Aus meinem Leben (1922) / t_355

Mit Recht berühmt waren in München die öffentlichen, von der gesamten Künstler­schaft veranstalteten Festlichkeiten. Ich habe zwei davon besucht, ein Feldlager aus der Zeit des 30-jährigen Krieges, das in dem Walde von Großhesselohe sich ab­spielte und ein köstliches Bild der bewaffneten Macht vor 400 Jahren gab.

Das zweite war ein Maskenfest in München, das leider infolge eines Brandunglücks einen tragischen Abschluß erfuhr. Einer der größten Säle Münchens war durch au­ßerordentlich geschickte Ausbauten in eine Art Jahrmarkt verwandelt, wo man al­les genießen konnte, was an Sehenswürdigkeiten bei solcher Gelegenheit geboten zu werden pflegt. Da der Zutritt nur Herren gestattet wurde, die natürlich zum gro­ßen Teil durch Masken in Frauen jeden Kalibers verwandelt waren, so hatte die künstlerische Phantasie sich ohne jede Einschränkung bis in die wunderlichsten Auswüchse austoben können. Ich habe nicht einmal in Cöln solche tolle karnevalis­tische Ausgelassenheit gesehen wie bei diesem Feste, an dem die Künstler bis ins höchste Alter hinein ziemlich vollständig versammelt waren.

Eine köstliche Maskenidee in vortrefflicher Ausführung ist mir in Erinnerung geblie­ben. Der bekannte Maler Piglheim machte einen Prinzen natürlich mit Gefolge und ließ sich von dem Komitee rundführen, selbstverständlich ganz in der Form, wie sie bei solchen prinzlichen Besuchen üblich ist. Kurze Zeit darauf erschien ein wirkli­cher bayerischer Prinz, der genau ebenso empfangen wurde. Zum großen Spaß der ganzen Versammlung stießen nun die beiden Züge zusammen. Der wirkliche Prinz hatte aber Humor genug, den Pseudokollegen freundlich zu begrüßen und sie setz­ten zusammen die Besichtigung fort.

Leider wurde das Fest in ziemlich später Stunde durch ein furchtbares Unglück ge­stört. Etwa ein Dutzend Schüler der Akademie der Künste machten eine Eskimo­gruppe. Sie hatten sich für den Zweck eine besondere Hütte gebaut und Eskimoan­züge angelegt, die ganz aus Werg hergestellt waren. Leichtsinnigerweise hatte man versäumt, diesen Stoff chemisch zu imprägnieren und dadurch unbrennbar zu machen. Auch die Hütte selbst war mit brennbaren Stoffen jeder Art erfüllt. Mit ähnlichem Leichtsinn war übrigens die Mehrzahl der Bauten errichtet und da über­all geraucht wurde, so hatten wir Chemiker sofort das Gefühl der höchsten Feuers­gefahr, und ich erinnere mich, daß wir uns ziemlich frühzeitig in einen geschützten Bierkeller zurückzogen und nur von Zeit zu Zeit wieder das Treiben im Hauptsaale uns anschauten. Plötzlich hieß es, die Eskimos sind am Brennen, und in der Tat sa­hen wir diese armen Menschen brennend herumlaufen. Sie wurden zwar außerhalb ihrer Hütte ziemlich rasch gelöscht, und einige davon glaubten sich nach der überstandenen Gefahr durch einen reichlichen Trunk Bier entschädigen zu sollen, aber die Verwundungen waren doch so schwer, daß sie meines Wissens in den nächsten Tagen alle gestorben sind. Glücklicherweise konnte das Feuer in der Eski­mohütte gelöscht werden. Hätte es um sich gegriffen und die benachbarten sehr brennbaren Gegenstände erfaßt, so wären viele Hunderte von Menschen umge­kommen; denn die Zugänge zum Saal waren sämtlich durch die Ausbauten so be­engt, daß die große Menschenzahl unmöglich sich hätte retten können.

Bei allen solchen Festlichkeiten sollten die Aufsichtsbehörden in rigoroser Weise stets verlangen, daß alle zur Bekämpfung einer etwaigen Feuersgefahr nötigen Maßregeln getroffen sind. Das Publikum ist geneigt, in derartigen Anordnungen der Behörde Willkür und kleinliche Belästigung zu erblicken; aber wer einmal ein Brandunglück wie damals auf dem Maskenfest in München erlebt hat, und wer wie wir Chemiker die rasche Entwicklung eines Brandes kennt, der wird meiner Ansicht gerne beipflichten.

Emil Fischer: Aus meinem Leben; Gymnasialzeit. Berlin, 1922.


20-08-14 (Opfer des Kolosseum-Brandes)