Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_1348

Stuntz, Joseph Hartmann, k. b. Hofkapellmeister, geb. i. J. 1792 den 23. Juli bei Arlesheim in der Schweiz, erhielt seine erste Bildung in Strasburg, und zwar meis­tens durch seinen Vater, J. Stuntz, der, ehedem ein vorzüglicher Landschaftsmaler und trefflicher Musiker, gegenwärtig noch im hohen Alter in München lebt.

Der junge Hartmann zeigte ebenfalls große Anlagen für die zeichnenden Künste, doch war sein musikalisches Talent noch überwiegender und bald widmete er sich fast ausschließlich der Musik, in welcher er auch in Kurzem so glückliche Fortschrit­te machte, daß, als die Familie im Jahre 1808 wegen politischer Verhältnisse von Straßburg nach München zog, der allerhöchstselige König Maximilian die Gnade hatte, den jungen Hartmann sogleich als Accessisten in der königl. Hofkapelle, und zwar zur Violine, aufzunehmen. Als sich aber zeigte, daß er besonders für die Kom­position ausgesprochene Anlagen besitze, so wurde er nach dem allergnädigsten Willen Sr. königl. Majestät dem damaligen hochberühmten Hofkapellmeister Ritter Peter v. Winter zum Unterrichte übergeben. Im Jahre 1813 begab er sich hierauf mit königlicher allergnädigster Unterstützung nach Wien, um sich hier unter Lei­tung des unsterblichen Salieri noch weiter auszubilden.

Die damaligen politischen Verhältnisse nöthigten ihn jedoch, noch im nämlichen Jahre Wien wieder zu verlassen, und erst im Jahre 1815 wurde es ihm möglich, den Unterricht bei Salieri, und zwar bis zum Jahre 1816 fortzugenießen. Nachdem in eben diesem Jahre in München die italienische Hofoper gegründet worden war, wurde er im nächstfolgenden Jahre derselben provisorisch als Maestro beigege­ben.

Im Jahre 1818 verehlichte er sich mit Fräulein Marie Apenburg von Schaden, die ebenfalls durch eine hohe musikalische Bildung und eine klangvolle Stimme sich auszeichnet, niemals aber öffentlich, sondern immer nur in Privatzirkeln sich hören läßt. In demselben Jahre begab sich Stuntz mit allerhöchstem Urlaub nach Italien, und erhielt im Jahre 1819 von der Direktion des Theaters alla Scala in Mailand den Auftrag, eine Oper zu schreiben. Demnach entstand die Oper La Rapressaglia, wel­che mit solchem Beifall aufgenommen wurde, daß sie sechzigmal hintereinander aufgeführt ward, und Stuntz den Titel eines Maestro di cartello erhielt. Zu gleicher Zeit schrieb er aus Auftrag des Casino dei nobile eine brillante Cantate zu Ehren der Ankunft Sr. Maj. des Kaisers von Oestereich. Eben so wurde er im Jahre 1820 nach Venedig berufen, wo er die Oper Costantino für das Theater alla fenice mit allgemeinem Beifall komponirte, alsdann besuchte er in demselben Jahre sein Va­terland, und schrieb bei dieser Gelegenheit für die königl. Hofbühne unter der da­maligen Intendanz des Herrn v. Stich die von J. Sendtner verfaßte Oper: »Charlot oder die Milchbrüder,« nach der Komödie gleichen Namens, von Voltaire, bearbei­tet. Darauf folgte Stuntz einem Ruf nach Turin, wo er im Karneval 1821/22 die Oper Dalmiro ed Argene für das große Hoftheater schrieb.

Seine Mailänder Freunde beriefen ihn nochmals von Turin aus zu sich, und er be­kam den Auftrag in der nächsten primavera die komische Oper Elvira et Lucindo zu schreiben.

Einer um diese Zeit an ihn ergangenen Aufforderung in Rom, ebenfalls eine Oper für das dortige Theater Argentina zu schreiben, konnte er Krankheitshalber nicht entsprechen. Nach seiner Rückkehr aus Italien i. J. 1823 wurden ihm die Stellen als Kapellmeister, und ein Jahr darauf noch als Direktor der königl. Hofoper übertra­gen, welche letztere er bei Gelegenheit der Jubelfeier Sr. Majestät des hochstseli­gen Königs Maximilian begann, wozu er die Musik des Festspieles theils komponir­te und arrangirte; im Jahre 1825 aber, nach Winters Tode, wurde St. von Sr. Maj. dem Könige Ludwig zum ersten Kapellmeister ernannt.

Seit dieser Zeit war er fortwährend mit der Komposition theils von Messen und Psalmen, im strengen so wie im ungebundenen Style, theils von Chören, Cantaten und Ouverturen, theils Instrumentalstücken und einzelnen Arien etc. beschäftigt. In eben diese Zeit fällt auch die Bearbeitung der Oper: »Das Donauweibchen;« ferner die im Jahre 1827 zur Aufführung gebrachte Todtenfeier der Klara Vespermann, wozu Hr. v. Schenk den Text geliefert hat, eben so die Cantate zur Eröffnung der hiesigen Münchner Synagoge im Jahre 1826.

Eine seiner letzten Arbeiten schrieb er unter Beirath des berühmten Philologen Franz, nämlich die in altgriechischer Weise ausgeführte erste olympische Ode des Pindars, welche zur Feier des Namenstages Sr. Majestät des Königs Otto von Grie­chenland in der Gesellschaft des Frohsinns den 15. November 1832 aufgeführt worden ist, jedoch späterhin mit Begleitung der Harmonie und Chor vervollstän­digt wurde.

Auch hat Stuntz nicht nur mit Thätigkeit die Gesellschaft des im Jahre 1828 vom Hofsänger Löhle, Professor Zimmermann und Ministerialrath Morigotti gegründe­ten Liederkranzes bis jetzt als Direktor geleitet, sondern auch für denselben mehre­re herrliche Tonwerke gesetzt, unter denen wir hier nur das »Sonett auf meine Frau,« und den »Schützenmarsch,« beide gedichtet von König Ludwig, aufzeichnen wollen.

Ohngeachtet seiner vielseitigen Beschäftigungen, die ihm seine Dienstgeschäfte, in der Direktion der königlichen Hofkapelle, der Hofkonzerte, des Theaters, der musi­kalischen Akademie, so wie sonst anderer öffentlicher Produktionen jeder Art auf­erlegen, fuhr Stuntz dennoch immer fort, neben diesen zeitraubenden Geschäften Kompositionen verschiedener Gattung zu setzen, wovon hier die namhaftesten auf­gezeichnet sind.

Für das Kirchenfach und insbesondere für die königliche Hofkapelle:
3 Missae Solemnes, mit Orchester-Begleitung;
4 Missae a Capella 4 stimmig im strengen Styl;
30 und darüber Motetten, Gradualien, Offertorien im sowohl strengen als freyen Styl;
1 Stabat Mater, im Jahre 1816.
1 Litanei, 1830.
1 Te Deum zu der Vermählung Ihrer königl. Hoheit der Prinzesssin Elisabetha von Bayern mit Sr. königl. Hoheit dem Kronprinzen von Preußen, den 16. Nov. 1823;
1 Hymnus, vierstimmig mit Begleitung des Aeolodicon zur heiligen Firmungsfeier Sr. königl. Hoheit des Prinzen Otto von Bayern, Königs von Griechenland, 12. Juli 1831.

Für die protestantische Hofkirche:
1 Lobgesang an die Gottheit zur Geburtsfeier Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Bayern im Jahre 1811.
1 Cantate zur Reformationsfeier im Jahre 1817.
2 Psalmen.
3 hebräische Hymnen.

Die vorzüglichsten Opern sind oben genannt.

Verschiedene theatralische Bearbeitungen, als: Chöre, Märsche oder Lieder in Trau­erspielen oder melodramatische Scenen, so wie das Festspiel: »Ahnen und Enkel,« gedichtet von Hrn. v. Schenk zur Vermählungsfeier Ihrer Königl. Hoh. Prinzessin Mathilde von Bayern mit Sr. Hoh. dem Prinzen Ludwig von Hessen-Darmstadt im Jahre 1832, Ouverturen, wovon 2 im Stich erschienen; ferners: eine Fest-Ouverture zur Wiedereröffnung des vorher abgebrannten Hoftheaters im Jahre 1825, und im Jahre 1832 das orientalische Ballet Alasnam und Balsora und anderes mehr.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


14-01-50 (Stuntz)