Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_1337

Stieler, Joseph, geb. in Mainz 1781 am 1. November. Sein Vater war Münzgraveur in churfürstlichen Diensten. Joseph lernte bei dem Vater das Zeichnen, verlor den­selben aber im 7ten Jahre, erlernte ohne Meister das Miniaturmalen, womit er schon im 12ten Jahre sein Brod verdiente. Unter der großen Zahl seiner Miniatur-Bildnisse waren auch die des Kurfürsten von Mainz, Erthal, und dessen Nachfolger, Fürstbischofs von Dahlberg. St. verdiente sich hiebei so viel, daß er aus eigenen Mitteln 1798 nach Würzburg reisen konnte, um bei Maler Fesel, welcher ein Schüler von Mengs war, die Oelmalerei zu erlernen.

1800 begab sich St. nach Wien, um an der dortigen Akademie unter der Leitung des Direktors Fuger zu studiren. Um sich Mittel zu seinem ferneren Studium zu ver­schaffen, machte er 1805 eine Reise nach Polen, wo er in Warschau und Krakau eine große Anzahl Bildnisse verfertigte, so daß er 1806 seinen Zweck erfüllt sah, und seinen Plan, nach Paris zu reisen, ausführen konnte; er studirte dort unter der Leitung Gerards, kopirte viel im Museum Napoleon, malte Bildnisse und ein Altar­gemälde für den Großherzog von Frankfurt, welches den heil. Karl vorstellt, und sich in Aschaffenburg befindet. 1808 reiste er nach Frankfurt, um sein Erlerntes als Porträtmaler auszuüben; er verdiente sich hierbei so viel, daß er im Jahre 1810 eine Reise nach Italien unternehmen konnte, wo er in Mailand den damaligen Hof des Prinzen Eugen malen mußte, und erst 1811 in Rom ankam.

Der Großherzog von Frankfurt trug ihm ein zweites Altargemälde auf, welches er dort malte; es stellt den heil. Leonard vor, wie ihn ein Engel aus dem Kerker befreit, und befindet sich in der Leonards-Kirche in Frankfurt. Eines von denen in Mailand gemalten Bildern wurde Sr. Maj. dem Könige von Bayern geschickt, worauf dersel­be Stielern 1812, nach München berief, um die königliche Familie in ganzen Figu­ren zu malen. Der Prinz Karl trug ihm sein Bildniß zu Pferd auf. Im Jahre 1816 schickte ihn der König nach Wien, um für ihn das Bildniß des Kaisers Franz und der Kaiserin zu malen; er wurde dort so vielfältig beschäftigt, daß er erst im Jahre 1820 auf den Wunsch Sr. Majestät des Königs wieder nach München zurückkehren konn­te, um das Bildniß Sr. Maj. abermals in ganzer Figur im Krönungs-Ornate für die Gallerie zu malen, bei welcher Gelegenheit ihn König Maximilian zum Hofmaler er­nannte. Stieler malte in dieser Zeit auch die ganze fürstlich Leuchtenbergische Fa­milie in ganzen Figuren; ferner die Kaiserin von Rußland, den Kronprinz Oskar von Schweden und viele andere fürstliche Personen.

Im Jahre 1822 erhielt Stieler einen Ruf an den Hof von Würtemberg, um die königli­che Familie in ganzen Figuren zu malen. Im Jahre 1826 malte er II. MM. Königs Ludwig und der Königin Therese Bildnisse, im Ornate und ganzer Figur; ferner die Königin Friederike von Schweden. Im Jahre 1828 schickte ihn sein König nach Wei­mar, um das Bildniß Göthes zu verfertigen; St. verband hiemit eine Reise nach Ber­lin und Dresden, um die dortigen Künstler und Kunstschätze kennen zu lernen; fer­ner machte er im Auftrage seines Königs eine Reise nach Florenz und Perugia.

Im Jahre 1830 berief ihn Fürst Thurn und Taxis nach Regensburg, um seine Familie zu malen. Im Jahre 1832 ging er auf Auftrag nach Wien, wo er abermals mehrere Bildnisse von fürstlichen Personen verfertigte, namentlich jene der Erzherzogin von Oesterreich, Sophie, mit ihrem Prinzen, und des Prinzen Gustav Wasa in ganzer Fi­gur. Die vielen Porträts-Beschäftigungen erlaubten Stielern nicht, mehr als außer den oben benannten noch folgende historische Gemälde auszuführen:
Ein schlafendes Kind, dem sich eine Schlange nähert, sein schützender Engel be­wahrt es vor der Gefahr (wurde von der Stadt Mainz angekauft).
Zwei betende Kinder bei dem Grabe ihrer Mutter.
Der Fischer nach Göthe, noch nicht ganz vollendet. Alle diese Bilder sind in Le­bensgröße.

Zwei große Bilder mit ganzen Figuren, das eine den Herzog Max mit seiner Ge­mahlin, das andere die Prinzessin Sophie und Marie darstellend, befinden sich in Biederstein.
Stieler erhielt auch von Sr. Maj. dem Könige Ludwig den Auftrag, eine Sammlung von den schönsten Frauenköpfen zu malen, von welchen auch bereits 16 verfertigt sind.

Stieler ist Mitglied der Akademie von München, Berlin, Perugia und Wien, und Eh­renmitglied mehrerer Kunstvereine.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


ML-248/249 (Stieler)