Allgemeine Zeitung (29.11.1899) / t_1071

Feuilleton.

Der Klavierabend, den die k. k. Kammervirtuosin Frau Sophie Menter gestern im Museum veranstaltete, nahm einen triumphalen Verlauf. Die bewunderungswürdige Künstlerin spielte Beethovens Sonate op. 109 in L. Schumanns »Carnaval«, ein Scar­latti’sches Allegro, Etüden von Liszt, Rnbinstein und Chopin, Weber-Tausigs »Invita­tion à la Valse«, außer kleineren Stücken Trauermarsch und Finale aus der B-moll-Sonate von Chopin und die Tannhäuser-Ouvertüre von Wagner-Liszt.

Wenn wir hervorheben, daß Frau Menter die genannte Transskription an den Schluß ihres inhalt- und umfangreichen Programms gestellt hatte und daß sie die ungeheuerlichsten Hindernisse, die in diesem Satz bergehoch übereinanderget­hürmt sind, mit stählerner Elastizität und hinreißendem Feuer ohne das geringste Ermatten der geistigen und physischen Kräfte siegreich überwand, so haben wir damit die ganze Kritik gegeben. Was Frau Menter gestern nach jeder Seite des Kla­viervortrags hin leistete, steht in den Annalen unsres Konzertlebens einzig da. Eine solch absolute Herrschaft über die Muskeln in Verbindung mit so viel echt künstleri­schem Fühlen und echt weiblicher Mäßigung in der Lösung allerschwierigster Pro­bleme ist uns noch nicht begegnet. Die Konzertgeberin spielte die lange Reihe ihres Programms ohne nennenswerthe Unterbrechungen, aber sie hat uns so wenig ermüdet, wie sie selbst nicht müde geworden ist, von Nummer zu Nummer mit der gleichen Geistesfrische, ein Füllhorn packender Würfe und neuer, subtiler, wunder­bar belichteter Einzelzüge über uns auszuschütten. Was der geistvolle Aesthetiker Schubart einmal geschrieben hat, der mechanische Musiker schläfere ein, das musi­kalische Genie aber wecke und hebe himmelan, es habe Raum, auf seinen Cherubs­schwingen auch den Hörer emporzutragen, das trifft auf unsre Künstlerin in idealer Weise zu. Frau Menter ist ein musikalisches Genie und darum wirken ihre Darbie­tungen mit der faszinirenden Gewalt musikalischer Offenbarungen. Die klassische Schönheit ihres Vortrags im Detail zu erschöpfen, reichen Raum und Worte nicht aus. Das zahlreich erschienene distinguirte Publikum machte am Schluß der Tann­häuser-Ouvertüre seiner Begeisterung in enthusiastischen Ovationen Luft.

Allgemeine Zeitung Nr. 331. München, Mittwoch, 29. November 1899.


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