Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst (24.1.1884) / t_825

Nekrologe.

Lorenz Gedon †. Am 27. Dez. 1883 morgens halb sechs Uhr entschlief sanft und ohne Schmerzen, nachdem er über ein Jahrzehnt an unheilbarem Wangenkrebs, den er von seinem Vater ererbt, gelitten, der Bildhauer Lorenz Gedon, im kaum be­gonnenen 40. Lebensjahre.

Lorenz Gedon ward am 24. November 1844 in München geboren und erlernte zu­nächst das Tischlergewerbe, bezog aber später die dortige Akademie und widmete sich der Bildhauerkunst, trieb dann daneben die Malerei und warf sich schließlich, die Malerei ganz aufgebend, auf die Architektur. Aber weder Plastik, noch Malerei, noch auch Architektur war sein Hauptfach. In den beiden erstgenannten Künsten schuf er nichts, was sich über das Niveau des Gewöhnlichen erhob, und seine Bau­ten, wie das vielbesprochene Haus des Grafen Schack, die Fassaden des sogen. Ey­mannsberger- und des Ruedererhauses, sowie der Umbau des Hotels Bellevue mit dem wunderlichsten aller Portale, sämtlich in München, lassen zwar ein schönes Ta­lent, aber auch einen unleugbaren Mangel an solidem Studium erkennen, das eben nie durch Talent ersetzt werden kann. In einem Fache aber war Gedon fast uner­reichbar: in der Dekoration. Galt es die Inscenirung eines Künstlerfestes, die Aus­schmückung irgend eines Festraumes, da schuf er, unterstützt von einer überspru­delnden Phantasie, Hervorragendes. So ward er für die Dekoration des deutschen Kunstsalons der Weltausstellung des Jahres 1878 in Paris mit Recht mit Lob über­häuft und durch die Ausstattung des deutschen Saales in der Wiener internationa­len Kunstausstellung zum eigentlichen Bahnbrecher auf diesem Felde. Nannte er sich scherzhafterweise dann und wann den »Reichstapezierer«, so lag darin ein gu­tes Korn Wahrheit. Glaubte man doch die Kraft des geistvollen Dekorateurs seit Jahren nirgendwo entbehren zu können. Schade nur, daß solche Arbeiten ihrer Na­tur nach in der Regel nur vorübergehende sind! Seine letzte Schöpfung dieser Art war die Dekorirung des neuen Lokals der Künstlergesellschaft Allotria, zu deren Gründung Gedon den ersten Anstoß gegeben hatte. Gedon und seine Freunde verlangten, als die Wiener Weltausstellung in Aussicht stand, in einer stürmischen Versammlung der Münchener Künstlergenossenschaft einen Kredit für die Dekora­tion gewisser Münchener Ausstellungsgegenstände, gegen welchen Antrag der da­malige Genossenschaftsvorstand Conrad Hoff nicht ohne Heftigkeit sprach, indem er solche Dinge als »Allotria« bezeichnete. Dies Wort griff nun die Partei Gedons auf, konstituirte sich als geselliger Verein und es dauerte nicht lange, so gab dieser Verein, dank der Rührigkeit und Energie Gedons, in den meisten Künstlerangele­genheiten den Ausschlag.

Großen Einfluß übte Gedon auch auf das Münchener Kunstgewerbe aus, das ihm manche fruchtbare Idee und zahlreiche mitunter geistreiche Entwürfe verdankt. Er war ein echtes Münchener Kind, voll Begeisterung für seine Vaterstadt, geraden Sinnes, unter Umständen von göttlicher Grobheit, ein warmherziger Künstler, ein liebevoller Gatte und Vater, in seinem furchtbaren körperlichen Leiden ein Held, ein treuer Freund, ein guter Kamerad. Friede seiner Asche!

Carl Albert Regnet.

Carl Albert Regnet: Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst Nr. 15. 24. Januar 1884.


ML-356 (Gedon)