Allgemeine Zeitung (28.1.1879) / t_541

Nekrologe Münchener Künstler.

II. Joh. Martin Bernatz.

»Es schadet nichts in einem Entenhofe geboren zu werden, wenn man nur in einem Schwanen-Ei gelegen hat.« Dieses im autobiographischen Hinblick auf eigene Er­lebnisse gebrauchte Wort des Märchen-Dichters Andersen kam uns wieder in Erin­nerung über dem vielverschlungenen Lebensgange des wackeren Bernatz. Sowohl Vasari als Karl v. Mander berichten allerlei Beispiele wie manch späterhin berühm­ter Name auf weiten Umwegen der Kunst zugeführt und endlich erst in die seiner Natur angemessenen Bahnen gelenkt wurde. Aber ein Schlotsteinfeger oder Ka­minkehrer war früher nicht aufzuweisen. Das blieb unserem Johann Martin Bernatz vorbehalten.

Derselbe wurde am 22 März 1802 zu Speyer geboren, wo sein Vater neben dieser Hantierung das Geschäft eines Maurermeisters betrieb. Martin und sein älterer Bruder Matthäus [Matthäus Bernatz, geboren 1800 zu Speyer, besuchte das Gym­nasium daselbst und die Polytechnische Schule zu Wien, trat als Bau-Ingenieur in den bayerischen Staatsdienst, leitete den Bau der Caserne zu Speyers, lebt als Oberbaurath a. D. zur Zeit noch in München. Ein Karl Bernatz baute die neue roma­nische Kirche zu Friedberg bei Augsburg. Vgl. Beil. 209 »Allg. Ztg.« 28 Juli 1878.], welche allein von elf Geschwistern übrig blieben, theilten sich in das väterliche Ge­schäft, so daß letzterer alsbald das Studium der Architektur begann, während der jüngere als Lehrling und Geselle die Rauchfänge kehrte, bis 1826 eine Lungenent­zündung eine andere Lebensbeschäftigung erheischte. Hatte er zwischendurch schon gründlichen Unterricht im Zeichnen erhalten, so besuchte er nun mit seinem Bruder die polytechnische Schule in Wien, versuchte dann unter Kellerhofen in Speyer die Oelmalerei und ging während seines zweiten Wiener Aufenthalts (1827-29) zur Architektur-Malerei über. Im August 1829 kam er nach München, von wo aus Bernatz das altbayerische Hochland, ebenso Niederbayern durchstreifte, wo­selbst er zu Straubing durch den Regierungspräsidenten v. Mulzer den Auftrag er­hielt verschiedene alte historisch merkwürdige Denkmale zu zeichnen, welche auch Sr. Maj. König Ludwig I vorgelegt wurden. Zahlreiche Oelgemälde und Aquarelle entstanden, welche, ausgezeichnet durch gewissenhafte Treue und Sorgfalt der Durchbildung, die Aufmerksamkeit unseres guten Hofraths G. H. v. Schubert erreg­ten, als dieser 1836 seine Orient-Reise rüstete und einen tüchtigen Zeichner als Be­gleiter suchte. So zog Bernatz als der Dritte im Bunde mit dem leider so früh vollendeten Dr. Erdl über Konstantinopel durch Kleinasien, Palästina und die Sinai-Halbinsel nach Aegypten, alle merkwürdigen Gegenden, Bauwerke und Ansichten mit seinem Stifte festhaltend. Eine Auswahl davon auf 40 Blättern gab Bernatz nach seiner Rückkehr unter dem Titel: »Bilder aus dem heiligen Lande, nach der Natur gezeichnet,« in Stuttgart 1839 (bei Steinkopf) heraus. In Folge davon kam eine Ein­ladung aus England sich mit Dr. Johann Roth einer nach Ostindien bestimmten Ex­pedition anzuschließen; als die Reisenden nach halbjähriger Seefahrt zu Neujahr 1841 in Calcutta eintrafen, legten sich unübersteigliche Hindernisse dazwischen; dagegen betheiligte ich Bernatz im Auftrag der englisch-indischen Regierung an ei­ner wissenschaftlichen Durchforschung Abessiniens.

Endlich nach mehr als dreijähriger Abwesenheit kehrte unser Zeichner zurück, wel­cher die Früchte seines Fleißes unter dem Titel: »Scenes in Aethiopia« (London 1852) in Steindruck von Peter Herwegen publicirte; eine deutsche Bearbeitung er­schien zu Hamburg 1855 (bei R. Besser) unter dem Titel: »Bilder aus Aethiopien. Nach der Natur gezeichnet und beschrieben von Joh. Martin Bernatz, Maler der letzten brittischen Gesandtschafts-Expedition nach Schoa in den Jahren 1841-43. Gewidmet – mit besonderer Erlaubniß – der Königin Victoria von England.« Das Prachtwerk zerfällt in zwei Abtheilungen: 1) Aden und das heiße vulcanische Tief­land des Danakil. 2) Das Hochland von Süd-Abessinien und Schoa [Vgl. Beil. 314 »Allg. Ztg.« 1852 und Beil. 43 ebendaselbst 1855]. Eine kostbare Sammlung der merkwürdigsten Skizzen zur Länder- und Völkerkunde malte Bernatz in Oel für das Album Sr. Maj. König Friedrich Wilhelms IV.

Von da an galt Bernatz gleich einer wissenschaftlichen Autorität. Humlboldt, Schu­bert, Barth und Petermann erwiesen ihm Beifall, Anerkennung und Hochachtung; sein Lob verkündete Karl Ritter und Dr. G. Parthey in Berlin (Vortrag in der Sitzung des Geographischen Vereins vom 15 December 1852). Kein Reisewerk erschien ohne wenigstens mit einigen Illustrationen von seiner Hand geschmückt zu sein, so die »Palästina-Beschreibung« von Fr. Adolf und Otto Strauß, Th. v. Heuglins »Reise nach Abessinien« (Jena 1868), W. v. Harniers »Reise an den oberen Nil« (Darmstadt 1866) u. s. w.

Seit dem Jahre 1846 hatte Bernatz sich bleibend zu München niedergelassen. Wir begegneten ihm regelmäßig auf den großen Kunst-Ausstellungen (z. B. 1858) mit Aquarellen; auch im Münchener Kunst-Verein brachte er bisweile Oelbilder, z. B. »Die nubischen Salzseen« oder die »Kirche im Sinai-Kloster« (letztere noch 1877 als großes Oelbild), oder den »Vorhof der Suleiman-Moschee zu Konstantinopel« (Juli 1874). Auch bei der Verloosung zum Besten der allgemeinen deutschen Invaliden-Stiftung spendete er eine artistische Ehrengabe (»Fluß Rori im Hochlande von Schoa«). Seine Bilder tragen vorwiegend das Gepräge der Wahrheit, oftmals selbst auf Kosten des künstlerischen Gefühls, und die Farbe wurde hart und schwer; auch bei der Wiedergabe von architektonischen Denkmalen überwog nicht die poetische Stimmung, sondern die gelehrte Treue. Was sie also auf der einen Seite für die Wis­senschaft gewannen, ging freilich andrerseits theilweise für die Kunst verloren. Dessen ungeachtet bleiben seine überaus fleißigen Arbeiten doch ein Zeugniß und eine Zierde der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit.

Bernatz entschlief am 19 December 1878 nach längerem, zuletzt schwerem Leiden, mit Hinterlassung einer Wittwe und eines unmündigen Sohnes. Der Hauptheil sei­nes Nachlasses wäre für jedes ethnographische Cabinet ein wahrer Gewinn und er­freulicher Zuwachs.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 28. Dienstag, 28. Januar 1879.


28-10-18 (Bernatz)