Bayerische Zeitung (10.12.1862) / t_1614

Local-Chronik.

München, Anf. Dec. (Nekrolog.) Nachdem wir vor wenigen Monden am Grabe Al­brecht Adam’s gestanden, haben wir am 4. October l. Js. einen der bedeutendsten der Münchener Künstler, den Thier- und Dekorationsmaler Michael Michael Schnitz­ler, zur letzten Ruhestätte begleitet. Schnitzler wurde zu Neuburg an der Kammel wo sein Vater Wappenmaler war, am 24. Sept. 1782 geboren und erhielt von sei­nem Vater den ersten Zeichnungsunterricht, welcher jedoch sehr unzulänglich war. Schon in frühester Jugend hatte er durch die Pocken das linke Auge eingebüßt und sowohl dieses Unglück, als auch die durch die Kriegszeiten herbeigeführten küm­merlichen Verhältnisse seines Vaters gestatteten ihm nur eine ganz nothdürftige Schulbildung; dagegen erstarkte sein Körper unter der harten Arbeit, welche ihm die Bewirtschaftung des kleinen väterliche« Grundbesitzes auferlegte. Achtzehn Jahre war Schnitzler alt, als sein Vater starb und da das kleine elterliche Besitzthum zur Ernährung einer Familie ohne besonderen Nebenerwerb nicht hinreichte, für Schnitzler’s Fach aber in der Heimath keine Aussicht auf Erwerb bestand, so begab er sich nach Augsburg, wo ein älterer Bruder Michaels als Maler bereits lebte; bei diesem Bruder verdiente er sich seinen Lebensunterhalt durch Coloriren von Kup­ferstichen und Faßmalen; in den Abendstunden aber war er ein fleißiger Schüler der Augsburger Kunstschule und sein eifriges Streben wurde bereits im J. 1805 mit einem Preise für ein in Oel gemaltes Schlachtstück nach Rugendas gelohnt; im J. 1808 errang er sich einen zweiten Preis durch ein nach einem lebenden Modelle gemaltes Bild. Wohl fand Schnitzler in Augsburg Ehre, nicht aber so reichliches Ein­kommen, daß er die geliebte Mutter nach Wunsch unterstützen konnte, obwohl er in der Zimmer- und Dekorationsmalerei Ausgezeichnetes leistete, weßhalb er, da in diesem Fache München mehr Beschäftigung erwarten ließ, im J. 1806 nach Mün­chen ging. Zu Fuße wanderte der junge Mann in die Hauptstadt, wo er keine be­kannte und befreundete Seele hatte, und als er zum Karlsthore hereinging und sei­ne Baarschaft musterte, fand sich nur noch ein Groschen vor. Beim bürgerlichen Maler Deym im Schrammergäßchen fand er zwar augenblicklich Beschäftigung; al­lein erst nach drei Tagen, am Samstage nämlich, empfing er seinen Wochenlohn und während dieser drei Tage mußte der einzige Groschen zu seiner Ernährung hin­reichen; denn sein Ehrgefühl gestattete ihm nicht, seinen Meister um einen Vor­schuß am Lohne zu bitten. Während Deym dem unansehnlichen einäugigen Jüng­ling anfänglich nur geringe Leistungen zugetraut hatte, überzeugte ihn schon die erste Arbeit Schnitzlers, eine kleine Schießstätte, daß er keinen gewöhalichen Mal­ergesellen vor sich habe, und er konnte ihm sofort größere Arbeiten übergeben, deren Ausführung sehr gut bezahlt wurde. Von seinem Lohne unterstützte nun der gute Sohn seine Mutter reichlich und der Himmel hat es ihm dadurch vergolten, daß er in seinem hohen Greisenalter von seinen Kindern die treueste Hingebung, die liebevollste Pflege empfing. Bald fand Schnitzler Gelegenheit, für das damals vor dem Isarthore unter der Direction Weinmüllers gestandene Theater Decoratio­nen zu malen, welche großen Beifall erhielten und ihm eine Berufung an das k. Hof­theater erwirkten. Ein unbedeutender Vorfall veranlaßte den so leicht erregbaren Künstler, sich vom k. Hoftheater abzuwenden, und nun begann er Thierstücke auf Porzellan sowie in Oel zu malen, bis ihn im J. 1824 der damalige k Hoftheater-In­tendant, Hr. v. Weichs, wieder für das Theater zu gewinnen wußte und er als k. Hof­theatermaler eine definitive Anstellung erhielt. Bis zum J. 1854, wo er in den wohl­verdienten Ruhestand versetzt wurde, malte er nun alle landschaftlichen Decoratio­nen des k. Hoftheaters. Wie oft hat er das Theaterpublicum durch seine meisterhaf­ten Leistungen entzückt, wie oft wurde er mit rauschendem Beifalle gelohnt! In sei­nen Mußestunden widmete er aber sich während dieser ganzen Zeit der Oelmale­rei in Thierstücken und im Stillleben und man darf behaupten, daß Schnitzlers Lei­stungen in Darstellung von zahmem und wildem Federvieh bis jetzt unerreicht sind. Einzelne seiner Werke befinden sich wohl in hiesigen wie auswärtigen Sammlun­gen; eine große Anzahl derselben ist aber noch im Besitze seiner Familie und dürf­te dieselbe eher zu einer Veräußerung derselben geneigt sein, als der nun geschie­dene Meister, welcher sie nicht von sich lassen wollte, da sie ihm noch in der letz­ten Zeit schöne Erinnerungen aus einem langen ruhmreichen Leben gewährten. Seit einem Jahre nicht mehr im Stande, das Haus zu verlassen, feierte er noch am 24. Sept. seinen achtzigsten Geburtstag bereits unter den Anzeichen nahender Auf­lösung und am 1. ds. Mts. Abends 6½ Uhr schied er aus seinem Leben, heiß be­weint von seinen Kindern, denen er allezeit ein treuer Vater gewesen. Am 4. Oct. d. Js. wurde er nun zu Grabe gebracht; doch nur wenige Künstler gaben ihm das letzte Geleite; lebte er ja doch seit Jahren ganz zurückgezogen und darum auch vergessen; allein die Kunstgeschichte hat seinen Namen verzeichnet und sein An­denken für alle Zelten aufbewahrt.

Bayerische Zeitung Nr. 325. Mittwoch, 10. Dezember 1862.


14-02-55 (Mössmer & Schnitzler)