Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_707

Dillis, Georg v., königl. bayer. Central-Gallerie-Direktor, aus einer armen alten Jä­ger-Familie abstammend, wurde den 26. Dezember 1759 in einer Einöde zum Pfarr­amte Schwindkirchen gehörig, Landgerichts Haag, geboren. Sein Vater, Wolfgang, Revierjäger und Förster zu Giebing, war mit vielen Kindern überhäuft, und außer Stande, denselben eine angemessene Ausbildung zu verschaffen, und die Anlagen bei seinem ältesten Sohn Georg würden unentwickelt geblieben seyn, wenn nicht der scharfsehende und wohlthätige Churfürst Maximilian III. denselben in seinem sechsten Jahre nach München berufen, und aus der Kabinets-Kasse unterstützt hät­te.

Schon nach zweijährigem Aufenthalte entdeckten sich in seinen schriftlichen Arbei­ten Spuren einer Anlage zu den bildenden Künsten, und nach einer Aeußerung des wohlthätigen Regenten, blühte für denselben die Aussicht, in Rom seine Anlagen besser ausbilden zu können. Allein mit dem unvermuthet und zu früh erfolgten Ab­leben des Churfürsten Maximilian Joseph, des Allgeliebten, war nicht allein diese erfreuliche Hoffnung, sondern auch der Gnadengehalt aus der Kabinetskasse erlo­schen. Hülflos stand nun der Jüngling auf dem Scheideweg, und kein anderer Aus­weg war für denselben übrig, als seine wissenschaftliche Laufbahn, in dem Collegi­um Albertinum zu Ingolstadt, wo er sich der Theologie widmete, zu vollenden.

Nach München zurückkehrend, setzte er den schon früher im Gymnasium bei dem Hofkammerrath und Vize-Direktor Dorner genossenen Zeichnungs-Unterricht fort, besuchte fleißig die von dem Churfürsten Max III. gestiftete Maler-Akademie, und sicherte seinen Lebens-Unterhalt durch den Unterricht im Zeichnen bei den ange­sehensten Familien.

Seine erste Reise machte er im Jahre 1788 auf Unkosten des würdigen alten Grafen Max v. Preysing, mit dessen Sohn Grafen Karl, und dem Staatskanzler von Vacchie­ry nach der Schweiz und den Rheingegenden über Straßburg, wo er das Glück hat­te, das Bildniß des zweyjährigen Prinzen Ludwig, erstgebornen Sohn des Prinzen Max, nachherigen Königs von Bayern, zu zeichnen, in Kupfer zu stechen, und unter seine Landsleute in Bayern zu vertheilen.

In Folge dessen wurde der Künstler im Jahre 1790 als Inspektor bey der von dem Churfürsten Karl Theodor neu erbauten Gallerie im Hofgarten angestellt.

Den Wunsch, seine Kenntnisse in den berühmtesten deutschen Gallerien zu erwei­tern, hat der dazumal einflußreiche Graf Rumford befriediget, indem er ihm Gele­genheit verschaffte, die Kunstsammlungen in Dresden, Prag und Wien zu stu­diren.

Durch eben diesen Gönner wurde er mit der in München aus Rom eingetroffenen englischen Familie Palmerston bekannt, genoß die Ehre, sie nach den Gegenden Salzburgs zu begleiten, und auf dieser Reise ihrem Freunde Gilbert Elliot, als Ge­sellschafter zu einer Reise nach Italien, empfohlen zu werden. Für das Zusammen­treffen wurde Livorno gewählt; dort angekommen, und seinen Reisegönner erwar­tend, wurde der Reierplan dadurch abgeändert, daß Gilbert Elliot, zum Vizekönig in Korsika ernannt, seinen Reisrplan aufgeben, und in Korsika verbleiben mußte. Der Künstler v. Dillis setzte auf des Vizekönigs Unkosten allein die Reise durch Itali­en über Rom fort.

So sah v. Dillis seinen schon als Jüngling heiß ersehnten Wunsch erfüllt, und kehrte mit reichhaltigen Kenntnissen von Rom in sein Vaterland zurück. Kaum angekom­men, und nach dem Uebergange der französischen Armee über den Rhein, erhielt er den Auftrag, die Kunstschätze zu verpacken, und 1796 nach Linz in den Nach­barstaat zu flüchten.

Nach einem 9 monatlichen Aufenthalte daselbst brachte er die Kunstschätze wie­der wohl erhalten nach München zurück. Nachdem die Galerie wieder eingerichtet war, bot sich eine neue Gelegenheit zu einer Reise nach der Schweiz mit Lord Os­sulton dar, die der Künstler zu seiner Ausbildung mit Freuden ergriff.

Nach dem Ableben des Churfürsten Karl Theodor erhielt er von dem Thronfolger Maximilian Joseph von Zweybrücken wieder den Auftrag, die Kunstsammlungen und übrigen Schätze des Hofes zu verpacken, und nach dem benachbarten Fürs­tenthume Ansbach zu flüchten.

Durch das im Jahre 1805 erfolgte Ableben seines innigst geliebten Vaters Wolf­gang tief niedergebeugt, konnte er nur durch eine Reise nach Italien, die er mit sei­nem jüngsten Bruder, Cantius, ebenfalls Maler, unternahm, wieder ein neues Aufle­ben finden; dort von neuem belebt, eilte er 1806 nach Paris, um das aus allen Län­dem aufgehäufte Museum zu studiren; er genoß die hohe Gnade, mit dem eben anwesenden Kronprinzen von Bayern alle Kunstsammlungen zu besuchen; in der Folge auch Allerhöchstdenselben nach der Schweiz, dem mittäglichen Frankreich und nach Spanien zu begleiten und für das Reisejournal Allerhöchstdesselben ein Pottefeuille, Handzeichnungen nach den schönsten Gegenden aufgenommen, an­zufertigen.

Im Jahre 1808 wurde er vom König Maximilian nach Italien zum Ankauf einiger Kunstwerke abgeschickt, wo es ihm gelang, das bekannte Gemälde: Raphaels Bild­niß, aus dem Pallast Altoviti, anzukaufen.

In eben diesem Jahre erhielt er das Ritterkreuz des Civil-Verdienst-Ordens der bayerischen Krone. Drei Jahre hierauf besorgte er für Se. Königl. Hoheit den Kron­prinzen den Ankauf der in dem Pallast Bevilaqua zu Verona befindlichen, jetzt in der Glyptothek aufgestellten plastischen Kunstwerke, und den Transport derselben nach München. In dem darauf folgenden Jahre wurde er abermals nach Rom abge­schickt, um einen zweiten noch viel beträchtlichern Transport der in Rom zur obi­gen Bestimmung angekauften antiken Statuen zu bewerkstelligen.

Im Jahre 1815 wurde demselben die Reklamation der von der französischen Armee aus Bayern nach Paris abgeführten Gemälde, und zugleich der Ankauf mehrerer zur selben Zeit in Paris verkäuflichen klassischen Gemälde übertragen.

Höchst erfreulich war es für ihn, im Jahre 1816 die von ihm in Paris für den päbstli­chen Stuhl auf Ansuchen des Marchese Canova verpackten kostbaren Gemälde im Vatikan wohl erhalten aufgestellt wieder zu erblicken; und im Jahre 1817 auf 1818 diesen hohen Genuß abermals zu erneuern, als ihm die allerhöchste Gnade wurde, Sr. Königl. Hoheit den Kronprinzen auf der Reise nach Sizilien begleiten, und für Al­lerhöchstdenselben Zeichnungen nach den griechischen Ueberresten auf der male­rischen Insel verfertigen zu dürfen.

Auf das im Jahre 1822 den 2. Jänner erfolgte Ableben des Central-Galleriedirek­tors v. Mannlich haben Seine Majestät der König Maximilian die erledigte Direk­tors-Stelle dem bisherigen Gallerie-Inspektor v. Dillis übertragen.

Diese höchst merkwürdige Verwaltung über sämmtliche Kunstsammlungen wurde durch Anfertigung der nöthigen Inventarien begründet; ein neuer Katalog über die im Hofgarten ausgestellte Gemälde-Sammlung, zum erleichterten Besuch der Fremden, angefertiget, zum Behuf eines neuen Pinakothekbaues eine Auswahl der vorzüglichsten Gemälde aus sämmtlichen Sammlungen im Königreiche getroffen, und die Postulate zu einem solchen Bau entworfen.

In der Stadt Nürnberg, als der Wiege der Kunst in Deutschland, mangelte es an klassischen Belegen dieser Schule. Se. Maj. der König Ludwig hatten beschlossen, in des alten, im gothischm Styl erbauten Moritzkapelle einen Bildersaal herstellen zu lassen, worin nur allein Gemälde aus der altober- und niederdeutschen Schule vom 15ten und 16en Jahrhundert ausgestellt, und aus Seiner Privatsammluag ab­gegeben werden sollten.

Diesen Allerhöchsten Auftrag hat v. Dillis zur Allerhöchsten Zufriedenheit und zur Freude der Nürnberger im Jahre 1829 ausgeführt.

Im Jahre 1830 genoß derselbe das große Glück, Se. Majestät den König nach den Bädern in Ischia begleiten, und den wohlthätigen Einfluß des für die Gesundheit so heilsam einwirkenden Himmelsstriches mit genießen zu dürfen. Im Jahre 1832 zum zweitenmal durch diesen wiederholten Genuß gestärkt, sieht derselbe der für ihn so wichtigen Einrichtung der Gemäldesammlung in der neu erbauten Pinakothek entgegen, hofft sie noch in seinem hohm Alter nach einer bereits entworfenen Eint­heilung ausführen, und die auf vielen Reisen erworbenen Früchte seines unermüde­ten Strebens nachweisen zu können.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


13-02-22/23 (Dillis)