Allgemeine Zeitung (4.3.1911) / t_1015

Münchener Theater

Dem Fasching wurde auch in unserem Hoftheater der herkömmliche Tribut gezollt. Diesmal studierte man zu diesem Zwecke Martin Schleichs Volksschauspiel »Die letzte Hexe« ein. Das war sehr zu loben. Der alte Schleich sollte in München nicht vergessen werden. Seine vielfach an Nestroy erinnernde Komik ist zwar stark vieux jeu, aber der Erfolg hat gezeigt, daß es auch heute noch erfreulicherweise genug Menschen gibt, die sich an dieser harmlosen Komik erfreuen können. Unseres Erin­nerns ist im Fasching des Jahres 1892 »Die letzte Hexe« zum letztenmal neu einstu­diert worden. Der Erfolg ist sich immer gleich geblieben. Das Interessanteste an der diesmaligen Aufführung war für uns alte Münchener, daß unsere prächtige, nun bald 80 Jahre alte Rosa Lanzlott, die bei der Uraufführung des Stückes am 5. Fe­bruar 1856 die junge Titelrolle gespielt hatte und in der Zwischenzeit einmal zur Witwe Döpstlin heraufgerückt war, diesmal die alte Nani, die Magd der Frau Döpstlin, spielte: gut, klar und verständlich, wie es leider oft unsere jüngsten Schauspielerinnen nicht können. Die Ehren des Abends konzentrierten sich deshalb auch namentlich auf dieses ehrwürdige Ueberbleibsel aus einer gnadenvolleren, verschwundenen Münchener Theaterzeit. Ihr standen als treffliche Altmünchener zur Seite Frau Conrad-Ramlo als Frau Döpstlin, Fräulein Terwin als ihr verzogener Lausbub Xaverl, Frau Höfer in der Titelrolle, und die Herren Geis, Gura, Ulmer, Schröder und Hildebrand. Dialekt und Ton des Stückes trafen neben der Jubilarin wohl am besten Frau Ramlo, Fräulein Terwin und die Herren Geis und Gura. Ich glaube, man könnte es wagen, von Zeit zu Zeit auch einmal ein anderes der Schleichschen Stücke aufzuführen. Die richtige Stätte allerdings wäre dafür unser berufenstes Volkstheater, das Gärtnertheater.

Alfred Freiherr von Mensi: Allgemeine Zeitung Nummer 9. München. Samstag, 4. März 1911.


06-14-02 (Ast & Lanzlott)