Alt-Münchner Theater-Erinnerungen (1924) / t_667

Anna Dandler und Elsa Brünner

Ich nenne sie zusammen, wenn sie auch verschiedenen Rollenfächern angehörten, als zwei hochbegabte Schwäbinnen, engste Landsmänninnen, beide in Stuttgart geboren und beide von frühester Jugend auf unverkennbar für die Bühne geschaf­fen.

Die Eine, Anna Dandler, ist im März 1864 als Tochter eines Chorführers am Stutt­garter Hoftheater geboren, der auch schauspielerisch wie gesanglich wirkte. Sän­gerin wollte und sollte die kleine Anna auch ursprünglich werden, als sie als Fünf­zehnjährige zum erstenmale die Bretter betrat. Da sah sie zufällig Clara Ziegler. Das bildhübsche Kind gefiel ihr, noch mehr, als es ihr ein paar Rollen vorsprach. Auf die Empfehlung der großen Tragödin machte sogar die Meininger Hofbühne der jun­gen Dandler sofort einen Engagementsantrag, den die Eltern jedoch nicht anneh­men zu können glaubten, weil sie ihr Kind nicht allein in die Fremde ziehen lassen wollten. Wohl aber zogen sie später mit ihm gern nach München, als die Ziegler auch Possart auf die talentvolle Schwäbin aufmerksam gemacht hatte und diese nach einem gelungenen Probesprechen fürs Münchner Hoftheater verpflichtet wor­den war. Trotzdem schon ihr Debut als Marketenderin in »Wallensteins Lager« im Oktober 1880 einen großen Erfolg bedeutete, kam sie doch noch lange nicht zu den ersehnten großen Rollen, die ihr erst ihr Kollege und Regisseur Keppler ver­schaffte. Nun durfte sie die Julia, Luise, Käthchen und Gretchen, noch lieber aber die unzähligen ersten Liebhaberinnen des modernen und Conversationsstückes spielen. Aus jener Zeit ist mir ihre Vasantasena in der gleichnamigen Bearbeitung des dem Könige Sudraka zugeschriebenen altindischen Schauspiels »Mricchatika« (Das irdene Wägelchen) durch Emil Pohl unvergeßlich geblieben. Dieses Stück, von dem unsere heutigen Bühnenleiter und Regisseure natürlich keine Ahnung mehr haben, wurde damals unzähligemale vor vollen Häusern gegeben mit der Dandler in der Hauptrolle als bildhübsche Vasantasena. Aber sie war nicht nur schön, son­dern auch überaus liebenswürdig und von entzückender Natürlichkeit, in dieser wie in allen ihren anderen Rollen. Auch heute gehört Anna Dandler noch dem Schau­spiel-Ensemble des Münchner Staatstheaters an, aber sie tritt nur mehr selten auf, in ernsten und heiteren Mütterrollen – auch heute noch eine sprechende Zeugin von der Glanzzeit des Münchner Hofschauspiels.

Alfred von Mensi-Klarbach: Alt-Münchner Theater-Erinnerungen; München 1924.


31-09-04 (Dandler)