Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst (5.6.1884) / t_827

P. Auktion Gedon. Am 17. Juni soll in München der Verkauf von Lorenz Gedons, – des so früh Verstorbenen – Sammlung beginnen. Die Versteigerung wird im Atelier des Künstlers durch Heberle aus Köln geschehen, welcher soeben den prächtig ausgestatteten Katalog (Verlag von Georg Hirth in München) versandt hat. Das Atelier Gedons war seit einer langen Reihe von Jahren für jeden Kunstfreund, der München besuchte, ein Hauptanziehungspunkt: hier fand man stets mannigfache Anregung in der köstlichen Umgebung, im Umgang mit dem lebensfrohen Künstler. Noch wenige Monate vor seinem Tode zeigte er einigen Besuchern des Münchener Kunstgewerbe-Kongresses seine Schätze, freilich schon mit dem Gefühl des unab­wendbaren nahen Endes. Und welche Schätze! Gedon hat – ein echter Künstler – niemals systematisch gesammelt: was er fand, war es schön oder paßte es in ir­gend einen Winkel seiner Räume, er kaufte es, gleichgiltig, ob es sich irgend einer Gruppe seines Besitzes einfügte, oder ob es einzeln dastand und einzeln blieb. Da­durch hat die Sammlung etwas durchaus Individuelles bekommen, sie ist gleichsam ein getreues Abbild seiner Persönlichkeit geworden.

Seine vielfachen Beziehungen als Bildhauer und Architekt brachten Gedon mit allen Kreisen in Berührung, warfen ihn in der Welt umher, nicht bloß auf den breiten Stra­ßen, welche die Menge wandelt, sondern auch auf wenig bekannten oder gänzlich unbekannten Wegen. Dort suchte er, fand er, rettete er: manches Stück ist durch seinen Kennerblick ans Licht gefördert, in seinem Wert erkannt, vor Untergang be­wahrt. So enthält denn die Sammlung eine reiche Fülle vortrefflicher Stücke, viel­fach Arbeiten von höchster Schönheit und größter Seltenheit. Alle Epochen künst­lerischen Schaffens, vom frühen Mittelalter an bis in die Empire-Zeit hinein, sind durch Kunstwerke vertreten. Kaum ist es möglich, irgend eine Gruppe als beson­ders wertvoll hervorzuheben. Der vortrefflich gearbeitete Katalog ermöglicht auch denjenigen, denen es nicht vergönnt gewesen, noch bei Lebzeiten des Meisters ei­nen Blick in seine schönen Räume zu werfen, sich ein Bild von der Sammlung zu machen, er ist zugleich geeignet, dies Bild auch späteren Zeiten zu erhalten. In ganzer Schönheit wird der Besitz des Künstlers nochmals allen Kunstfreunden wäh­rend der Tage vom 14.-16. Juni vorgeführt werden: Rudolf Seitz, der langjährige Freund des Verstorbenen, hat den künstlerischen Nachlaß in den Atelierräumen in überaus geschickter Weise aufgestellt. Eine Schilderung dieser Aufstellung giebt Friedrich Schneider im Vorwort des Kataloges, wo er dem Verblichenen warme Worte als Nachruf widmet. Mit ihm wird jeder Kunstfreund die Sammlung nicht ohne Schmerz ihrer Auflösung entgegengehen sehen; sicherlich wird aber ein gro­ßer Teil der Schätze, die hoffentlich zum größten Teil in öffentlichen Besitz überge­hen, den Namen des früheren Besitzers dauernd erhalten und noch späten Ge­schlechtern Kunde geben von dem Kunstsinn, dem Wirken und der Sammlung Lo­renz Gedons.

Auktionskataloge

Catalog der nachgelassenen Kunstsammlungen des Bildhauers und Architekten Lo­renz Gedon in München; Kunsttöpferei, Glas, Arbeiten in edlem und unedlem Me­tall, Elfenbein, Emaille, Holz und Stein, Bucheinbände, Erzeugnisse der Textilindus­trie, Waffen, Gemälde usw. Versteigerung in München den 17.-21. Juni durch J. M. Henerle (Lempertz’ Söhne) aus Cöln. 125. S. 1257 Nummern. Mit vielen Illustratio­nen. 4°. Verlag von Georg Hirth in München. Kleine Ausg. ohne Lichtdruck Mk. 2.-. Grosse Ausg. mit Lichtdrucken Mk. 10.-.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst Nr. 34. 5. Juni 1884.


ML-356 (Gedon)