Allgemeine Zeitung (28.1.1879) / t_1425

Nekrologe Münchener Künstler.
I. Max Zimmermann.

Wir haben neuerdings den Tod einiger Maler zu beklagen welche, durchweg eigen­artige Naturen, nicht allein durch ihre Kunst, sondern auch durch ihren absonderli­chen Lebensgang unser ganzes Interesse erheischen.

Max Zimmermann war, geb. 7 Juli 1811 zu Zittau in Sachsen, gleich seinen Brüdern, zum Métier seines Vaters, der edlen Musika, bestimmt, erlernte mehrere Instru­mente, die er mit angebornem Ingenium zeitlebens gern übte, wie er sich denn auch Waldhorn blasend auf einer seiner Radirungen dargestellt hat. Nebenbei zeichnete er, lernte in Dresden 1834 die Lithographie und ging dann 1837 nach München, wo er unter der Leitung seines ältesten Bruders, des großen Albert Zim­mermann, bald die überraschendsten Fortschritte machte.

In den vierziger Jahren gestaltete sich unter den jüngeren Landschaftsmalern, den Epigonen Rottmanns, ein frohes frisches Künstlerleben, eine wahre Illustration zu Eichendorffs, von Mendelssohn-Bartholdy so wunderbar componirtem, Liede: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen u. s. w.« Sie zogen hinaus in die Umgegend des Starnberger Sees, saßen in dem schönen malerischen Eberfing und Polling, und bannten alles Schöne was sie
»In Berg und Wald und Strom und Feld«
fanden, im künstlerischen Jubel, mit morgenhellen Sinnen und urweltlichem Beha­gen auf ihre Leinwand. Die Seele dieser artistischen Wanderungen und Maler-Colo­nie waren die »Zimmerleute,« [Die Reihe der Brüder gliedert sich sonach in folgen­der Weise: der älteste, dem es bestimmt war allen anderen ins Grab zu sehen, ist Albert Zimmermann, geb. 1809. Dann unser in Rede stehender August Max, wel­chem die beiden Robert (geb. 21 April 1818 und gest. 6 Jan. 1864 zu München) und Richard (geb. 1820, gest. 4 Febr. 1875) folgten.] vorerst Max und Albert, wel­che alsbald aus allen deutschen Gauen eine Schaar von gleichstrebenden Freunden und Schülern anzogen. Darunter befanden sich wieder alle möglichen Schattirun­gen, welche später auch in anderem Genre excellirten, z. B. unser liebenswürdiger Architektur-Maler Emil Kirchner, der universelle August Kreling, der auch als Dich­ter bekannte Johann Felix v. Schiller, Lichtenheld, v. Hagn, Langko, Karl Ebert, Theodor Kotsch, Fr. Ludw. Voltz, Salzer, die Brüder Seidel u. s. w. Damals waren noch Wahrheit und Schönheit die Loosung und Zeichnung und Farbe als gleich be­rechtigt anerkannt. Was in diesem Sinne geleistet wurde, besteht noch zu Ehren und darf sich kühnlich überall zeigen. Was recht zusammengeklungen, das klingt auch immer fort.

Anfänglich malte Max Zimmermann einige große Landschaften mit reichen Staffa­gen von Figuren und Thieren, dann aber, bald erkennend daß in der Beschränkung sich erst der Meister zeige, hielt er sich an ein kleineres Répertoire, wobei das Vor­bild der niederländischen Meister à la Ruysdael und Hobbema maßgebend und fühlbar wurde. Insbesondere liebte er den deutschen Eichenwald, und ermüdete nicht seine großartige ehrfurchtgebietende Stille und Einsamkeit oder die melan­cholische Verlassenheit einzelner Gruppen in tiefstgefühlter Weise zur Darstellung zu bringen. Die Neue Pinakothek verwahrt drei Bildsr dieser Art, wahre Perlen sei­ner Muse: erst eine flache Gegend mit einer schönen reichbelaubten Eichengruppe und weiter Fernsicht, über welche mächtige Wolkenzüge hinfahren, wie man sie hauptsächlich von der Münchener Hochebene aus beinahe tagtäglich zur Sommers­zeit studieren kann. Dann wieder eine Landschaft mit etlichen Eichen, vor denen ein Hirt mit einigen Schafen und Ziegen lagert, während ein etwas bewölkter Him­mel sich darüber spannt. Das dritte Bild führt uns an den Rand eines Eichenwaldes, welchen aus geballten Wolken ein Sturm durchfegt, während das drohende Gewit­ter schon in den ersten Blitzen hereinkracht: als Staffage jagt ein verspäteter Reiter hastig querfeldein. Dieß alles zeigt uns der Maler in ungesuchter Wahrheit, so echt und natürlich, ohne unnöthigen Aufwand von Effect und Floskelschwulst, daß der jetzt mit Farbenspectakel aller Art feuerwerkartig geblendete Laie lange und oft­mals darüber hinwegstolpern kann, bis ihn eines Tages doch die grandiose Unge­suchtheit in ihrer Unmittelbarkeit packt und so schnell nimmer losläßt. Und dann staunt man erst über diese Poesie, welche in so einem verlassenen Bruch liegt, durch welchen eine vergessene Straße führt, mit einem Tümpel Wasser, darüber et­liche hundertjährige Eichen unter blaßgrauem Himmel, der plötzlich mit einigen goldenen Sonnenfäden die triste Oede elektrisirt. Oder er führt uns an des Am­mersees einsame Gestade, und läßt uns einen Blick werfen in die weite Ebene, über welche spielende Wolkenschatten dahineilen. Meisterwerke dieser Art brach­te die Kunstausstellung 1848, die Prager Exposition 1857 und 1858, dann die Mün­chener Historische Ausstellung im Jahre 1858, der Münchener Kunstverein z. B. im December 1872, 1876 u. s. w. Mit gleicher Virtuosität cultivirte Max Zimmermann außer dem Staffeleibilde die seit den vierziger Jahren gleichzeitig wieder in Flor gebrachte Radirung. Ein Blatt in Maillingers »Bilder-Chronik,« welche auf dem heu­te nicht mehr ungewöhnlichen Weg einer Prämien-Verloosung endlich in den Besitz unserer Stadt gelangte, trägt noch die Signatur »Mein erster Versuch im Radiren. München den 10 Juni 1840;« ein Bauernhof bei Brannenburg, im Vordergründe zwei Pferde und ein Hund bei einer Pfütze, gab den Vorwurf dazu. In der Folge entstand, im Wetteifer für den »Münchener Radirclub« eine Reihe von Blättern wel­che jetzt Wohl als das Werk von Max Zimmermann, zu seines Namens bleibendem Gedächtniß, herausgegeben zu werden verdiente; das wenige was damals davon in den Handel kam, machte die Lust der Sammler in hohem Grad rege.

Während der Meister in gewohnter Thätigkcit einem hohen Alter entgegenzuge­hen versprach, hatte er das Unglück im December 1877 durch einen Sturz den lin­ken Arm nicht unerheblich zu beschädigen. Die Aerzte bestanden auf Amputation, und der Künstler willigte zu, weiß Gott mit welch‘ schwerem Herzen. Anfänglich schien der Erfolg gesichert, und Max Zimmermann vollendete noch eines seiner an­spruchslosen Stimmungsbilder. Da meldete sich das Uebel wieder und erheischte eine neue schmerzhafte Operation, welche nach qualvollen Leiden mit Blutvergif­tung das Leben des armen Dulders am 30 Dec. vorigen Jahres abschloß. Am ersten Tage des neuen Jahres wurde seine Hülle in die Erde gesenkt; ein zahlreiches Eh­rengeleit aus allen Classen der Gesellschaft bewies die Hochachtung welche dem Verstorbenen als Mensch und Künstler immerdar gezollt wurde.

Ein Cyklus seiner Bilder erschien in Photographien von Arnold Zettler. Zimmer­manns Nachlaß enthält einen Schatz von Zeichnungen und Naturstudien, welche hoffentlich in einer Gesammtausstellung an den Tag treten und dann viele Liebha­ber und Freunde finden dürften.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 28. Dienstag, 28. Januar 1879.


39-08-27 (Gerstorfer & Zimmermann)