Allgemeine Zeitung (28.7.1852) / t_1245

München, 27 Jul. Ein großer und schwer zu ersetzender Verlust hat heute unsere Akademie und Universität betroffen. Diesen Morgen nach 9 Uhr verstarb, nach nur kurzer Erkrankung an einem Brechdurchfall, der ordentliche und öffentliche Profes­sor der altdeutschen Sprache und Litteratur und Unterbibliothekar der königl. Hof- und Staatsbibliothek, Dr. Johann Andreas Schmeller.

Dieser um Sprachforschung und Erläuterung alter Sprachdenkmale hochverdiente, und deßhalb weithin berühmte Gelehrte war geboren im Jahr 1785 zu Tirschen­reuth in der Oberpfalz, und erhielt seinen ersten wissenschaftlichen Unterricht am hiesigen Gymnasium und Lyceum. Ohne Mittel jedoch seine Studien fortsetzen zu können, faßte er, 18 Jahre alt, den Entschluß in die Welt zu gehen, und wandte sich deßhalb zuerst nach der Schweiz, wo damals der vortreffliche Pestalozzi seine neue Lehre mit allgemeiner Begeisterung begonnen hatte. Da er indeß auch hier nir­gends ein Unterkommen fand, ließ er sich bei einem Schweizerregiment im spani­schen Solde anwerben, und gelangte so im Jahr 1804 nach Tarragona und zwei Jahre später nach Madrid, wo er bei einer zunächst für Officierssöhne bestimmten und neu errichteten Probeschule nach Pestalozzi’s Grundsätzen als Lehrer eine An­stellung, und dadurch Gelegenheit fand seine früheren Ideen über Elementar-Un­terricht anzuwenden und zu erproben.

Als diese Anstalt aber bald nach dem Ausbruch der spanischen Revolution ihr Ende fand, verließ Schmeller mit seinem Collegen Studer Spanien und begab sich wie­derholt nach der Schweiz, wo er mit G. Hopf zusammen wieder eine Lehranstalt nach Pestalozzi’s System gründete, die er indeß erst mit dem denkwürdigen Jahr 1813 verließ, wo er als Freiwilliger in das bayerische Jägerbataillon des Iller- und Donaukreises eintrat. Nach Beendung der Befreiungskriege widmete er seine Stu­dien vorzugsweise der bayerischen und deutschen Volkssprache, und seine ausge­zeichneten schriftstellerischen Leistungen auf diesem Gebiete der Sprachforschung verschafften ihm im Jahr 1828 bei Verlegung der Universität von Landshut nach München die daselbst neu errichtete Professur der ältern deutschen Sprache und Litteratur, später die zweite Vorstandsstelle an der Staatsbibliothek, sowie seit dem Jahr 1824 einen Sitz in der bayerischen Akademie der Wissenschaften, deren erster Classensecretär er in letzter Zeit war. Außerdem war Schmeller in Folge seiner zahl­reichen philologischen und historischen Arbeiten Mitglied vieler gelehrter Gesell­schaften, und zählte auch zu den Rittern des bayerischen Verdienstordens vom heil. Michael.

Allgemeine Zeitung Nr. 210. Augsburg. Mittwoch, 28. Julius 1852.


02-07-40 (Schmeller)