Bayerische Landbötin (30.10.1853) / t_1625

Tagesbericht.

(Außerordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern im Jahre 1853.) München, 28. Oktober. Schluß der Verhandlung gegen Jakob Engelhard wegen doppeltquali­fizirten Mordes.

Als Jakob Engelhard verhaftet wurde, fand die ihn eskortirende Gendarmerie-Mannschaft in seiner Jankertasche in einem Papier ein weißes Pulver, welches spä­ter als Arsenik erkannt wurde, in geringer Quantität auf. Engelhard erklärte damals, dieses Pulver von dem Bader in Glonn erhalten zu haben. In seiner späteren Ver­nehmung behauptete er, dasselbe von einer ihm unbekannten in den dreißiger Jah­ren stehenden Weibsperson, ohne daß er es verlangt, erhalten zu haben, um das Ungeziefer am jungen Vieh damit zu vertilgen. Erst später, nachdem ihm die eidli­che Angabe der Ursula Staudinger vorgehalten wurde, gestand er, von dieser ein Pulver gekauft zu haben, das er allerdings schädlich für das Ungeziefer, nicht aber für den Menschen gehalten habe. Wie früher so behauptete er auch in der öffentli­chen Verhandlung, daß seine Mutter ohne sein Zuthnn gestorben sei: sie sei plötz­lich krank geworden, habe öfters erbrochen und über Kopfschmerzen geklagt. Ob sie daran gestorben, wisse er auch nicht; der Bader Bernauer habe gesagt, die Krankheit der Matter sei die Cholera gewesen. Das nur zum Zweck der Vertilgung der Läuse gekaufte Gift habe er, nachdem er es zu Pulver gestoßen hatte, seiner Mutter gezeigt, welche sein Handeln gut geheißen und befohlen hätte, den übri­gen Hausangehörigen Alles zu verschweigen. Dennoch habe er das Papier mit dem Pulver auf die sog. Tram oberhalb des Tisches gelegt, und zwar so, daß man es se­hen konnte. Am 26. Okt. sei dieses Pulver, als die Mutter am Morgen aufdeckte, durch das Schwingen des Tischtuches herunter und in die Suppe gefallen. Die Mut­ter habe es mit der Bemerkung, daß es nichts schaden könne, weil es nicht gekocht war, untergerührt, alle Hausangehörigen hätten davon gegessen, wären aber, selbst er, krank geworden. Da außer ihm und seine Mutter Niemand im Zimmer ge­wesen, so habe diesen Vorfall auch Niemand gesehen, auf den er sich berufen kön­ne. Diese Angabe wurde aber durch mehrfache Zeugenaussagen Lügen gestraft: der Knecht, welcher beim Essen gewöhnlich der Tram gegenüber saß, hätte, wenn etwas darauf gelegen wäre, dies sehen müssen; doch nie hat er etwas bemerkt, dann selbst angenommen, es wäre das Paquet auf der Tram gelegen, hätte es durch das Schwingen eines Tuches nicht herunterfallen können, da mehrfache von Gerichtswegen vorgenommene Versuche, selbst ganz leichtes Papier auf solche Weise herabzubringen, mißlungen sind.

Die Bäuerin erklärte dem Bader gegenüber, daß die Ursache ihrer Erkrankung wahrscheinlich der Genuß gekochter und nicht ganz reifer Zwetschgen sei: hätte sie von dem Pulver und dem Herabfallen desselben in die Suppe etwas gewußt, würde sie sicher ihr Unwohlsein auf den Genuß der angeblich mit dem Pulver ver­mengten Suppe erklärt haben. Aber auch Jakob Engelhard hat von diesem Vorfall dem Bader nichts gesagt, offenbar, weil er zu jener Zeit diese Einrede noch nicht erfunden hatte. Selbst das Erkranken und Umstehen des Hundes, was vielleicht den Bader auf die Entdeckung der wahren Ursache der Erkrankung hätte führes könnes, wurde verheimlicht.

Ueber die angebliche Krankheit des Angeklagten erklärte der Gerichtsarzt, daß hier gar keine Spur von Genuß eines Giftes vorhanden sei, sondern höchstens ein gastrischer Zustand. Ja es sei sogar anzunehmen, daß Jakob Engelhard sich ein Brechmittel nur deßhalb verschafft habe, damit er, wenn er, um sein grausames Verbrechen vor den Augen der Hausangehörigen ganz zu verhüllen, doch auch et­was von den vergifteten Speisen genießen mußte, sogleich ein Gegenmittel hatte, um jede Gefahr für sich zu entfernen.

Ueber das Schicksal der Engelhard’schen Familie erzählt man sich im Volke Folgen­des: Bei Lebzeiten des Großvaters hatte die vergiftete Maria Engelhard mit dem Dienstknechte ihres Vaters ein Liebesverhältniß, welches Letzterer nicht billigte. Plötzlich war der Vater verbrannt und zwar in einer Hütte, die bei einem Kohlen­haufen errichtet war und worin der Vater während des Kohlenbrennens schlief. Die böse Welt bezeichnete im Stillen die Maria Engelhard und den Dienstknecht, die sich nach dem Tode des Vaters ehelichten, als die Urheber des schnellen Abster­bens des Vaters. Auch die Großmutter soll keines natürlichen Todes gestorben sein. Ewähnter Dienstknecht, nachmaliger Ehemann der Maria Engelhard wurde beim Wildern erschossen und die Maria Engelhard von ihrem leiblichen Sohne ver­giftet.

Bei der ganzen Sachlage beharrte der k. Staatsanwalt auf der Anklage in ihrem ganzen Umfange und beantragte, den Jakob Engelhard des doppeltqualifizirten Mordes mit Vorbedacht beschlossen und mit Ueberlegung ausgeführt, für schuldig zu sprechen.

Die Aufgabe des Vertheidigers, des k. Adv. Dr. Simmerl, war bei dieser großen An­zahl und Wucht von Ueberführungsgründen eine wahrhaft trostlose. Doch suchte derselbe Alles, was für den Angeklagten nur günstig war, hervorzuheben und die Vergiftung als den traurigen Erfolg eines unglücklichen Zufalles darzustellen und beantragte deßhalb Freisprechung. Die Geeschwornen, denen nur eine Frage vor­gelegt wurde, erklärten den Jakob Engelhard, dem Antrage der Staatsbehörde entsprechend, für schuldig, worauf derselbe wegen doppeltqualifizirten mit Vorbe­dacht beschlossenen und mit Ueberlegung ausgeführten Mordes zur Todesstrafe verurtheilt wurde. Hatte Jakob Engelhard während der ganzen Verhandlung nicht die mindeste Spur von Reue, im Gegentheile sich als einen zum Lügen sehr geneig­ten, wenn auch hierin nicht gewandten und als sehr rohen Menschen gezeigt, so nahm er auch das Todesurtheil mit der größten Kaltblütigkeit auf.

Bayerische Landbötin No. 261. München; Sonntag, den 30. Oktober 1853.


12-07-08* (Engelhard)