Kopien, welche Fries nach der Him­melfahrt Mariä von Tizian, nach Palma Vecchio’s heiliger Barbara und andern Meis­terwerken der venetianischen Schule herstellte.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst Nr. 11. 8. März 1872.


28-01-09/10 (Burger & Fries & Savoye)