Artistisches München im Jahre 1835 (1836) / t_1169

Quaglio, Lorenz, Sohn des kgl. bayer. Hoftheater-Architekten Joseph Quaglio; ge­boren im Jahre 1794 zu München. Sein Vater und sein Bruder Angelo waren seine ersten Lehrmeister in der Architektur. Da der kunstsinnige Jüngling das Architek­turfach seinem jugendlichen Drange wenig zusagend fand, und es darin dennoch so weit gebracht hatte, daß seine Lehrer mit ihm zufrieden waren; so ließ man ihn die Akademie der bildenden Künste besuchen und sich hier seiner Neigung gemäß auf das Figurenzeichnen verlegen. Er studirte nach den Antiken und nach der Na­tur; der Genius der bildenden Kunst beschäftigte sein ganzes Wesen. So wie er die technischen und praktischen Bedingungen der Malerei erfüllt und die Räthsel ihrer Erscheinungen gelöst hatte, ergriff er mit Liebe das Genrefach, welches ihn durch seine Mannigfaltigkeit und seine Wärme Tag und Nacht beschäftigte.

Durch seine Reisen in die bayerischen Hochlande fand sein stiller, durchdringender und festhaltender Beobachtungsblick in den gemüthlichen Zirkeln des Gebirgsle­bens bald reichlichen Stoff zu den gelungensten Bildern. Die alterthümlichen Ge­mächer, Tische, Heiligen-Bilder, Oefen u. s. w., überhaupt das Stillleben jener Ge­birgsbewohner, ihre Kleidungen, Spiele, Trinkgelage und Lebensweisen stellte er immer mit jener Wahrheit dar, die den Beschauer in den Kreis guter und fröhlicher Menschen versetzt, unter denen jeder Reisende immer gerne gelebt hat, und die in Jedem, der sie noch nicht in der Wirklichkeit sah, den Wunsch erzeugt, diese Men­schen auch von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Der höchstselige König Maximilian, ein Kenner und Beschützer der Künste, erkannte dieses Talent, erkaufte mehrere Bilder, wovon einige im Schlosse Tegernsee aufgestellt sind, und bethätig­te seinen Beifall mit des Künstlers Leistungen durch eine lebenslängliche Pension. Viele Arbeiten des L. Quaglio wurden theils auf auswärtigen Kunstausstellungen, oder auch auf eigene Bestellungen im Auslande erkauft.

Als besonders gelungen nennen wir: ein Scheibenschießen, jetzt im Besitze Sr. churfürstl. Durchlaucht von Hessenkassel; einige Gebirgsbauern-Hochzeiten und Wirthsstuben, dann die Darstellung des Münchner Fischmarktes, im Besitze Sr. kö­nigl. Hoheit des Kronprinzen von Preußen; und die Brautwerbung in einer Münch­ner Bürger-Familie, ebenfalls nach Berlin verkauft und von Kennern gepriesen. Au­ßer diesen befinden sich mehrere Bilder von ihm in den Sammlungen Sr. königl. Ho­heit des Kronprinzen von Bayern und anderer kunstliebender Privaten. Ferner mal­te L. Quaglio auch Szenen aus dem Mittelalter mit deutschem Fleiße und mit vieler Wahrheit. Zu der in München erfundenen und großgezogenen Lithographie lieferte er einige sehr gute Blätter, wovon sich besonders die Almosenspende, nach seinem in der herzogl. von Leuchtenberg’schen Gallerie aufgestellten Gemälde, und meh­rere für das Galleriewerk: München und Schleißheim, gefertigte Blätter anerkannt auszeichnen. Gegenwärtig ist er bei Herstellung der Wandgemälde im Schloße Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Bayern in Hohenschwangau beschäftiget, wo er geschichtliche Darstellungen, theils nach eigenen Compositionen, theils nach vor­gegebenen Zeichnungen anderer Künstler enkaustisch ausführt.

Adolph von Schaden: Artistisches München im Jahre 1835 oder Verzeichniß gegenwärtig in Bayerns Hauptstadt lebender Architekten, Bildhauer, Tondichter, Maler, Kupferstecher, Lithographen, Me­chaniker etc. Aus den von ihm selbst entworfenen oder revidirten Artikeln zusammengestellt und als Seitenstück zum gelehrten München im Jahre 1834 herausgegeben durch Adolph von Schaden. München, 1836.


23-03-25 (Quaglio)