Allgemeines Theater-Lexikon (1839) / t_643

Clauer (Maria, geb. de Bruin), geb. 1816 zu München, wurde nach erlangter Ausbil­dung Lehrerin in München, doch von frühester Kindheit an regte sich eine mächtige Neigung zur dram. Kunst in dem jungen Mädchen und die großartigen Gebilde ei­ner Sophie Schröder machten einen solchen Eindruck auf sie, daß sie nur daran dachte, der Kunst sich zu weihen.

Mit dem angestrengtesten Eifer bereitete sie sich auf ihre neue Laufbahn vor, er­flehte vom Vater seine Einwilligung und betrat am 11. Sept. 1833 zum ersten Male die Bühne zu Regensburg in der Rolle der Hedwig in Körner’s Banditenbraut mit so glücklichem Erfolge, daß sie bald der Liebling des Regensburger Publikums wurde. Freiherr von Schenk wurde aufmerksam auf das emporkeimende Talent, unterstütz­te dasselbe mit seinem Rathe und unter seiner Leitung schwang sich Maria de Bruin bald zu Leistungen von höherem Kunstwerth hinauf.

Fast 2 Jahre blieb sie in Regensburg, ging dann (im Oct. 1835) auf einige Monate nach Coblenz und trat von da aus ein Engagement bei der vereinten Cöln-Aachner Bühne an, wo sie in Cöln als Clärchen in Egmont, Käthchen von Heilbronn und Grä­fin Olga mit ungetheiltem Beifall debutirte. 1836 folgte sie dem neuen Mitdirector des Hamburger Stadttheaters Mühling dorthin. Hier debutirte sie als Griseldis, Ma­ria Stuart und Olga, und hatte sich der günstigsten Aufnahme zu erfreuen. Mißhel­ligkeiten mit der Direction führten jedoch eine baldige Auflösung des Contracts herbei. Einer Einladung zufolge betrat sie später in Dobberan, dem Sommeraufent­halt des großherzogl. mecklenburg-schwerinschen Hoftheaters, die Bühne als Gri­seldis mit so glänzendem Erfolg, daß ein Engagement schon nach dieser ersten Rolle abgeschlossen wurde und seit dieser Zeit wirkt sie an dem dortigen Hofthea­ter zur allgemeinen Zufriedenheit des Hofes und des Publikums. Im Sept. l839 gastirte sie mit dem besten Erfolge an dem Hoftheater in Berlin.

Mad. C. ist von einnehmender Gesichtsbildung und hat ein lebhaftes sprechendes Auge. Ihr Talent befähigt sie vorzüglich zu tragischen Charakteren und ihre Leistun­gen als Maria Stuart, Griseldis, Kaiserin Catharina, Olga, Gretchen etc. sind treff­lich. Nicht minder Ausgezeichnetes leistet sie im Fach jugendlich-sentimentaler Schwärmerinnen, als Louise Miller, Clärchen, Käthchen, Lenore etc. etc. Im Lustspiel wirkt sie gleichfalls mit vielem Glück, und ihr Pariser Taugenichts, Catharina von Ro­sen, Frau von Uhlen etc. sind sehr achtbar, doch bleiben sie hinter den früher ge­nannten Rollen zurück.

Eine lebendige Phantasie und ein liebliches, jeder Nuance fähiges Organ sind au­ßerdem dieser liebenswürdigen und bescheidenen Künstlerin eigen. Vor Antritt des Hamburger Engagements verehelichte sie sich mit einem jungen Manne, Arthur Clauer, Rentier aus Aachen, und ist in ihrem Eheleben eben so glücklich, wie in ihrem Kunstleben. (A.)

Allgemeines Theater-Lexikon oder Encyklopädie alles Wissenswerthen für Bühnenkünstler, Dilettan­ten und Theaterfreunde. Altenburg und Leipzig, 1839.


ML-SP-1-27* (Clauer)