Bayerische Landbötin (21.11.1848) / t_1279

Schwanthalers Leichenbegängniß fand letzten Freitag in einer Weise statt, welche für die Höhe des Künstlerruhmes wie für den Werth den persönlichen Charakters des Dahingeschiedenen gleich anerkennend und ehrend war. Außer den Professo­ren der Akademie, dem Magistrate der Hauptstadt, außer dem endlosen Zuge von Fackelträgern (meist Zöglinge der Akademie) füllten noch Tausende von Personen aus allen Ständen den Leichenacker. Nach der vorläufigen Beisetzung der Leiche in der Gruft des hohen Domkapitels (sie wird später in dem neuen Leichenacker ru­hen) und Beendigung der kirchlichen Ceremonien sprach der fungirende Priester in trefflichen Worten die übliche Leichenrede, welcher sich nach Entfernung der Geistlichkeit noch eine begeisternde Rede anschloß, die im Namen und Auftrag der Künstler Münchens Herr Maler Teichlein sprach. Wir sind in den Stand gesetzt, dieselbe wörtlich wiederzugeben.

Freunde! Kunstgenossen! Mitbürger Ludwig von Schwanthalers!

Schreitet ein Fremdling durch unsere Mitte und frägt: »sprecht, wer bevölkerte Saal und Gibel, da mit unsterblichen Mythen der Götter Griechenlands, dort mit Gestalt und That deutscher Helden? sprecht, wer half dankbaren Städten sich schmücken mit den Standbildern geliebter Dichter und Tonkünstler, berühmter Fürsten oder Feldherrn? Wer schuf das riesige eherne Weib, das den Kranz des Ruhmes hinstrecken wird über Stadt und Land und all‘ diese Werke? Da lautet die Antwort: Das alles, Fremdling, hat ein einziger starker Geist in schwachem Körper und einer Spanne Zeit geschaffen! Und frägt der Fremdling weiter: »wo ist der Mann? führt mich hin zu ihm! Da müssen wir nun sprechen mit thränenvollem Blick: O Fremdling! All seinen Odem hat er verhaucht in Stein und Erz, bis seiner eigenen Brust kein Athemzug mehr übrig blieb! Der Mann – ist todt! Doch was sein Tod ward, das eben ist sein Leben! Unsterblich rinnt sein Blut in hundert Marmoradern, in hundert ehr’nen Brüsten schlägt sein Herz für uns und für die Nachwelt. So se­hen wir denn ruhig ihn scheiden; die Sendung war erfüllt, was Wunder daß der Bote heimberufen ward!

Freunde! Kunstgenossen! Eine ernste Mahnung weht aus diesem Grabe uns an. Nehme Jeder sie mit vom Sarge des Meisters; es stimmt ihr Ernst zum Ernste die­ser Zeiten! Es ist der ewigwiederkehrende, verhängnißvolle und doch erhabene Gang der Menschheitsgeschichte wie des Einzellebens, daß der Geist unter unsäg­lichen Leiden dieses Erdenlebens sich emporringen muß; es ist der alte Kampf zwi­schen Geist und Materie, den auch unser Freund im frischen Grabe hier als ein ungewöhnlicher Geist im ungewöhnlichen Maße gekämpft hat. Er hat ihn siegreich vollendet! Sein Beispiel leuchte uns vor, was immer über uns kommen möge! Sein Gedächtniß ermanne uns, so wird auch uns der Friede werden, in dem da ruhet un­ser Meister und Freund Ludwig v. Schwanthaler. Der Himmel spreche dazu sein Amen!

Ein einfach ergreifender Trauerchor schloß die ernste Feier.

Bayerische Landbötin No. 140. München. Dienstag, den 21. November 1848.


NA-001 (Schwanthaler)