Bayerischer Militär-Kalender für 1854 / t_1604

Generallieutenant Wilhelm von Baligand.

Am 23. Juni 1852 starb in München nach mehrjährigen Leiden der Generallieuten­ant Wilhelm v. Baligand, Präsident des General-Auditoriats der Armee, Ritter des königl. bayerischen Militär-Mar-Joseph-Ordens, Comthur des bayerischen Ver­dienst-Ordens vom heiligen Michael, Inhaber des bayerischen Ludwigs-Ordens und Veteranenzeichens, Commandeur des k. k. russischen Anna-Ordens mit Brillanten, Ritter der französischen Ehrenlegion und des königl. griechischen goldenen Erlö­serkreuzes u. s. w.

General v. Baligand, aus dem lothringischen Adelsgeschlechte der Familie Baligand de Serrieres, war im Jahre 1784 den 7. April zu Jülich im Herzogthum Berg gebo­ren, und hatte seine ersten Studien im Seminar zu Neuburg an der Donau gemacht, nachdem er schon den 24. Nov. 1798 als Volontär in das vierte Grenadier-Regi­ment, welches sein Vater als Oberst commandirte, eingetreten war.

Im Jahre 1800 ward er zum Fahnenjunker und drei Monate später zum Unterlieu­tenant im damaligen Leibregiment, nunmehrigen ersten Infanterie-Regiment König Ludwig befördert, in welchem er 1805 zum Oberlieutenant, 1809 zum Hauptmann, und endlich am 16. Febr. 1814 zum Major avancirte. In diesem Regiment hatte er vom Jahre 1800, mit dem Krieg gegen Frankreich beginnend, allen Feldzügen der Napoleonischen Epoche beigewohnt und so im Jahre 1805 den Feldzug gegen Oesterreich in Tyrol, 1806 bis 1807 den Krieg in Schlesien und Polen, 1809 gegen Oesterreich und Tyrol, 1812 in Rußland, und 1814 und 1815 den großen Befrei­ungskampf gegen Frankreich mitgemacht.

Durch Geburt, durch körperliche und geistige Anlage zum Soldaten bestimmt, hat­te er schon als Knabe bei dem Bombardement von Düsseldorf, im Jahre 1796, bei einem in der Nähe der väterlichen Wohnung entstandenen Brande Beweise von Unerschrockenheit und Entschlossenheit gegeben, und es entfalteten sich diese soldatischen Tugenden, unterstützt von großer Lebhaftigkeit und Thatkraft, von seltenem Scharfblick und Gewandtheit, und gehoben von Vaterlandsliebe und re­gem Ehrgeiz, in einer eben so rühmlichen als vielseitig anerkannten kriegerischen Laufbahn.

Wie in der Campagne von 1805 bei der Erstürmung des Loferpasses, dann in dem Feldzuge von 1806 und 1807, bei Glogau, Breslau, Kosel, Glatz, Silberberg und Brieg, und namentlich in den Treffen von Kanth, Salzbrunn und Frankenstein, so auch in den zahlreichen Kriegsereignissen von 1809, vorzüglich in den Schlachten von Abensberg und Eckmühl, bei welch letzterer Gelegenheit Baligand das meiste zur Wegnahme des Dorfes Offensteten beigetragen hatte, und endlich in Tyrol bei den mörderischen Gefechten von Stertzing, Lofer, Unken, Luftenstein, Meleck und Weißbach, überall fand er Gelegenheit, sich durch seine glänzende Tapferkeit her­vorzuthun.

In dem russischen Feldzug von 1812 wie in Folge der Kriegsbegebenheiten bei Po­lozk, wo er mit dem Kreuze der französischen Ehrenlegion decorirt worden, später aber mit andern Officieren in Kriegsgefangenschaft gerathen war, wußte er durch seine Sprachkenntniß und gefälligen Gaben für sich und viele seiner Schicksalsge­nossen ein besseres Loos zu bereiten, und er selbst erhielt die Erlaubniß, bis zu sei­ner Auswechslung den Aufenthalt in Petersburg nehmen zu dürfen.

Im Winter 1813 von dort nach Bayern zurückgekehrt und zum Major befördert, eil­te er zur Armee nach Frankreich, wo er an der Spitze eines Bataillons des Leib-Re­giments in den Schlachten von Bar und Arcis, namentlich bei zweimaliger Erstür­mung des Dorfes Grand Torey die glänzendste Tapferkeit entwickelte, dabei zuerst nur leicht, bei dem zweiten Sturm auf das Dorf dann schwer verwundet, und in Fol­ge dieser Waffenthat mit dem Max-Joseph-Orden und dem russischen St. Anna-Or­den decorirt wurde.

Auch in diesem Feldzug gegen Frankreich war Baligand einmal nahe daran, gefan­gen zu werden: er war von mehreren feindlichen Reitern hart verfolgt; gewandt zu Pferd, wie er war, gewann er einen Vorsprung, setzte über einen breiten Graben, kehrte sich gegen den nächsten Gegner, schoß mit der Pistole diesen vom Gaul, worauf die andern von jeder weitern Verfolgung abließen.

Nach den Feldzügen in die Garnison München zurückgekehrt, wurde er vielfach verwendet bei allen Berathungscommissionen, welche zur Abänderung des Regle­ments, zur Verbesserung der Waffen und zur Prüfung sonstiger neuer Einrichtun­gen angeordnet waren; sehr entscheidend war seine Thätigkeit und sein Einfluß auf die Errichtung der Schwimmschule in München, auf die Einführung des Bajonnett­fechtens und anderer gymnastischen Uebungen, wobei er als gewandter Schütze, Fechter und Turner immer persönlich mitwirkte.

Nachdem v. Baligand im Jahre 1824 zum Oberstlieutenant im zwölften Infanterie-Regiment befördert, dann zu seinem alten Regiment zurückversetzt und 1832 zum Obersten und Commandanten des sechsten Infanterie-Regiments Herzog Wilhelm, welches in der Pfalz garnisonirte, ernannt worden war, führte er ein Bataillon dieses Regiments als einen Theil der nach Griechenland bestimmten bayerischen Hülfsbri­gade durch Baden, Württemberg, Bayern und Tirol nach Triest wo die Einschiffung des bayerischen Corps stattfand. Auf diesem Zuge sowohl, als in Griechenland selbst, zeichnete sich dieses Regiment unter der energischen Leitung seines Füh­rers durch schöne Haltung, gute Mannszucht und taktvolles Benehmen so vorteil­haft aus, daß auch hier wieder den Verdiensten des Obersten Baligand mannichfa­che Anerkennung zu Theil wurde, und Se. Maj. der König Otto ihm das goldene Kreuz des griechischen ErlöserOrdens verlieh.

Während sein Regiment nach Bayern zurückkehrte, ergänzte Baligand das Viele, was er gesehen, durch eine Reise im Orient, wo er Konstantinopel, Smyrna und vie­le andere interessante Punkte in Griechenland, Asien und Afrika besuchte.

Nach seiner Rückkehr im Jahre 1834 wieder an die Spitze seines alten Regiments in München gestellt, dann 1839 zum Generalmajor und Commandanten der ersten In­fanterie-Brigade befördert, zugleich als Referent für die Infanterie im Kriegsminis­terium verwendet, fand sich für seinen rastlosen Eifer mannichfache Gelegenheit zu nützlichem Wirken, welches er in den Uebungslagern von 1838 und 1840, nament­lich aber bei den Bundes- und andern Inspectionen zum Frommen des Dienstes und zur Auszeichnung der Armee vielmal bethätigte.

Im Jahre 1842 zum Commandanten der Bundesfestung Landau ernannt, wußte er auch hier durch consequente Strenge den Dienst und die Mannszucht zu fördern und zu festigen.

Im Jahre 1845 wieder nach München berufen und 1848 zum Generallieutenant und Commandanten der ersten Armeedivision befördert wirkte General Baligand durch seine Besonnenheit, Umsicht und Festigkeit sowohl hier als bei Führung eines Trup­peneorps in Oberschwaben und Baden – zur Aufrechthaltung der gesetzlichen Ord­nung und ihrer Wiederherstellung, wo sie gestört – auf das kräftigste mit; vom La­ger von 1846 durch einen schweren Sturz mit dem Pferde noch in einem sehr lei­denden Zustande, ließ er dennoch durch nichts sich abhalten, während jener stür­mischen bedrohlichen Jahre von 1848 und 1849 den Rest der Kräfte mit unermüdli­chem Eifer seinem Dienste und seinem Könige zu weihen. Von beiden Monarchen, wie auch vom Feldmarschall Prinzen Karl von Bayern wurde ihm die ausgezeich­netste Anerkennung; er erhielt den Verdienstorden des heiligen Michael, und die Präsidentenstelle des obersten Militärgerichtshofs als Lohn seiner vielen Verdiens­te.

Auch hier, wo durch strenge Handhabung der Kriegsgesetze dem für die Kriegs­zucht in damaliger Zeitperiode so bedrohlich gewordenen Geist der Unbotmäßig­keit mit Kraft zu begegnen war, war sein Wirken ein ebenso angemessenes als er­folgreiches zu nennen, und nur zunehmende Körperleiden konnten ihn in seiner un­ausgesetzten Thätigkeit stören, von der weitern Ausübung seines wichtigen Amtes abhalten.

In gerechter Würdigung der langen und ausgezeichneten Dienste dieses Generals widmeten der König und die königlichen Prinzen seinen letzten Leidenstagen die regste Theilnahme.

Generallieutenant v. Baligand hat vom Beginn bis zum Ende seiner militärischen Laufbahn im vollen Sinne des Wortes nur seinem Berufe gelebt, und ihn vollständig erfüllt.

In der ersten Lebensperiode der Jugend hatte er sich ausschließlich den ritterlichen Uebungen und kriegerischen Thaten gewidmet; mit gleicher Geschicklicheit den Künsten des Kriegs und des Friedens obliegend, vorzüglich ausgebildet in allen körperlichen Fertigkeiten, war er das Vorbild eines jungen Offciers damaliger Zeit, voll frischen Lebensmuths, voll Zuversicht und Gewandtheit, voll Durst nach Ruhm und Ehre.

In der zweiten Lebensperiode des gereiften Mannes war sein praktischer Sinn, sein durch Erfahrungen gereiftes Urtheil und eifrigstes Bestreben dahin gerichtet, über­all mitzuwirken, wo zur Verbesserung des Looses der Soldaten, zur Vervollkomm­nung der Waffen und ihres Gebrauches, oder überhaupt zum Nutzen und zur Ehre des Heeres etwas Förderliches zu schaffen war.

In der letzten Periode seines thätigen und bewegten Lebens, wo die abnehmenden Kräfte seinem rastlosen Eifer unübersteigliche Grenzen setzten, gelang es ihm den­noch, wenn auch nicht ohne jene Anstrengungen, die sein Ende beschleunigen mußten, durch ruhige Besonnenheit und feste Ueberzeugung und daraus hervorge­gangene konsequente Handlungsweise bei mancher schwierigen Frage und in kriti­schen Lagen günstig und nachdrucksam auf den Dienst seines königlichen Herrn und so auf das Wohl des Vaterlandes einzuwirken.

Familienglück an der Hand einer liebenswürdigen hochgebildeten Gattin (gebornes Fräulein v. Aichberger), und erhöht durch zwei Söhne, würzten den Herbst eines thatenreichen Lebens des Dahingeschiedenen.

Bayerischer Militär-Kalender für 1854. München, 1854.


13-01-45/46 (Baligand)