Augsburger Tagblatt (19.9.1857) / t_189

Vermischte Nachrichten.

München, 17. Sept. Wie wir vernehmen, wurde von der k. Kabinetskasse schon eine namhafte Unterstützung für die Minderbemittelten der bei der traurigen Katastro­phe am Karlsthore um ihre Habe Gekommenen, verabreicht. An der Unglücksstätte beim Karlsthore sind fortwährend eine Menge Hände mit dem Wegräumen des Schuttes beschäftigt. In den übrig gebliebenen Hausresten stehen noch verschie­dene halbzertrümmerte Mobilien und an der massiven Stadtmauer, welche die Rückseite des Hauses bildete, hängen hoch oben noch Bilder in den Rahmen. Die Passage durch das Karlsthor ist heute wieder frei und scheint man wegen des be­schädigten Thurmes keine Besorgnisse zu hegen. Der Zudrang zum Leichenhaus, wo die Verunglückten liegen, ist den ganzen Tag über außerordentlich. Im soge­nannten reichen Saal befindet sich die Leiche des 12jährigen Mädchens A. Rosen­lehner, die im Gesichte sehr bedeutende Verletzungen zeigt; und die Leiche des Malers J. Kastens, eines jungen, hübschen Mannes, äußerlich unversehrt, es scheint derselbe gleichsam zu schlafen. Die übrigen drei Opfer, die Putzmacherin A. Graf, ihre Tochter Rosa und der Lohnbediente Weichselbaumer liegen im zweiten Saale. Die Leichen dieser Verunglückten sind verdeckt. – Dem mehrfach verbreiteten Ge­rüchte, als sey die Braut des verunglückten Malers Kastens, Ida Graf, im Kranken­hause gestorben, können wir auf das Bestimmteste widersprechen; dieselbe hat zwar einen Beinbruch und eine Quetschung der Brust erlitten, doch hat man Hoff­nung, sie dem Leben zu erhalten; die zweite Schwester Maria Graf und die Dienst­magd Kath. Späth, gleichfalls im Krankenhause, befinden sich auf dem Wege der Besserung. – Der Lohnbediente Weichselbaumer feierte gerade an diesem unseli­gen Abend seinen siebzigsten Geburtstag im Gasthaus zum Oberpollinger im Krei­se einiger Freunde, welche ihm, als er sich nach Hause begeben wollte, eifrig zure­deten, noch zu bleiben, »indem man nicht wisse, ob sie im nächsten Jahre wieder alle noch so fröhlich beisammen seyn werden.« Weichselbaumer ließ sich aber durchaus nicht aufhalten und ging – seinem schrecklichen Tode entgegen. – Die technische Commission, welche über den Zustand des Karlsthores zu referiren hat­te, gab ihr Gutachten dahin ab, daß die Erschütterung keine erheblich nachtheilige Wirkung auf dasselbe äußerte. Die Passage zum Bahnhof wird daher in Zukunft ebenso eng bleiben wir vorher.

Augsburger Tagblatt Nr. 257. Samstag, 19. September 1857.


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