Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_819

Gail, Wilhelm, geb. zu München im Jahre 1804, verlor seinen Vater schon im sechs­ten Jahre, und trat, von seiner Mutter unterstützt, im Jahre 1817 aus dem königl. Gymnasium als Eleve der königl. Akademie in die Bauschule, unter Professor Fi­scher, ein. Nach dem dritten Jahr jedoch zog ihn das Malereifach, welches ihn schon von früher Zeit her stets lebendig interessirt hatte, an, und er ließ sich in die Malerklassen einschreiben.

Im Jahre 1822 verließ er die Akademie, und arbeitete an seinem ersten Oelbild­chen im Atelier seines Schwagers, des gefeierten Künstlers, Peter Heß. Zu seinen ersten Bildern, welche er zu Hause malte, wählte er meistens Scenen aus dem bayerischen Gebirgsleben.

Im Frühjahre 1825 erhielt er einen Ruf von dem Herrn Baron von Malzen, damals k. b. Geschäftsträger am sardinischen Hof, von welchem er auf einer Reise durch Sa­voyen und Piemont frei gehalten wurde, und demselben dafür in Turin 13 Blätter zu einem Werke: »Monuments Romains dans les etats de Sardaigne«, welches Baron von Malzen herausgab, nach Natur und auf Stein zeichnete. Nebenbei fertigte er verschiedene kleine Platten für einen Herausgeber in Turin, unter andern ein aus 12 Blättern bestehendes Werkchen unter dem Titel: »Scene populari de Genova.« Mit diesen geringen Mitteln faßte er den Entschluß, nach Rom zu reisen, und kam dort im Herbst desselben Jahres an. Von Rom aus machte er zweimal die Reise nach Neapel und Pesto. Da ihm aber, obwohl er sich immer noch Genremaler nannte, die Tempel in Pesto so außerordentlich gefielen, blieb er das zweitemal 8 Tage im Nep­tunstempel, bis ihn das Fieber, welches er sich durch die dort herrschende aria cati­va zuzog, nöthigte, sich nach Neapel und endlich nach Rom zurückzuziehen, nach­dem er sich jedoch glücklicher Weise an allen jenen interessanten Punkten, wie Amalfi Sorrento, Pompei, Puzoli, den Inseln Capri, Ischia, Procida etc. reichen Stoff für sein Portefeuille gesammelt hatte. Im November 1827 kehrte er nach München zurück, malte da verschiedene kleine Bilder aus Italien, z. B. den Tempel des Nep­tuns aus Pesto, den Klosterhof aus Viterbo etc., und gab ein Werkchen von 30 Blät­tern unter dem Titel: »Erinnerungen an Florenz, Rom und Neapel« heraus.

Im Jahre 1830 besuchte er Paris und einen Theil der Normandie, auf welcher Reise er sechs Monate zubrachte. 1831 lehrte er abermals nach Italien, oder eigentlich nach Venedig zurück, wo er mehrere Monate blieb. Zurückgekehrt von da, wandte er sich ausschließend zur Architektur-Malerei, und fertigte mehrere Bilder aus Ve­nedig, wovon das größte den Korridor des Dogenpallastes vorstellt.

Im Jahre 1832 bot er abermals all sein Erworbenes auf, um endlich seinen lang ge­hegten Vorsatz ins Werk zu setzen, und trat seine Reise nach Spanien an, um dort die Maurischen Denkmale zu zeichnen. Auf seiner Reise, die jedoch mit manchen Schwierigkeiten und Fatiguen verbunden war, hielt er sich hauptsächlich in Barcelo­na, Tarragona, Valenzia, Malaga, Gibraltar, Cadiz, Sevilla, Cordova, Granada, Tole­do, Madrid und Saragossa auf, und kehrte nach einem vollen Jahre wieder nach München zurück, wo seine architektonischen Zeichnungen (Namentlich die der weltberühmten Alhambra, in der er sich an 4 Monate lang aufgehalten hatte, und der Mosque von Cordova.), so wie seine Costumesammlung, und namentlich der Ciclus des Stiergefechtes, allgemeines Interesse erregten.

Sein erstes großes Bild seitdem stellte den berühmten Löwenhof aus der Alhambra dar, welches Se. königl. Hoheit der Kronprinz von Bayern kaufte. Das zweite den Erker der Lindaraja aus der Alhambra bestellte Se. königliche Hoheit der Kronprinz von Preußen (Beide Bilder mit Maurischen Custumen staffirt). Das arabische Sanc­tuarium aus der Mosque von Cordova war das letzte, welches er fertig im Kunstver­eine zu München ausstellte, und das nächste wird die Ruine des Klosters San Juan de los Reyes in Toledo darstellen, mit der historischen Staffage der Erstürmung die­ses Klosters durch die Franzosen im Jahre 1810.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


05-16-09 (Gail)