Almanach des k. b. Hof- und National-Theaters (1.1.1872) / t_952

Fünfundzwanzigjähriges Jubiläum
des Herrn
August Kindermann,
Königl. Kammersängers und Opernregisseurs.

Im Monat Juni d. J. waren 25 Jahre verflossen, seit August Kindermann zum ersten Male als Gast in der Rolle des Grafen Almaviva in »Figaros Hochzeit« auf der Kö­nigl. Hofbühne erschien, welcher er von jenem Augenblicke an ohne Unterbre­chung angehörte. Mit großer Freude ergriff man allgemein die Gelegenheit, der Verehrung Ausdruck zu geben, die der Liebling des Publikums und die Zierde der Königl. Oper in so hohem Maße genießt und verdient, denn der in hohem Mannes­alter stehende Künstler erfreut sich nicht nur noch immer des herrlichsten Stimm-Materials, an welchem Zeit und Anstrengung spurlos vorübergegangen sind, seine Darstellungen tragen auch wie in seiner Jugend den Stempel der feurigen Begeis­terung, der Inspiration, der eigenthümlichen originalen Auffassung. Er ist ein Ge­sangsheros, wie es zur Zeit wenige gibt und das Verdienst seiner Ausbildung ge­hört ihm selbst, denn als Naturalist seine Laufbahn beginnend, ist er durch eigene scharfe Beobachtungs- und Beurtheilungsgabe und forschenden Fleiß ein großer Meister geworden.

Am 6. Februar 1817 als Sohn eines armen Webers zu Potsdam geboren, sollte er nach nothdürftig empfangenem Schulunterricht das Gewerbe seines Vaters erler­nen und fortführen, aber dem lebhaften Knaben sagte dies nicht zu. Ein günstiges Geschick führte seine Eltern im Jahre 1828 nach Berlin, woselbst sich seine Schwes­ter mit dem jetzigen Hofkapellmeister in Dresden, Dr. Julius Nietz, verehlichte. Ohne jeglichen Vorunterricht wurde er im Jahre 1836 in den Chor des Hoftheaters zu Berlin aufgenommen. Obwohl von dem Generalmusikdirektor Spontini, dem die große, wohllautende Stimme bald auffiel, in verschiedenen kleinen Rollen verwen­det, veranlaßte ihn doch der Wunsch nach bedeutenderer Beschäftigung im Jahre 1839 ein Engagement als zweiter Bassist am Leipziger Stadttheater anzunehmen, wo er in der Rolle des Orovist in »Norma« den ersten großartigen Triumph erlebte. Bald wurde er Albert Lortzings Freund, der für ihn den Hans Sachs schrieb.

Im Jahre 1846 wurde er als erster Baritonist für die Wiener Oper engagirt. Franz Lachner, der ihn noch in Leipzig vor seiner Abreise hörte, bewog ihn, seinen Weg nach Wien über München zu nehmen. Sein hier im Juni 1846 stattfindendes Gast­spiel als »Almaviva«, »Jäger«, »Tell« und »Belisar« war von solch’ großartigem Erfolg, daß König Ludwig I. den Wiener Contrakt durch Zahlung der stipulirten Conventionalstrafe löste und den Künstler lebenslänglich an München fesselte. Kin­dermann wußte sich in der Gunst des Publikums immer mehr zu befestigen und ist seit dieser Zeit der erklärte Liebling desselben geblieben.

Der 15. Juni d. J. war zur Feier der 25jährigen Wirksamkeit des großen Sängers auf der kgl. Hofbühne bestimmt. Von frühem Morgen bis spät Abends kamen in die Wohnung des Jubilars Kränze, Bouquets und Geschenke der mannigfaltigsten Art, so wie von auswärts eine Menge von Glückwunsch-Telegrammen. Am Abend war zur Aufführung »Figaro’s Hochzeit« von der Intendanz angesetzt und sollte die Festvorstellung dadurch einen besonderen Reiz erhalten, daß die Tochter des Jubi­lars, Marie, Hofopernsängerin in Cassel, mit dem Vater als »Cherubim« auftreten konnte.

In der festlich geschmückten Garderobe wurde dem Jubilar vor Beginn der Vorstel­lung eine kalligraphisch prachtvoll ausgestattete Adresse der Mitglieder der musi­kalischen Akademie überreicht. Bei seinem Erscheinen auf der Bühne, wie nach der ersten Arie wurde er mit Kränzen von den höchsten Persönlichkeiten, den Königl. Hoheiten Prinz Adalbert und Prinz Ludwig, sowie von Freunden und Collegen fast überschüttet. Die Ovationen steigerten sich bis zum Schlusse der Vorstellung.

Zu Hause angekommen, fand er eine Deputation von acht Herren und einer Dame anwesend. Nachdem der Theater-Männerchor das Mendelssohn’sche Quartett: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen« gesungen hatte, hielt Herr Regisseur Rich­ter eine herzliche Ansprache an den Jubilar und überreichte ihm im Namen des Personals einen silbernen Lorbeerkranz, auf dessen Blättern seine bedeutendsten Parthieen aufgezeichnet waren. – Frau Diez widmete der Gattin des Gefeierten in Anerkennung ihrer wesentlichen musikalischen Verdienste ein prachtvolles Riesen­bouquet. Hierauf sang der Theaterchor folgendes, von Hrn. E. Possart gedichtetes und von Herrn Hofkapellmeister Wüllner in Musik gesetztes Lied:

Heil dem Geschick, das Dich erhalten
Zu dieses Festtags Wiederkehr!
Heil Dir! den gottbegnadet Walten
Erkor zu deutschen Sanges Ehr!
Der Du, zu Preis und Ruhm
Dem deutsche« Künstlerthum,
Ein Menschenalter schaffend und versüßt:
Du deutscher Sänger, sei uns hochgegrüßt!

Wenn staunend Deinem Meistersange
Das Ohr voll hoher Wonne lauscht,
Wie er, in jugendlichem Drange,
So wundermächtig Dir entrauscht,
Dann jubelnd preisen wir
Als Festes Kron’ und Zier’:
Daß Du besiegt der Zeiten Allgewalt,
Und ewig jung Dein hohes Lied erschallt!

So lange Töne uns begeistern,
So lange noch ein letztes Lied
Von Sänger-Preis und Sanges-Meistern
Des deutschen Volkes Brust durchzieht,
Erklingt unsterblich fort
Als hohen Ruhmes Hort:
Das Lied von Deiner Sangesfreudigkeit,
Ein tönend Denkmal durch die fernste Zeit!

Herr Possart schloß die Feier mit einem dreimaligen Hoch auf den Jubilar.

Am 6. August dekorirte in Gegenwart des gesammten Personals der Intendant des Hoftheaters, Herr Baron von Perfall, Excellenz, im Namen Seiner Majestät den Jubi­lar mit dem Ritterkreuz des St. Michael-Ordens II. Klasse.

Unter den reichen Geschenken befand sich auch ein sehr originelles, welches von einer kleinen Gesellschaft von Kunstfreunden ausging. Umgeben von Eichenlaub sind die Worte und Noten aus Tannhäuser: »Gegrüßt sei uns, du kühner Sänger!« gezeichnet und in jedem Kopfe der Noten ist die Photographie eines Mitgliedes angebracht. Ebenso befinden sich in den Blättern des Eichenlaubs kleine Medail­lons mit den Porträts der übrigen, meist aus Herren des Orchesters bestehenden Mitglieder.

Möge es dem Jubilar, der bis jetzt beinahe 1800mal in 117 verschiedenen Rollen aufgetreten ist, vergönnt sein, noch viele Jahre durch seine herrlichen Leistungen das Publikum zu entzücken und seine Triumphe in ungeschwächter Kunstfülle fort­zusetzen.

Almanach des k. b. Hof- und National-Theaters auf das Jahr 1871. München, 1. Januar 1872.


08-08-46 (Kindermann)