Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_1508

Neher, Fr. Michael, Maler, geb. zu München am 31. März 1798. Sein Vater, Joseph Neher, ebenfalls Maler und Bürger in München, wollte durchaus nicht, daß sich der Sohn der Kunst widmen sollte, indem damals die Aussichten für einen Künstler kei­neswegs günstig waren; er ließ ihm jedoch neben der lateinischen Schule den Un­terricht des Professors Mitterer zu Theil werden, und die Anfangsgründe im Zeich­nen als Nebensache betreiben. Da der Knabe neben seiner Freude zur Kunst auch sehr viele Anlage verrieth, ließ ihn der Vater endlich die Akademie der bilden-den Künste in München besuchen. Nach zwei Jahren wurden abwechlungsweise seine Lehrer: der durch seine klassische Farbenlehre berühmte Mathias Klotz, Angelo und Dominik Quaglio und Joseph Klotz.

Jedes Fach der bildenden Kunst hatte ihn mächtig angesprochen, jedes wollte er treiben, und jedem widmete er eine Zeitlang alle seine Kräfte. Es war ein steter Kampf in ihm, und nur ein Ungefähr gab seinem Geiste eine bestimmte Richtung. Nachdem er das Historien-, das Landschafts- und das Architekturfach nacheinander mit Eifer und Anstrengung getrieben hatte, versuchte er sich auch im Porträt, um, wenn er die von ihm längst beabsichtigte Reise nach Italien machen würde, sich ei­nen sicheren Erwerbszweig zu verschaffen. Einige glückliche Versuche verwirklich­ten auch bald, was er längst nur als stillen Wunsch in sich genährt hatte. Ein Freund versah ihn mit Empfehlungen nach Trient, er erhielt dort bedeutende Aufträge zu einträglichen Arbeiten, und somit wieder weitere Empfehlungen; endlich war er so glücklich, Rom selbst auf längere Zeit zu seinem Aufenthalts- und Studienorte wäh­len zu können. Während den sechs Jahren, die er in Italien und besonders in Rom und Neapel zubrachte, studirte er fleißig, und bildete sich auch noch mehr für das Genrefach aus, das er nach dem einstimmigen Urtheile der damaligen berühmtes­ten Künstler, in Rom wieder in Aufnahme gebracht hat.

Im Jahre 1826 kehrte er aus Italien zurück, und seine mitgebrachten Federzeichnungen sowohl als seine Studien betrachteten seine Freunde und andere Kunstverwandte mit Vergnügen.

Schon während seines Kunstlebens in Rom hatte er Bilder zur Ausstellung nach München gesendet, die beifällig beurtheilt wurden. Er malte nach seiner Zurückkunft Bilder, welche nach London, Berlin, Dresden und Stuttgart bestimmt waren. Der Kunstverein in München wählte ihn zu seinem Conservator, welche Stelle er bis zum Jahre 1822 versah, wo er aber seine Entlassung suchte, weil ihm dieses Amt doch auch viele Zeit, welche er der Kunst widmen sollte, verlieren machte. Die während dieser Epoche gelieferten Oelgemälde stellen meistens italienische Trachten, Markt- und andere öffentliche Plätze mit Figuren und architektonische Ansichten vor.

Gegenwärtig ist er in dem Bergschlosse Hohenschwangau damit beschäftigt, meh­rere historische Bilder in Auftrag Sr. Königlichen Hoheit des Kronprinzen von Bay­ern im größeren Maßstabe auszuführen. Er ist ein glücklicher Familienvater und ge­ehrt von seinen Freunden und Bekannten.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


05-01-19 (Neher)