Augsburger Tagblatt (18.9.1857) / t_188

Vermischte Nachrichten.

München, 16. Sept. Vergangene Nacht halb 11 Uhr flog das Eisenhandlungsgebäu­de des Hrn. Rosenlehner nächst dem Karlsthore in die Luft. Ein heftiger Knall wur­de in den angrenzenden Straßen vernommen, ohne daß die sonstige Einwohner­schaft der Stadt allarmirt wurde. Erst heute früh verbreitete sich allenthalben die Schreckenskunde, daß das genannte Gebäude in Folge einer Explosion des im La­den befindlichen Pulvers in einen Trümmerhaufen verwandelt wurde. Die Nachbar­schaft wurde in furchtbarer Weise aus dem Schlafe geschreckt und eilte sofort auf die Straße. Durch die Explosion war in allen Laternen der Umgebung das Gas erlo­schen und man fürchtete anfänglich, die Unglücksstätte zu betreten, wo möglicher Weise den Eindringenden neue Gefahr drohte. Da erschienen der Stadtkomman­dant, der k. Polizeidirektor etc. und nun wurde energisch Hand angelegt, um wo möglich noch Menschenleben aus der Ruine zu holen. Die Trümmer konnten be­greiflicher Weise nur langsam weggeschafft werden; man arbeitete die ganze Nacht mit rastloser Anstrengung und brachte im Laufe der Nacht und des Vormit­tags etwa 12 Personen hervor, wovon einige nur noch ganz kurz am Leben waren. Im Ganzen zählte man heute Vormittags 5 Leichen: die Marchande de mode Graf, den Bräutigam von deren Tochter – Maler Castens aus Schleswig – dann die andere Tochter der Graf, ein 12jähriges Mädchen (Schwester des Rosenlehner) und den Lohnbedienten Weichselbaumer, welch’ letzterer erst Vormittags 10 Uhr aus den Trümmern hervorgezogen wurde; derselbe hatte im Nachhausegehen sein Zimmer nicht mehr erreicht, sondern wurde in der Hausflur verschüttet. Zwei andere Töch­ter der Graf, darunter die Braut des Malers, und eine Magd wurden schwer verletzt in’s allgemeine Krankenhaus gebracht. Der Haus- und Ladenbesitzer Hr. Rosenleh­ner, welcher während der Katastrophe im Kaffeehause war, soll, als er die Schre­ckensnachricht hörte, augenblicklich die Sprache und das Gehör verloren haben und sich jetzt in ärztlicher Behandlung befinden. Fenster- und Thürstöcke, Gestein etc. flog in weite Entfernung, zum Theil bis an die St. Michaelskirche. Die nächste Veranlassung der Explosion ist zur Zeit nicht ermittelt. Diesen Vormittag wurden aus dem unversehrt gebliebenen Nebengebäude 5 Centner Pulver weg- und nach dem Zeughause geschafft. Die angrenzenden oder Nachbar-Gebäude erlitten, mit Ausnahme zerbrochener Fenster, keinen weiteren Schaden, nur der Thurm des Karlsthores erhielt einen Riß, so daß diese Passage augenblicklich durch Militär und Gendarmerie abgesperrt ist. Eine große Menschenmenge wogt den ganzen Vor­mittag nach dem Schauplatz des Jammers.

Einer Münchener Correspondenz der Postzeitung entnehmen wir über diese trauri­ge Catastrophe noch Nachstehendes: Kein Ton, kein Hilferuf ward von der Un­glücksstätte vernommen, und doch war es einer Person aus dem zertrümmerten Hause beschieden, die erste Kunde über die armen Verschütteten zu geben. Der Hausknecht der Eisenhandlung, der das Dachstübchen bewohnte, wurde glückli­cher Weise mit sammt dem Bette auf die Straße geschleudert und trug nur ganz unbedeutende Verletzungen davon, die ihn nicht einmal hinderten, die ganze Nacht mitzuarbeiten. Unter seiner Leitung wurde von der inzwischen eingetroffe­nen Hilfe die Ruine bestiegen und bei Fackelschein die Wegräumung des Schuttes begonnen. In dem Hause wohnte auch der Besitzer der Eisenhandlung, Herr Oskar Rosenlehner nebst vier Geschwistern, der Kindsfrau A. Schmederer und der Dienst­magd K. Späth, die Weißnäherin und Expeditorswittwe Graf mit ihren drei Töch­tern, der Lohnbediente Weichselbaumer und der Kistlergeselle Lampert mit Frau und Kindern. Alle diese Personen waren zur Zeit der Katastrophe in dem Hause, mit Ausnahme des Herrn Oskar Rosenlehner und dessen älteren Bruder; die Anzahl der Personen bleibt doch dieselbe, weil bei der Wittwe Graf die Brüder Castens auf Besuch waren, von denen der eine gerade am Nachmittag die Heirathsbewilli­gung mit der jüngsten Tochter der Graf, einem Mädchen von 16 Jahren, erhalten hatte. Bei den beiden jüngeren Geschwistern des Rosenlehner ist zu erwähnen, daß sie wunderbar gerettet wurden, denn über das eine legte sich ein Kreuzbalken und auf das andere flog eine Stubenthüre.

Augsburger Tagblatt Nr. 256. Freitag, 18. September 1857.


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