Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_1237

Schlichtegroll, Antonin v., königl. bayer. Oberbaurath, Konservator der allgem. po­lytechn. Sammlung, Ritter des großherzogl. sächs. Falkenordens, (ältester Sohn des königl. bayer. Direktors und Generalsekretärs der Akademie der Wissenschaften, Friedr. v. Schlichtegroll, welcher früher Direktor des herzogl. Münzkabinets in Go­tha war) wurde geboren am 3. Mai 1793 zu Gotha in Thüringen, erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung auf dem Gymnasium in Gotha, und seit 1808 auf dem Ly­ceum in München, besuchte hierauf die Akademie in Genf, und die Landes-Univer­sität in Landshut.

Im Jahre 1813 wurde er unter der Generaldirektion des königl. geheimen Rathes von Wiebeking als Praktikant für das Straßen-, Brücken- und Wasserbauwesen auf­genommen, trat in demselben Jahre als Offizier in das neuerrichtete königl. bayer. Pontonierkorps; machte den Feldzug gegen Frankreich in den Jahren 1813 und 1814 mit; unternahm, nach ehrenvoll erhaltenem Abschiede vom Militär, im Jahre 1815 in Gesellschaft des für den Staatsdienst und die Wissenschaft zu früh verstor­benen königl. Regierungsrathes, Karl von Wiebeking, mit dem er durch Bande der Freundschaft und Verwandtschaft eng verbunden war, eine bauwissenschaftliche Reise durch Holland, Frankreich und England; in welch’ letzterem Lande er sich un­ter besonders günstigen Verhältnissen 4 Jahre aufhielt, sich des Umgangs mit den ausgezeichnetsten Ingenieuren und Gelehrten seines Faches erfreute, und durch eine temporäre Verwendung und Beschäftigung am brittischen Museum Gelegen­heit erhielt, wissenschaftliche Forschungen und Arbeiten verschiedener Art zu un­ternehmen, so wie die großen damals in der Ausführung begriffenen Werke der In­genieur- und Baukunst in den verschiedenen Theilen Englands und Schottlands ge­nau zu beobachten und zu verfolgen.

Am 12. Januar 1816 wurde er als Kreisgenieur bei der Regierung des Isarkreises an­gestellt, im Jahre 1818 zum Oberingenieur des neuerrichteten Ministerialbaubu­reaus befördert, und im Jahre 1819 zum Beisitzer dieser Stelle ernannt. Im Jahre 1822 wurde er zum königl. Regierungs- und Baurath bei dieser Centralbehörde, mit Beibehaltung der Funktionen des Oberingenieurs, befördert, in welcher Stelle er auch bei der im Jahre 1826 organisirten Ministerial-Bausektion bestätiget wurde; am 5. Oktober 1821 erfolgte seine Ernennung zum Oberbaurath bei der obersten Baubehörde im königl. Staatsministerium des Innern.

Sch. ist Mitglied der Société d’Encouragement pour l’Industrie nationale in Paris, der Society of Civil Engeneers in London, und der Mineralogischen Societät in Jena. An dem polytechnischen Verein für Bayern und den ersten von demselben veranstalteten Industrie-Ausstellungen nahm er, als Sekretär dieses von seinem Va­ter mitgestifteten Vereins, mehrere Jahre sehr thätigen Antheil. Seit dem Jahre 1825 ist ihm die Funktion des Conservators der allgemeinen polytechnischen Sammlung anvertraut, und bei der ersten Errichtung einer polytechnischen Central­schule in Bayern hatte er bis zum Jahre 1831 die Administrations- und Korrespon­denzgeschäfte derselben zu besorgen.

Zahlreiche Aufsätze und Abhandlungen über technische Gegenstände, interessante Bauwerke und dergleichen, erschienen von ihm in verschiedenen Zeitschriften und Journalen, namentlich in Zschokke’s Ueberlieferungen, in dem Kunst- und Gewerb­blatt für Bayern, den Beilagen zur allgemeinen Zeitung und im Morgenblatte; hier­unter befinden sich: die Beschreibung des Meerdammes oder Breakwater, auf der Rhede von Plymouth, nach des Ingenieur Rennie Entwurf 1816. Baugeschichte der eisernen Southwarkbrücke über die Themse in London, 1817. Beschreibung und Baugeschichte des auf dem Bell-Rock errichteten Leuchtthurmes an der nordwestli­chen Küste von Schottland, 1817. Beschreibung des Caledonischen Kanals in den Hochlanden Schottlands, 1818. Reise nach den fünf Häfen (Cinque Ports) an der südöstlichen Küste Englands, 1817. Biographische Notiz über den berühmten eng­lischen Ingenieur John Rennie und seine Werke, 1822 u. a. m.

Außerdem sind noch folgende literarische Arbeiten von ihm erschienen: Beitrag zur Geschichte und richtigen Beurtheilung der Eisenbahnen, mit einer lithographirten Abbildung. 8. München, 1819. Ueber den Nutzen der breitfelgigen Räder an Fracht- und anderem schweren Fuhrwerke, mit besonderer Rücksicht auf deren Ein­führung in Bayern und in Deutschland überhaupt, mit einer lithographirten Abbil­dung. 8. München, 1819. Uebersetzung von A. Senefelders Geschichte des Stein­drucks ins Englische, unter dem Titel: Complete Course of Lithography, containng clear and explicit instructions in all the different branches and manners of the art; to which is prefixed a History of Lithography from its origine to the present time; translated from the german, with a Preface, by Schlichtegroll. 4. London, 1819, mit 20 lithograph. Tafeln, welches Werk in England mit allgemeinem Beifall aufgenom­men wurde, und sehr zur Verbreitung dieser vaterländischen Kunst beitrug.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


MR-212/213 (Berling & Schlichtegroll)