Bayerische Landbötin (29.10.1853) / t_1624

Tagesbericht.

(Außerordentliche Schwurgerichtssitzung für Oberbayern im Jahre 1853.) München, 27. Oktober. Fortsetzung der Verhandlung gegen Jakob Engelhard wegen doppeltqualifizirten Mordes.

Jakob Engelhard hatte im Jahre 1852 ein Liebesverhältniß mit einer gewissen Anna Kötter aus Gersbrunn, welche zu jener Zeit in gesegneten Umständen sich befand und unterdessen geboren hat. Nicht allein deßhalb, sondern wahrscheinlich auch, um ganz ungenirt seiner Lust fröhnen zu können, suchte er seine Mutter zu bewe­gen, ihm das elterliche Anwesen zu übergeben, oder doch den ihn treffenden Theil hinauszubezahlen, damit er sich ein Anwesen oder eine Wirthschaft kaufen könne. Die Mutter, welche, wie schon erwähnt, noch sehr rüstig war, weigerte sich, dem Verlangen ihres Sohnes Jakob nachzugeben, insbesondere auch deßhalb, weil ihre 3 anderen Kinder noch sehr jung waren. Mitunter erklärte sie dem Jakob gegegen­über, daß sie gar nie Lust habe, ihm, »der nicht gut thue,« das Anwesen zu überge­ben. Diese Aussicht für die Zukunft und die näher liegende Wahrscheinlichkeit, daß er durch den frühzeitigen Tod seiner Mutter gesicherte Hoffnung auf das Anwesen habe, da er der älteste Sohn ist, scheint in dem ungerathenen Sohn den frevelhaf­ten Entschluß hervorgerufen zu haben, diejenige, welcher er nach göttlichen und menschlichen Gesetzen vor Allem zur aufopferndsten Liebe verpflichtet war, seine leibliche Mutter, auf grauenvolle tückische Wege aus dem Wege zu räumen.

Zu Oberpframmern lebte eine 73 Jahre alte Person, Ursula Staudinger, welche aus Arsenik Wasser zur Vertilgung der Fliegen bereitete und verkaufte, und zu diesem Zweck ungeachtet des bestehenden Verbotes im Besitze von weißem Arsenik war. Zu dieser kam der »Huberbauern Jakob« von Schattenhofen im Laufe des Septem­bers 1852 dreimal, ohne aber sie zu treffen. Einmal scheint er hinterlassen zu ha­ben, daß er Fliegenwasser habe kaufen wollen, da die Ursula Staudinger um jene Zeit wirklich mit Fliegenwasser auf das Huberbauerngut zu Schattenhofen kam und da sie Niemand zu Hause antraf, auf das Feld hinaus ging und zur Bäuerin sagte, sie bringe das bestellte Fliegenwasser. Da die Bäuerin widersprach, solche Bestel­lung gemacht zu haben, und Jakob Engelhard, obgleich anwesend, sich nicht in das Gespräch einließ, der Ursula Staudinger damals auch noch nicht persönlich bekannt war, mußte diese sich mit dem Fliegenwasser wieder entfernen.

Am Sonntag der Kirchweihe in Oberpframmern, den 17. Okt. 1852 Abends nach 6 Uhr kam Jakob Engelhard wieder zu Ursula Staudinger in deren Wohnung, gab sich als den Huberbauernsohn zu erkennen, sagte, daß er bereits dreimal dagewesen, sie (die Urs. Staud.) auch auf dem Felde gesehen, deßhalb aber nichts zu ihr gesagt habe, weil seine Mutter und die übrigen Hausangebörigen von seinem Vorhaben nichts wissen dürfen. Jakob Engelhard legte 2 Zwanziger auf den Tisch und ver­langte »Arsenik«, da er den Hachinger Bach hinauf Vieh curire, wozu er »dies Gift« brauche. Nochmals fügte er bei, daß seine Mutter davon nichts wissen dürfe. Ursu­la Staudinger weigerte sich anfangs, Arsenik herzugeben, da aber Engelhard ent­schieden auftrat, gab sie ihm ein größeres Stück und mehrere kleinere Stücke wei­ßen Arseniks zusammen ungefähr 4 bis 5 Loth. Engelhard wickelte das Gift in ein Papier und entfernte sich damit.

Vom 18. Oktober an begann am »Huberhofe« eine Reihe auffallender Erkrankun­gen: in der ersten Woche erkrankten die Wittwe Engelhard und ihr jüngerer Sohn Georg und der Baumann Kaspar Schwaiger; die Krankheitserscheinungen waren al­lenthalben die nämlichen: Mattigkeit, Kopfschmerz, Schwindel, Brechreiz und hefti­ger Durst. Bei Georg Engelhard waren sie am unbedeutendsten und bald wieder gehoben. Kaspar Schwaiger war am 19. Okt. befallen worden und zwar schon viel heftiger. Am 21. Okt. holte Jak. Engelhard bei dem Bader Bernauer in Zorneding Arznei für den Schwaiger, nach deren Genuß Letzterer am 24. Okt. genas. Am 22. Okt. fühlte sich die Bäuerin unwohl, doch legte sie der Krankheit keine Bedeutung bei, ließ sich von ihrem Geschäfte nicht abhalten und war an demselben Tage zu ei­ner Gemeindeversammlung nach Moosach gegangen, von wo sie gegen Mittag zu­rückkehrte. Niemand dachte damals an eine Lebensgefahr und Maria Engelhard hatte nicht einmal ein Mittel angewendet. Am 22. Okt., nachdem seine Mutter von Moosach heimgekehrt war, fuhr Jakob Engelhard mit einer bestellten Holzfuhr zum Wirth Brandstetter in Haidhausen, wo er ziemlich spät eintraf und übernachtete. Im Withshause erzählte er, daß seine Matter zu Hause am Tod krank sei und daß er sie schwerlich mehr am Leben treffen werde. Am folgenden Tage ließ er dem Schmid Georg Broß von Feldkirchen, einem Gevatter der Engelhard’schen Familie, sagen, daß seine (des Jak. Engelhard) Mutter schwer krank sei, daß sie bereits versehen worden sei und er sie kaum mehr lebend antreffen werde. Diesen Angaben ent­sprach aber das Benehmen des Jak. Engelhard durchaus nicht: er war sehr lustig, blieb bis gegen Mittag im Wirthshause zu Haidhausen, unterhielt sich hier mit Kar­ten und Ausspielen von Gänsevierteln und war ziemlich betrunken.

Schmid Broß kam am 25. Okt. nach Schattenhofen und traf seine Gevatterin mit ihren gewöhnlichen Verrichtungen beschäftigt. Sie widersprach auf Befragen, ernst­lich krank zu sein, meinte, sie sei nur etwas unwohl, müsse sich bisweilen erbre­chen, es sei so »eine Sucht« und nicht so arg. Als Broß den Jakob Engelhard über die erwähnte Botschaft zu Rede stellte, läugnete er von einer schweren Erkrankung seiner Mutter etwas gesagt zu haben. (Hieraus läßt sich vermuthen, daß Jakob En­gelhard bei seiner Abfahrt nach Haidhausen auf eine raschere tödtliche Wirkung des damals schon seiner Mutter beigebrachten Giftes gerechnet und hierauf seine Aeußerungen gestützt hatte, während die starke Natur der kräftigen Frau den zer­störenden Wirkungen des Giftes noch längere Zeit widerstand und erst nach wie­derholten Gaben unterlag.) In der Nacht vom 25. auf 26. Okt. mußte sich die Bäue­rin ziemlich stark erbrechen, sie stand aber am Dienstag den 26. Okt. zu ihren ge­wöhnlichen Verrichtungen auf. An diesem Tage früh 6 Uhr versammelten sich wie gewöhnlich sämmtliche Hausgenossen bei der Morgensuppe. Die Bäuerin aß mit, und auch Jakob Engelhard fehlte nicht und schien zu essen. Im Laufe dieses Tages erkrankten unter den gewöhnlichen Erscheinungen fast alle Hausangehörigen.

Die Bäuerin und der Dienstknecht Kaspar Schwaiger wurden neuerdings von hefti­gen Ueblichkeiten und Erbrechen befallen; die Magd Theres Roth wurde so krank, daß sie vom folgendem Tage an den Dienst verlassen und in der Absicht, in ihre Heimath zu gehen, unterwegs in einem Hause, weil unfähig weiter zu kommen, lie­gen bleiben mußte; auch die Töchter Theres und Anna Engelhard wurden an die­sem Tage krank, und die Brüder Georg und der Angeklagte Jakob blieben von sichtbaren Krankheitserscheinungen frei. Dagegen wurden selbst 2 Hunde, welche den Rest der Morgensuppe gefressen hatten, krank und der eine davon verendete noch am selben Tage.

Am Mittwoch den 27. Okt. konnte die Bäuerin nicht aufbleiben, klagte über Sum­men im Kopf, Leibschmerzen, Erbrechen und immerwährenden Durst. Da auch der Knecht sich zu Bett legen mußte, wurde Jakob Engelhard wieder abgeordnet, um die ärztliche Hilfe des Baders Bernauer in Anspruch zu nehmen. Wieder gab Ber­nauer lediglich auf Angabe der Krankheitserscheinungen Arznei her und verordne­te auch dem Jakob Engelhard selbst ein Brechmittel, weil derselbe über Appetitlo­sigkeit geklagt hat. Am folgenden Tage den 28. Okt. begab sich der Bader Bernau­er selbst nach dem Huberbauern-Hofe, um die Kranken zu besuchen. Den Jakob Engelhard, der angibt, auf die Arznei 10-12 mal erbrochen zu haben (was übrigens kein Zeuge aus eigener Wahrnehmung bestätigt) fand er ohne erkennbare Krank­heitszeichen. Die Krankheit der Uebrigen hielt Bernauer für eine Art von Brechruhr und verordnete deßthalb die Fortsetzung der Tags vorher gegebenen Arznei. (Das Erkranken der Hunde, was eine bestimmte Muthmaßung für die wahre Ursache der fraglichen Krankheitserscheinungen hätte darbieten können, scheint dem Bader verschwiegen worden zu sein).

Am Samstag den 30. Okt. wiederholte Bernauer seinen Besuch; er fand die Bäuerin um Vieles besser, hielt die Krankheit für gehoben und meinte nur, die Bäuerin solle noch ein den Magen stärkendes Mittel nehmen, welches Jakob Engelhard abholen sollte. Nachdem aber die Bäuerin Abends Suppe gegessen hatte, wurde sie wieder von Erbrechen befallen. An diesem Abende wurde auch die seit 28. Okt. bei der Bäuerin eingestellte Wärterin Ottilie Huber nach dem Genusse von Kaffee, welcher den Nachmittag hindurch am Herde warm gestellt gewesen war, von Ueblichkeiten und Erbrechen befallen.

Am Sonntag den 31. Okt. Morgens 8 Uhr ging Jakob Engelhard vom Hause weg, um beim Bader in Zorneding die für seine Mutter bestimmte Medizin zu holen. Auf Befragen sagte er zu Bernauer, seiner Mutter gehe es schon recht und verschwieg die seit dem vorigen Abend abermals eingetretene Verschlimmerung. Nach erhal­tener Arznei ging er nicht sogleich nach Hause, sondern zu seiner Geliebten, die damals in Zorneding diente, erzählte dieser die Erkrankung der sämmtlichen Haus­angehörigen und bemerkte, »es solle Eins von dem Anderen nichts mehr essen«. Jakob Engelhard hielt sich bis Nachmittag auf.

Als derselbe um halb 4 Uhr nach Hause kam, traf er seine Mutter nicht mehr am Le­ben, sie hatte an diesem Tage nicht mehr erbrochen, aber über heftiges Brennen im Leibe, zunehmende Schwäche geklagt und gegen 2 Uhr Nachmittags den Geist aufgegeben. Alle übrigen erkrankten Personen wurden nach Verlauf einiger Tage, die Einen früher, die andern später, wieder gesund und es wiederholten sich ähnli­che Krankheiten von nun an weder auf dem Huberbauerngut noch in der Umge­gend.

Als die Leiche zur Beerdigung aus dem Hause geschafft wurde, verbreitete sich ein äußerst starker Vewesungsgeruch. Indeß wurde sie beerdigt und erst am 4. Nov., als der Verdacht einer Vergiftung rege geworden war, wieder ausgegraben und der wiederholten gerichtsärztlichen Besichtigung und Sektion unterzogen. Nirgends zeigte sich ein Merkmal äußerer Verletzung. Dagegen war die Schleimhaut der Speiseröhre, von der Mitte beginnend, nach unten zunehmend geröthet; auf der in­nern und äußern Seite des Magens waren unregelmäßig zerstreut und in ungleicher Größe und Gestalt rothe zum Theil ins Bläuliche fallende Flecken. Auch die Gedär­me zeigten sich innen und außen stark geröthet und von Luft aufgetrieben. Alle übrigen Organe zeigten sich in der natürlichen Beschaffenheit und wurde nir­gends eine krankhafte Veränderung wahrgenommen. Der Magen und die Gedärme wurden hierauf im chemischen Laboratorium der k. Universität zu München einer durch mehrere Tage fortgesetzten und durch Anwendung der verschiedensten Me­thoden erprobten Untersuchung unterworfen. Dem Gutachten der Sachverständi­gen, des Hrn. Medizinalrathes Dr. Kopp und des k. Universität-Professors Dr. Ludw. Andr. Buchner, zufolge ergaben alle gemachten Versuche die volle, jeden Zweifel ausschließende Gewißheit, daß sowohl im Magen, als in den Gedärmen der Wittwe Maria Engelhard Arsenik enthalten war.

Am 4. Nov. ward auch der Körper des verendeten Hundes ausgegraben, aber schon in dem Maase verwesen gefunden, daß derselbe theilweise zerfiel und eine Sektion mit Erfolg nicht mehr möglich war.

Im gerichtsärztlichen Endgutachten wird aus den beobachteten Krankheitserschei­nungen aus dem Sektionsbefunde und den Ergebnissen der chemischen Untersu­chung der bestimmte Ausspruch begründet: »Maria Engelhard ist eines gewaltsa­men Todes durch Vergiftung mit weißem Arsenike gestorben.« Dabei ist von Hrn. Gerichtsarzt Dr. Stadlmaier hervorgehoben, daß die Wirkungen des Arseniks nach seiner Eigenthümlichkeit nicht nur örtlich an den Stellen, wo er mit dem Körper in Berührung komme, sondern auch allgemein in Veränderung und Hemmung der Nerventhätigkeit und rascher Zersetzung der Säfte sich äußere, weßhalb auch schnell vorschreitende Auflösung der durch Arsenikvergiftung getödteten Leichen zu erfolgen pflege. (Hiemit stimmt nicht nur der Zustand der Leiche der Bäuerin, sondern auch die schon am 7. Tage nach dem Tod des Hundes so weit vorgeschrit­tene Verwesung desselben überein.) (Schluß folgt.)

Nachschrift. Jakob Engelhard wurde soeben wegen doppelt qualifizirten Mordes zur Todesstrafe verurtheilt.

Bayerische Landbötin No. 260. München; Sonnabend, den 29. Oktober 1853.


12-07-08* (Engelhard)