Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_970

Klenze, Leo v., aus einer Familie, deren Stammgut, desselben Namens, an der mecklenburgischen Grenze liegt, welche aber in den Reformations-Kriegen nach dem Fürstenthume Hildesheim auswanderte, ward am 29. Feb. 1784 am Fuße des Harzgebirges auf einem Gute seines Vaters, eines angesehenen Justizbeamten, ge­boren.

Seiner äußerst sorgfältigen Erziehung ward die Richtung einer zukünftigen Carriere im Staatsleben gegeben, obwohl als Kind schon eine entschiedene Vorliebe zu al­lem, was plastische Kunst heißt, an ihm bemerkbar wurde. In diesem Kampfe eige­ner Vorliebe und Anlage, und dem Willen und Wunsche der Eltern und Lehrer ver­ging seine erste Jugend, und schon mit zurückgelegtem 13ten Jahre ward der Kna­be reif erachtet, um auf das Collegium Carolinum nach Braunschweig geschickt zu werden, welches eine damals allgemein berühmte und unter Eschenburgs Leitung stehende Anstalt war, worin Jünglinge aus den ersten Familien, und besonders vie­le Kur- und Liefländer, Polen und Engländer die Jahre zwischen der Schule und der Universität zubrachten.

Ohne hier gerade das Studium der Sprache, Geschichte, Mathematik, Physik u. s. w. zu versäumen, widmete sich der Knabe doch vorzugsweise dem Studium der Ar­chitektur und Zeichnung unter der Anleitung des Professors Katzut, welcher in Braunschweig an der vielleicht in Deutschland damals einzigen polytechnischen Lehranstalt viel Gutes wirkte.

Nach zweijährigem Aufenthalte in Braunschweig, und einiger Zwischenzeit, welche Klenze im väterlichen Hause mit Selbststudium und beständigem Streben, die vä­terliche Bewilligung zum Studium der höhern Architektur zu erlangen, zubrachte, ward er im 16ten Jahre nach Berlin geschickt, um dort seine Sprach- und allgemei­nen Kenntnisse zu erweitern, wobei jedoch auch die Erlaubniß erfolgte, die Bau­akademie zu besuchen, um sich in den sogenannten cameralistischen Zweigen die­ses Faches, welche man zur allgemeinen Bildung nöthig glaubte, einige Kenntnisse zu erwerben.

Daß dabei strenges Verbot und Warnung gegen jede eigentlich artistische Rich­tung der Studien erging, kann und muß man sich aus jener Zeit erklären, welche freilich noch weit entfernt war, in der politischen Erniedrigung und Stellung Deutschlands den Aufschwung ahnen zu lassen, welchen es 20 Jahre später in der plastischen Kunst nehmen sollte.

Entfernt vom väterlichen Hause konnte der Jüngling jedoch freier seinem innern Triebe folgen. Er hatte Gelegenheit erlangt, in dem Hause des bekannten gehei­men Oberbauraths Gilly Eingang, Wohnung und bald das volle Vertrauen des Haus­herrn zu finden, welcher Vater des für die Kunst leider zu früh verstorbenen Fried­rich Gilly war. An den nachgelassenen Zeichnungen und Studien desselben, und in den Vorlesungen des Hofraths Hirt, und dem Unterrichte des Landschafters Rüsel fand der Jüngling reichen Stoff für seine Wiß- und Lernbegierde, welche hier end­lich des hemmenden Zügels entlediget, ihn so schnell dem Ziele des Unterrichts entgegenführte, daß er nach 2½ Jahren seinen Eltern anzeigen konnte, er habe schon die Examina mit allem möglichen Erfolge überstanden, und werde sich nun durch nichts mehr einer Kunst entziehen lassen, welche er für die Bestimmung sei­nes Lebens halte. Es hörte nun aller Widerstand auf, und es ward selbst die väterli­che Zustimmung zu einer Reise durch Frankreich und England gegeben, welche Klenze einem Anerbieten augenblicklicher Anstellung in preußischen Diensten, wel­ches ihm der damalige, ihm sehr wohlwollende Minister Graf von Schulenburg machte, vorzog.

Diese Reise sollte nur einige Monate dauern, aber in Paris angelangt, fand der jun­ge Architekt noch so vieles zu lernen, daß er sich entschloß, förmlich als auswärti­ger Zögling in die polytechnische Schule einzutreten, wo er mehrere Jahre den Un­terricht eines Duram, Hasenfratz, Monge, Biot, Fourcroy und Bourgeois genoß, und endlich im Jahre 1805, nach einem kurzen Aufenthalte im väterlichen Hause, nach Italien ging. Hier nun, und zwar in Genua, sollte sich der Knoten seines zukünftigen praktischen Lebens durch Zufall schürzen. Klenze zeichnete in dem prachtvollen Vestibule eines genuesischen Pallastes, als ein Mann zu ihm trat, und sich als Fran­zose und Eigenthümer oder Bewohner des Pallastes, zu aller Hülfsleistung, Herbei­bringen von Stuhl und Tisch, Oeffnen aller Gemächer etc. erbot, und als einen gro­ßen Freund der Architektur ankündigte. Empfehlungen und Zutritt in ein diesem Manne sehr befreundetes Banquier-Haus, vermehrten die Berührungspunkte, und der junge Architekt wurde so während seines Aufenthaltes in Genua näher mit die­sem Manne bekannt.

Jedoch ward diese vorübergehende Verbindung durch Abreise und Studien bald wieder locker und abgebrochen, als der verhängnißvolle Krieg von 1806 und 1807 Klenzes Geburtsland dem neugebildeten Königreiche Westphalen einverleibte, und jenen genuesischen Bekannten an den Hof des Königs Jerome in die einflußreiche Stellung eines General-Intendanten des königlichen Hofes führte. Dort erinnerte er sich sogleich des reisenden Architekten, und dieser erhielt in Mantua, auf der Rück­reise aus Italien nach Wien begriffen, die Aufforderung, sich sogleich an den neugebildeten Hof von Kassel zu begeben, woselbst er auch im November 1808 ankam.

Als Hofarchitekt, und später als Hofbau-Direktor angestellt, konnte Klenze zwar an diesem inkonsequenten Hofe keine Werke ausführen, welche seinen spätern Schöpfungen an die Seite gestellt werden dürfen, jedoch hatte er Gelegenheit, sich im Geschäftsleben auszubilden, in der Ausführung architektonischer Entwürfe und Ueberschläge, so wie im Praktischen der Konstruktion, Leichtigkeit und Sicherheit zu erwerben. In diese Zeit seines Aufenthaltes in Kassel fällt noch eine zweite Reise nach Frankreich und Italien. Doch Deutschlands Befreiungsperiode nahete heran, und der 28. Oktober 1813 hob mit der Existenz des Königreichs Westphalen auch Klenzes Wirksamkeit darin auf, und er entschloß sich, einige Zeit, und bis der her­gestellte Friede ihm erlauben würde, seine praktische Wirksamkeit wieder anzu­knüpfen, blos der Kunst und ihrem Studium ein contemplatives Leben zu widmen.

Privatverhältnisse führten Klenze in dieser Epoche nach München, wo er so glück­lich war, dem kunstliebenden Kronprinzen Ludwig bekannt zu werden, und in Ihm einen Herrn zu erkennen, von welchem die Kunst alles das erwarten mußte, was Derselbe ihr jetzt schon geleistet hat.

Das große Monarchen-Schauspiel des Kongresses zog Klenze dann nach Wien, und von dort wieder nach Paris, woselbst er, da sich in Deutschland noch nichts gestal­tet hatte, was ihm hinreichend zusagte, vorerst zu bleiben beschloß. Doch die Zu­rückkunft Napoleons und die darauf folgenden Kriegsereignisse störten die Ruhe Frankreichs und den Lebensplan, welchen Hr. von Klenze darauf gebaut hatte, führ­ten aber auch den kunstliebenden Kronprinzen von Bayern nach Paris, welcher dort die frühern gnädigen Gesinnungen gegen ihn von neuem bewährte.

Hr. v. Klenze war bei der Anwesenheit vieler deutscher Machthaber in Paris aufge­fordert worden, den einen oder den andern sehr vortheilhaften Ruf anzunehmen, als ihm durch Verwendung Sr. Königlichen Hoheit des Kronprinzen der ehrenvolle Ruf als Hofarchitekt in bayerische Dienste, zukam, welchem Folge zu leisten, er al­len andern vorzog.

In München angelangt, war die Glyptothek sein erstes Werk. Ihr folgte das Hotel des Herzogs von Leuchtenberg, die Anlage des neuen Stadttheiles vor dem ehe­maligen Schwabingerthore, die neue Reitbahn und viele Privathäuser.

Durch Mangel an Gelegenheit und Uebung waren in München die meisten der zur architektonischen Ausführung nöthigen Kunstfertigkeiten und Gewerbe, so wie der administrative Theil dieser wichtigen Kunstwissenschaft sehr gesunken. Mit Kraft und ohne die bei seinem Berufe und seiner Stellung in einem fremden Lande unver­meidlichen Hindernisse und Anfeindungen zu scheuen, suchte Hr. von. Klenze jneem Mangel abzuhelfen, welches ihm auch bei einer empfänglichen Nation bald gelang.

Die Glyptothek war in ihrer Auffassungsart ein neues Werk zu nennen, welches der Erfolg nun längst bewährt hat, und das Gebäude, woran in Deutschland zum ers­tenmale wieder die Architektur, welche weltgeschichtliches Erforderniß im griechi­schen Geist gebildet hatte, in ihrer Reinheit erschien.

Das Hotel des Herzogs von Leuchtenberg, so wie die neue Reitbahn, waren Bau­ten, wobei der Architekt durch die Bedingnisse des Bauherrn und des Bauplatzes im höchsten Grade an einer freien Schöpfung gehindert war, welchen man jedoch reinen Styl und Zweckmäßigkeit nicht absprechen konnte.

In den von Hrn. v. Klenze angegebenen Privathäusern war das Streben deutlich, die Größe und Reinheit italienischen Styls mit den klimatischen Verhältnissen und dem kleinlichen Bedürfnisse und spärlichen Mitteln von Bauspekulanten in Uebereinstim­mung zu bringen, und es war besonders der herrliche Styl florentinischer Wohnge­bäude, welchen Hr. von Klenze zu diesem Ende zuerst in Deutschland anwendete.

Dieses alles veranlaßte schon im Jahre 1819 seine Ernennung zum Hofbau-Inten­danten, zum Oberbaurath und Chef dieser Branche beim Ministerium des Innern, und im Jahre 1822 zum Ritter des Civil-Verdienst-Ordens.

Doch Hrn. v. Klenzes größere Wirksamkeit begann erst mit dem Regierungs-Antrit­te des jetzigen kunstliebenden Königs Ludwig, und eine große Reihe architektoni­scher Entwürfe und Ausführungen folgten schnell aufeinander.

Das Odeon, zwar an einem gegebenen Platze erbaut, welcher durch Lokalverhält­nisse den Zu- und Ausgängen viele Schwierigkeiten darbot, darf doch als Festloka­le, und in der so wichtigen akustischen Hinsicht eines der ersten Gebäude dieser Art genannt werden, und die überraschende Wirkung des Hauptsaales, welcher 130 F. lang, 75 F. breit und 54 F. hoch, ist allgemein anerkannt.

Die Pinakothek ist eben so neu und vollständig in ihrer Anordnung, als rein im Styl der Architektur, vortrefflich beleuchtet und mit einer Pracht dekorirt, welche Ein­heit des Styls mit großer Mannigfaltigkeit der Erfindungen zu vereinigen sucht.

Das neue Kriegsministerium war ebenfalls in seiner ganzen Ausdehnung vom Hrn. von Klenze entworfen und gebaut, und bildet eine Zierde zweier Straßen.

Der Königsbau, welcher sich seiner Vollendung nahet, ist ein Werk, worin große ar­chitektonische Schwierigkeiten rücksichtlich der innern Eintheilung überwunden werden mußten, und welcher durch die Art ächt künstlerischer Dekoration, welche darin vorwaltend werden sollte, eine Aufgabe zu nennen ist, wie sie die neuere Zeit keinem Architekten in Europa darbot, und welche nun dem Herrn von Klenze Gele­genheit gab, die einzige malerische Technik, welche für die klassische Dekoration paßt, die antike Enkaustik wieder ins Leben zu rufen, und eine treffliche Schule von Dekorationsmalern im höhern Sinne des Wortes zu bilden.

In der Allerheiligen-Kirche, für welche der sogenannte byzantinische Baustyl festge­setzt wurde, versuchte Hr. von Klenze zu zeigen, wie man diese allerdings eines ge­wissen Reizes nicht beraubte Bauart, in unsrer Zeit behandeln sollte, ohne sie zu combabusiren, indem man sie gerade dessen, was sie reizend und eigenthümlich macht, beraubt, und dennoch die architektonische Konsequenz, ohne welche es keine Schönheit geben kann, damit zu vereinigen.

Die Walhalla, poetisch und grandios dem Gedanken nach, und eigenthümlich durch die Art, wie das Aeußere und Innere angeordnet ist; das eben so zweckmäßige und bequem eingerichtete, als reich und mannigfaltig dekorirte Palais Sr. Hoheit des Herzogs Maximilian; der Bazar; der außerordentlich große und prachtvolle Bau des Schloßflügels gegen den Hofgarten, worin die großen Thron-, Ball- und Festsäle angebracht sind, vermehrten nach und nach die Reihe der architektonischen Schöp­fungen des Hrn. v. Klenze, und entwickelten immer deutlicher das durch ein festes Prinzip geleitete Erfindungsvermögen dieses Künstlers.

Als eigentliche Monumente von Hrn. v. Klenzes Erfindung, – ohne des Denkmals des allerhöchstseligen Königs Maximilian, und jenes des Herzogs von Leuchten­berg, wozu er die architektonischen Entwürfe machte, Rauch und Thorwaldsen aber die treffliche Skulptur lieferten, zu erwähnen – verdienen angeführt zu werden: der große Erzobelisk, und viele andere kleine Denkmale.

Als Schriftsteller hat sich Hr. v. Klenze durch mehrere Monographieen über Denk­male des Alterthums, durch die Herausgabe seiner bedeutendsten architektoni­schen Werke, ein begonnenes Werk über griechisches Ornament, und ein anderes über die Architektur des christlichrn Kultus bekannt gemacht, worin er die Klarheit und Einheit der klassischen Kunst der subjektiven Richtung der Baukunst bei mo­dernen Romantikern entgegen stellt.

Eben so wurden seine Erfolge, als er sich im Fache der Malerei versuchte, allge­mein anerkannt, und weisen ihm unter den jetzt lebenden Landschaftsmalern einen Rang an.
So viele Bestrebungen und Erfolge erhielten allgemeine Anerkenntniß und Beloh­nung des In- und Auslandes. 1826 ward er zum geheimen Oberbaurath, 1830 zum Vorstande der obersten Baubehörde und 1831, nach Vollendung der Glyptothek, zum wirklichen geheimen Rath ernannt.

Mehrere ausländische Orden und akademische Diplome bewährten ebenfalls diese Anerkennung, welche wohl als schönester Beweis in der neuesten Zeit der Auftrag Sr. Majestät des Königs von Bayern krönte, auf der Sendlinger-Höhe bei München den ausgezeichneten Männern Bayerns eine Halle des Ruhmes zu errichten.
(Welche neue Verdienste Hr. v. Klenze sich inzwischen auch in Griechenland erwor­ben hat, und wie dieselben durch König Otto verdiente Anerkennung fanden, ist allgemein bekannt geworden. Die Red.)

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


NA-171 (Courten & Klenze & Otting-Fünfstetten & Pütz)