Almanach der Königlichen Theater und des Volks-Theaters zu München für das Jahr 1872 (1873) / t_1516

Fünfzigjähriges Jubiläm
des Fräulein
Elise Seebach,
Königl. Bayerische Hof-Schauspielerin.

Selten wohl wurden einer Jubilarin so viele innige Beweise von Liebe und Vereh­rung dargebracht, als Elise Seebach, der trefflichen Künstlerin, der das Glück zu Theil wurde, ein fünfzigjähriges Kunst- und zugleich Dienst-Jubiläum zu feiern, denn fünfzig Jahre hatte die Künstlerin am Hoftheater zu München gewirkt. Es ist ein seltenes Fest; nur Wenigen ist vergönnt, es feiern zu können.

Elise Seebach ward am 17. April 1806 zu München geboren. Ihr Vater, Musikmeister beim Infanterie-Leibregimente, starb, als dieselbe kaum das neunte Jahr erreicht hatte. Verständniß für Musik, aber ohne genügende Ausbildung, war das Einzige, was das Mädchen aus dem elterlichen Hause mitbrachte. Dagegen hatte sich schon in dem Kinde ein mächtiger Hang zur Schauspielkunst gezeigt, und drang sie un­aufhörlich in die Mutter, bis ihr diese gestattete, auf dem damals bekannten Lieb­haber-Theater im Frohsinn ein paar Rollen zu spielen. Charlotte Birch-Pfeiffer sah sie bei dieser Gelegenheit und nahm sich sofort des talentvollen 15jährigen Mäd­chens an. Ihr geistvoller Unterricht ging rasch in das empfängliche Gemüth über, und so beschloß die Lehrerin, sie auf der Hofbühne einen Versuch machen zu las­sen. Doch manche Schwierigkeit stellte sich ihren Wünschen entgegen. Man erlaub­te ihr die selbstgewählte Rolle nicht, schickte ihr dagegen drei Tage vor der Auffüh­rung die Rolle der Aphanasia in Kotzebue’s »Graf Benjovsky«, und so betrat denn Elise Seebach am 18. August 1822 mit nur einer Probe zum ersten Male die Königl. Hofbühne. Ihre erste Leistung wurde mit großem Beifall vom Publikum belohnt. Das gab ihr den Muth, ihre Lehrerin auf einer Kunstreise nach Stuttgart, Kassel, Hannover, Hamburg und Berlin zu begleiten. An allen diesen Orten spielte sie mit Charlotte Birch-Pfeiffer, und überall ward ihr gleiche Anerkennung und Aufmunte­rung zu Theil.

Nach München zurückgekehrt, trat sie sofort in die Reihen der Mitglieder der Kgl. Hofbühne ein, und durfte sie noch mit Eßlair und Sophie Schröder in Phädra, Sap­pho und vielen anderen Stücken spielen. Einem Wunsche der Intendanz folgend, trat sie bald in das damals ganz verwaiste ältere komische Fach über, und wurde darin rasch der erklärte Liebling des Publikums, der sie bis heute blieb. Doch nicht nur selbst wirken als Künstlerin, auch heranbilden wollte sie Künstlerinnen, und deshalb stellte sie der Intendant v. Küstner gern als Lehrerin an. Manch talentvolles Mädchen verdankt ihr eine glückliche Laufbahn, unter denen die Namen Sophie Stehle und Mathilde Mallinger obenan stehen.

Der 18. August war für die Jubilarin, wie für alle dabei Betheiligten ein schönes Fest. Briefe, Geschenke, Telegramme, Blumen trafen von allen Seiten ein. Se. Kgl. Hoheit Herzog Max v. Bayern übersandte ihr Glückwünsche, der Kgl. Prinz Adal­bert v. Bayern durch seinen Adjutanten ein Bouquet und Glückwunsch. Mittags 12 Uhr war das gesammte Personal im großen Saale des Theaters versammelt. Se. Ex­cellenz der General-Intendant Baron v. Perfall in Gala-Uniform, von den Regisseu­ren und Beamten begleitet, begrüßte die Jubilarin. In feierlicher, ergreifender Rede schilderte er die Verdienste derselben und ernannte sie im Namen Sr. Majestät des Königs zum Ehrenmitglied der Kgl. Hofbühne. Zugleich heftete er ihr die goldene Medaille des Ludwig-Ordens für 50jährige treue Dienste an und betonte hiebei be­sonders, daß seit Gründung des Ordens außer der Jubilarin nur noch eine Dame damit ausgezeichnet wurde. Tief ergriffen dankte Frl. Seebach mit einfachen, herz­lichen Worten Sr. Majestät für diese Auszeichnung , aber auch ihrem Chef, dessen Fürsorge ihr diese Ehren erwirkt hatte. Alle Anwesenden waren sichtlich ergriffen, und wollten die Beglückwünschungen und Gratulationen nicht enden. Baron von Perfall hatte in seinem gastlichen Hause ein Diner veranstaltet, wozu die Jubilarin, wie auch die Regisseure des Schauspiels mit ihren Frauen geladen waren. Passende Toaste würzten das Mahl, und freudig und frohen Herzens, wie man gekommen, schied man von seinem Vorstande.

Der 19. August gab dem Publikum Gelegenheit, seinen Liebling auszuzeichnen. Ge­geben wurde: »Die alte Schachtel« und »Des Nächsten Hausfrau«, zwei Glanzrollen der Jubilarin. Das Haus war gedrängt voll, und als der Vorhang sich hob und die Künstlerin auftrat, wurde sie vom stürmischsten Jubel und nicht enden wollenden Blumenregen empfangen. Den ersten Kranz warf Se. Kgl. Hoheit Herzog Ludwig von Bayern, den zweiten Se. Excellenz Baron von Perfall, und viele, viele folgten. Se. Majestät der König, welcher der Vorstellung anwohnte, ließ der Jubilarin sein lebensgroßes Brustbild mit eigenhändiger Unterschrift, ein prachtvolles Armband und ein Rosenbouquet durch Baron von Perfall überreichen. Am Schluß der Vorstel­lung dankte die Jubilarin in einfachen, herzlichen Worten dem Publikum für die Theilnahme, die ihr dasselbe seit 50 Jahren geschenkt und die sich von den Eltern auf die Kinder vererbt hätte. Tiefgerührt verließ sie die Bühne und betrat ihre fest­lich geschmückte Garderobe, die einem herrlichen Blumengarten glich, denn alle Collegen und Colleginnen hatten reichliche Blumenspenden geschickt. Während­dem hatte sich das ganze Kunstpersonal, dem sich auch der Hr. General-Intendant Excellenz mit Familie angeschlossen, auf der Bühne in festlicher Kleidung versam­melt, auch das Volks-Theater hatte eine Deputation gesandt. Herr Regisseur Sigl führte die Jubilarin zurück in den feierlichen Kreis. Herr Regisseur Richter ergriff das Wort und sprach mit bewegter Stimme:

»Heute ist ein halbes Jahrhundert verflossen, seitdem Sie die hiesige Bühne zum ersten Male betraten. Sie blieben seit jenem Tage nicht nur der Kunst, sondern auch mit seltener Beständigkeit dem Königl. Hoftheater – Einem Theater 50 Jahre hindurch – treu, bekundeten stets in allen Ihren Leistungen künstlerisches Streben und Schaffen, Eifer und Ernst für die heilige Sache der Kunst, und erwarben und er­hielten sich dadurch die Liebe und Achtung des Publikums und Ihrer gesammten Collegen und Colleginnen. Empfangen Sie von dem Kunstpersonale des Kgl. Hof­theaters als ein Erinnerungszeichen an Ihren goldenen Jubeltag diese Kette und nehmen Sie dies Andenken sinnbildlich als Ausdruck unseres Wunsches: Sie an un­sern Kreis auch ferner gefesselt und Sie noch lange in voller Gesundheit und Laune auf der Kgl. Bühne mit der alten Lust wirken zu sehen.«

Ein prachtvolles Gedenkbuch mit Namensunterschrift aller Mitglieder, sowie auf ei­nem Sammetkissen eine schwere goldene Kette nebst Kreuz überreichend, schloß Herr Richter die Feier mit einem Lebehoch auf die Jubilarin, welche vor Thränen kaum Worte des Dankes finden konnte.

Möge sich die hochverdiente Künstlerin noch viele Jahre bei bester Gesundheit der Erinnerung dieses schönen Festes erfreuen.

Anton Hagen: Almanach der Königlichen Theater und des Volks-Theaters zu München für das Jahr 1872. München, 1873.


32-12-13 (Schimon & Seebach)