Allgemeine Zeitung (26.11.1881) / t_1233

Martin Schleich.

Martin Schleich wurde am 12 Februar 1827 zu München geboren, als der Sohn ei­nes königl. Kämmerers und Forstmeisters. Er stammte, ebenso wie sein beiläufiger Vetter, der große Landschaftsmaler Eduard Schleich, aus einer freiherrlichen Fami­lie. In der Jugend wurde ein »von« seinem Namen beharrlich vorgesetzt; später warf der Sohn auch dieses letzte »aristokratische Feigenblatt« ab.

Da der Vater früh starb, so mochte Schleich unter allerlei herben Erfahrungen auf­gewachsen sein. Das focht ihn aber wenig an. Denn schon aus den Zügen des klei­nen Lateiners lachte ein ganzer Schalk. Das Wilhelms-Gymnasium stand damals un­ter der milden Leitung des alten guten Rectors Fröhlich (geb. 1780 zu Markt Bissin­gen, gest. 1849), welcher von seinem oft gebrauchten Lieblingswort auf gut stu­dentisch kurzweg der »alte […]« hieß; Schleich widmete ihm bei irgendeinem Jubel-Anlaß ein schönes warmes Fest-Carmen, welches, jedoch ohne den Namen des Poeten, auf Kosten der Classe im Druck erschien. Es war aber gewiß nicht das ers­temal, daß der junge Autor sich gedruckt sah.

In den letzten Klassen des Gymnasiums bildete Schleich den Mittelpunkt eines klei­nen vielversprechenden Kreises. Dazu gehörten der ernste Jacob Gotthelf, der hochgeachtete Rechtsanwalt, welcher damals durch sein schönes, von langen Lo­cken umwuchertes Oval und seine schwärmerischen Verse excellirte, noch mehr aber durch seine weiche Baritonstimme als Vorsänger in der Synagoge und als Künstler im Concertsaal Alles bezauberte; im Vortrage von Schubert-Liedern und dramatischen Balladen, z. B. des von Esser componirten »Sängers Fluch,« rivalisirte Gotthelf mit dem berühmten Pischek.

Zu den in der Stille reifenden Genies gehörte Georg Meßmer, welcher schon auf den Schulbänken seinen Shakespeare in der Westentasche trug und an einer neuen originellen und eigenartigen Uebersetzung arbeitete, wovon bisher leider nur »Kö­nig Lear« in wiederholter Auflage erschien; es guckte nämlich nicht »König Lear,« sondern unser Georg Meßmer schon frühzeitig nach den Gestirnen, deren Studium er später mit wissenschaftlichem Ernst verfolgte.

Dann war da, durch zierliche Grazie des Benehmens und mädchenhafte Beschei­denheit gleich ausgezeichnet, der fröhliche Franz Bonn, jetzt wirklicher Präsident der Domänenkammer und Direktor des fürstlich Thurn- und Taxis’schen Civil-Colle­gialgerichts zweiter Instanz zu Regensburg – frühzeitig ein Meister aller gesel­ligen Künste, Taschenspieler und Akrobat im Gebiete der Zeichenkunst und Musik, wel­cher mit seinen Vorträgen alle Lachmuskeln in Bewegung setzte, und dabei jene tiefsinnige Gründlichkeit bewährte, welche sich nachmals im Gebiete der lustigen Naturgeschichte, in Botanik und Mineralogie so eklatant erfüllte.

Schleich aber sprühte von tollen muthwilligen Einfällen und Witzen, die er unge­sucht und mit der trockensten Miene von der Welt losließ. Dabei nahm er das Stu­dium ernst, blieb immer unter den Besten und den steten Preisträgern, die wie eine untrennbare Phalanx zusammenhielten, hart auf den Fersen.

Dazu gehörten der vom unermüdlichsten Fleiß beseelte Wolfgang Bauer, welcher mit dem letzten Tage des vergangenen Jahres sein von unvergleichlicher Berufs­treue aufgeriebenes Leben viel zu früh beschloß (vgl. Beil. Nr. 145 der »Allg. Ztg.« vom 25 Mai 1881), weiter der insbesondere in romanischen Sprachen heimathbe­rechtigte Joh. Fesenmair und der wackere J. B. Heiß, ein wohlbestallter Weltge­schichtsprofessor und Orientalist am Passauer Lyceum, welcher damals schon die »krausverschlungenen Züge des arabischen Alphabets« erkundete und nach sprachvergleichendcn Sanskrit-Wurzeln grub.

Nach Jean Paul Richters Vorbild las Schleich alles Mögliche durcheinander: Bibel, Koran und Talmud, überall Material für – seinen Witz suchend, dazu Romane, Thea­terstücke, die Schriften von Saphir und Heine, Lewalds »Europa,« die alten klassi­schen Satiriker und neueren englischen Spottgeister. Natürlich platzte dann aus dem kunterbunten Hexenbrei bisweilen auch den Lehrern etwas an den Kopf, so daß einmal der alte ehrliche J. B. Schwarz, der es wahrlich gut, wie ein Vater mit uns meinte – er endete in gräßlicher Weise 1849 unter den Händen zweier Raub­mörder – die Hände vor das Gesicht schlug und bitterlich in Thränen ausbrach.

Als im Jahr 1846 die Absolventen ihre von Th. Hudemann auf Stein gezeichneten Silhouetten austauschten – die Photographie war noch nicht erfunden, mit theuren Daguerreotypen oder Edel’schen Lichtbildern befaßte sich die Jugend nicht, eben­sowenig wie mit gedruckten »Cantus-Liedern,« welche letzteren nach Bedarf eigen­händig zusammengeschrieben wurden; wer dann gar die von Franz Pocci und Lud­wig Richter illustrirten »Studentenlieder« besaß, wurde vielfach beneidet – hatte Schleich das facsimilirte Motto: »Unsere Schattenseite kennen die Menschen immer am besten!« gleichsam als Programm »zur steten Erinnerung« darunter gesetzt.

Die Universität besuchte Schleich in seiner Manier, d. h. sporadisch: er kam in jedes Colleg, meist aber nur einmal, und birschte sich bisweilen noch während des Vor­trags mit ostensibler Stille hinaus. Nach den sogenannten philosophischen Studien inscribirte sich Schleich auf die Jurisprudenz, trieb sich aber überall herum, besuchte fleißig das Theater, hielt humoristische Vorträge, z. B. in der Museumsge­sellschaft, trollte wohl auch einmal sporenklirrend in »Burschenwichs« zu einem Commers.

Um seinem nimmermüden Witz Abfluß zu verschaffen und seine Finanzen zu ver­bessern, griff er zur Feder. Unter dem Pseudonym eines »M. E. Bertram,« welches er sich der halb Mephistophelischen Rolle wegen aus Meyerbeers Oper »Robert der Teufel« beilegte und dann längere Zeit mit Vorliebe beibehielt, erschien am 14 December 1846 in dem von Vanoni redigirten »Münchener Tagblatt« der erste Arti­kel: »Worte über das Wort Tagblatt,« womit unser Humorist antichambrirte, nach­dem er vielleicht schon längere Zeit bei der in diesem Blatte stehenden Rubrik von »Tageslügen« die Hand mit im Spiele gehabt hatte. Im Antithesen-Spiele suchte Schleich immer zu glänzen. So heißt es also hier z. B.: »Von den Baumblättern zeh­ren die Raupen, von den Tagblättern aber andere Blätter. Baumblätter gehen zu Grunde, wenn sie braun werden; Tagblätter halten sich oft nur dadurch daß sie die Farbe ändern. Baumblätter und Tagblätter bleiben selten ruhig, denn sie rühren sich nach dem Winde… Blätter stellen Alles in Schatten, wir müssen Alles ins schönste Licht stellen; über die Baumblätter kommt der Reif, über die Tagblätter – die Censur!« Dann stellte er sich fast täglich ein mit einer Dosis »Glockenspiel, an­gestimmt von M. E. Bertram,« worin Ernst und Scherz in vergnüglicher Weise wech­selten. So heißt es in Nr. 355: »Am 15 December wurde in Paris eine Druckerei ein­geäschert. Ein Pompier ist lebensgefährlich verwundet, Papier und andere Preßef­fecten gingen sämmtlich zu Grunde. Etwas für Uebersetzer, die gern mit verbrann­ten Schriften speculiren! Uebrigens sollen mehrere Theaterstücke den Tod gefun­den haben. Hr. Börnstein ist in Verzweiflung.« Auf Heinrich Börnstein, welcher in der damaligen literarischen Windstille eine Menge leichter dramatischer Waare aus Paris herüberspedirte,(1)blitzte Schleich überhaupt gern auch späterhin los.

Im Januar 1847, während die herkömmliche sogenannte Dreikönig-Dult abgehalten wurde, kam in Nr. 13 des vorgenannten höchst harmlosen Organs folgende Anzei­ge, »Moralischer Dultartikel,« welche dem sel. Georg Christoph Lichtenberg seiner Zeit gewiß zur Ehre gereicht und den Weg in alle literarhistorischen Anthologien gefunden hätte: »Keine Marktschreierei! Bei Gott, keine! Wahr, aber doch unglaub­lich! Ausverkauf von Unschuld und gutem Gewissen. Große Niederlage der aller­besten Bestrebungen. Treffliches Waschwasser für Schandflecken aller Art. Herrli­ches Räucherwerk für Recensenten und Dichter. Bedeutender Nachlaß für Scham­gefühl! Unentbehrlich für Jedermann. Localveränderung des sogenannten guten Geschmackes! Gewiß noch nie dagewesen: Vollkommen einiges Wirken aller deut­schen Schriftsteller! Schlafröcke aus der Fabrik zum »deutschen Michel,« haupt­sächlich für künftige Landesdeputirte. Sehr noble elastische Handschuhe, um lange Finger zu machen, in den Conditorläden sehr bequem. Taschentücher für Krokodils­thränen und erwünschtes Gesichtsreißen. Schwere Trauerspielstoffe, thrä­nendicht und für die Kritik kaum zerreißbar! Moderne Lustspielstoffe nach den bes­ten fran­zösischen Mustern; können dreimal gewendet werden und sehen immer wie neu aus.« Nachträglich werden noch »um einen wahrhaft niederträchtigen Schand- und Spottpreis« empfohlen: »Cravatten für Halsstarrige; Messer, um Je­dermann auf die feinste Manier etwas aufzuschneiden; 500 Fläschchen Zeitgeist, bewußtlosen Per­sonen unter die Nase zu reiben. Außerdem erlaube ich mir, auf die unbegreifliche Herabsetzung vieler ausgezeichneten Werke aufmerksam zu ma­chen.« Man sieht, das ist also schon der ganze Schleich.

Unterm 26 Januar 1847 machte er den ernstlichen Vorschlag, da man verlegen schien, wie ein neuentdeckter Planet zu benennen sei, ihn Pius zu heißen »nach dem Namen des bedeutungsvollen Mannes, in welchem unserer Zeit ein neuer Stern aufging, der sich näher um die Sonne der Aufklärung bewegt, als man je zu ahnen wagte.« Gleich darauf persiflirt er einen neuberufenen Logiker: »Meine Her­ren! Obgleich dem Menschen die Selbstliebe eigentlich eingepflanzt ist, so übt dennoch der Anblick der empörten Natur großen Eindruck auf den Beschauer; denn es gibt noch eine Gerechtigkeit auf Erden, und der Sabbath ist um des Men­schen, nicht der Mensch um des Sabbaths willen da. Freilich ist das weibliche Ge­schlecht immer mehr zur Sanftmuth geneigt, weil kein Gelehrter vom Himmel fällt; aber der eigentliche Grund der meisten Krankheiten liegt doch in der Atmosphäre; denn so wie die Sonne ein Fixstern ist, ist auch die Uebung die beste Lehrmeiste­rin. Das Wasser hat zwar keine Balken, aber die Buchdruckerkunst ist dessenunge­achtet in Deutschland erfunden worden. Bei dieser Gelegenheit darf man nicht ver­gessen, daß München längst eine Gasbeleuchtung haben könnte, wenn die Ele­phanten nicht so lange Zähne hätten, daß der Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht. Bedenkt man aber, daß sechzig Kreuzer einen Gulden machen, so leuch­tet von selbst ein, daß alle Menschen sterben müssen; übrigens ist Italien ein zu gutes Weinland, als daß die Eisenbahntaxe herabgesetzt werden könnte. Ich würde noch mehr hierüber sagen, wenn es je eine deutsche Einigkeit gegeben hätte; aber die Blitzableiter sind einmal aus Amerika gekommen, und somit will ich auch nicht zurückbleiben, meinen Vortrag zu beschließen.«

So geht es nun in wahrer Faschingslaune das ganze Jahr hindurch weiter, in Prosa und Versen, mit dramatischen »Seelengemälden« und Theater-Recensionen, Alles im tollsten Humor: eine Turnschule des Witzes als Vorstudie zum nachfolgenden »Punsch.«

Schleich hatte gelegentlich schon die Frage aufgeworfen, »wie viel ein deutscher Schriftsteller Quellen der Phantasie, Quellen des Humors und Thränenquellen zu­sammenthun müsse, bis eine Erwerbsquelle daraus werde?« Der »Punsch« gab bald darauf eine sehr befriedigende Antwort. Die erste Nummer erschien am 30 Januar 1848. Anfänglich sollte es nur ein Carneval-Blatt sein, bloß aus sechs Num­mern bestehen und, wie jedes richtige Glas Punsch, achtzehn Kreuzer kosten, jede Nummer aber beliebig auch einzeln um einen Groschen zu haben sein; Abonne­ments wurden in der Expedition des »Münchener Tagblatt« und beim Hofbuchbin­der Fuchs am sog. Schrannen-Platz (wie harmlos und armselig sah damals noch der Laden eines mit dem Hoftitel begnadeten Bürgers aus) angenommen. Der Erfolg in dieser bleischweren, gewitterschwülen Zeit schlug, alle Erwartung übertreffend, glücklich ein; die nachfolgenden Februar- und März-Ereignisse halfen nach. Die ers­ten Nummern mußten in mehrfachen und immer zahlreicheren Auflagen nachge­druckt werden; schon in der fünften Nummer (am 27 Februar) wird »das fernere Fortbestehen Münchens ohne Punsch für absolute Unmöglichkeit erklärt und also noch ein Abonnement auf sechs weitere Nummern eröffnet,« nach deren Ablauf die Quartale halb- und ganzjährigen Bestellungen sich also drängten, daß der »Punsch« schon bei der zwanzigsten Nummer eine neidenswerthe Zahl Abonnen­ten hatte, abgesehen von dem Détail-Verkaufe der Colportage.

In Nummer 13 verkündete der »Punsch« sein Programm: »Er will Wohlstand – seiner Abonnenten, damit sie pünktlich zahlen; Sicherheit – vor einem Preßgesetz der jet­zigen Kammer; Bildung – der Polizeibehörde, damit sie ihn nicht confiscirt. Nehmt der Redaction ein feierliches Handgelübde ab, daß sie nie aufhören wird, auf der betretenen Bahn der Originalität und des Humors fortzufahren; dann, nur dann, er­reicht ihr das Ziel, weshalb ihr euch abonnirt habt.«

Schleich schrieb Alles selbst, allein, ohne Mitarbeiter. Anfangs kam es öfter vor, daß der Redactor am Abend vor der Ausgabe der neuen Nummer ohne Manuskript in der Druckerei erschien, Papier und Feder verlangte, und nun dem in seinem Haupte angestauten Strome die Schleußen öffnend und die nassen Blätter bruch­stückweise dem Setzer übergebend, und sein Werk auf einen Sitz abmachte. Bald fügte er auch selbstgezeichnete Holzschnitte hinzu, auch hier eine unnachahmbare Urkomik offenbarend. Schleich hatte während seiner Gymnasialzeit beim obligaten Zeichnungsunterricht des wackeren Franz Xaver Kleiber – er starb 77 Jahre alt am 20 Juni 1872 – in seiner Manier hospitirt und, bei erstaunlicher Begabung, zur Ver­zweiflung des wohlwollenden Lehrers, durch fleißige Abwesenheit geglänzt, da sein eminentes Talent zur Caricatur hier keinen erwünschten Boden fand.

Später zog er es vor, seine formlosen Einfälle doch von Künstlerhand umzeichnen zu lassen, wobei etwa von 1886 bis 1865 Eduard Ille, dann Jos. Resch und, von 1869 an, meist Karl Baumeister artistische Gevatter-Dienste leisteten. Zu jeder Illus­tration zeichnete Schleich selbst seine Idee, meist ziemlich groß, immer hudelig, aber mit so drastischer Komik hingeworfen, daß der mit der Formgebung ringende Künstler mit Lust folgen konnte. Auch war charakteristisch dabei, daß Schleich nie früher kam, als wenn die Zeit schon auf den Nägeln brannte; so pochte er oft in der ihm wohlgelegenen Wohnung den guten Resch noch spät Abends und tief in der Nacht, wenn derselbe schon in der Ruhe lag, aus den Federn, mit dem stricten Auf­trag, am frühesten Morgen den Holzstock ja dem Xylographen zu überliefern. Da­bei beobachtete er streng die Sitte, dem Künstler nie ein Wort der Anerkennung, aber auch keine Sylbe eines Tadels zu spenden.

Es ist nicht unsere Aufgabe, eine Geschichte des »Punsch« zu schreiben. Er hatte eine vielbewegte Geschichte, spielte durch mancherlei Farben und Schattirungen, wurde vielfach confiscirt, ohne je zu einem Preßproceß zu gelangen, welcher für Richter und Geschworne, für Autor und Publicum nur zu einem mehr oder minder großen Gaudium gedient hätte. Die bis 1871 reichenden vierundzwanzig Bände re­präsentiren ein gut Stück deutscher Geschichte mit allen ihren Phasen; Schleich schlug mit der Pritsche seines Witzes nach allen Dimensionen, nach oben und un­ten, rechts und links; er schrieb nicht allein mit dem Kopf und Verstand, auch das Herz hatte sein Recht dabei; Zorn, Wuth, Laune und Uebermuth führten ihm oft die leidenschaftlich gallige Feder; meist aber war es doch nur der harmlose, echt süd­deutsche Mutterwitz, der mit gemüthlicher Derbheit etwas ungeschlacht heraus­polterte, wie denn auch die Liebe nicht immer mit zuckerner Süßigkeit ihre Gefühle manifestirt. Sein Kern war immer grunddeutsch, bisweilen zog er auch ein blauwei­ßes Fähnlein auf, welches er mit der jedem Stamm angebornen Heimathliebe eifer­süchtig bewachte und vertheidigte.

Nach dreijähriger Pause erschien 1875 noch einmal der »Punsch,« und zwar unter dem besonderen Titel als »Glossirte Wochen-Chronik der Gegenwart,« machte aber im vergrößerten Gewände und ohne die gewohnten Bilder so wenig Glück, daß er beinahe unbemerkt mit dem Schlusse des Jahres mit der 52. Nummer wie­der verschwand.

Wie weit Schleich bei den von Alexander Ringler 1848-1850 redigirten »Leuchtku­geln« betheiligt war, ist schwer zu bestimmen, dagegen weist der »Nürnberger-Trichter« mehrfach den Namen »M. E. Bertram« auf. Es lag sehr nahe, daß von dem ununterbrochenen Raketen- und Feuerwerk-Sprühregen seines Geistes manch‘ Schwärmer in andere, verwandte Organe hinüber blitzte, zumal da Schleich damals mit allerlei verwandten Genies, darunter auch so proteus-artige Naturen wie Her­bert König, C.L. Kaulbach und anderen verkehrte. Auch für die »Fliegenden Blät­ter« lieferte Schleich interimistische Beiträge, wie denn erst kürzlich noch in Nr. 1893 die jocose Verballhornung der modernen Plastik aus seiner Feder stammt.

Im Mai 1849 begann der Unermüdliche die »Volksbötin,« ein loses politisches Tag­blatt als äußersten Gegensatz zu Ernst Zander, worin er den großen Bullenbeißer mit unablässigem Gekläff ironisirte, äffte, ärgerte und verhöhnte. Er ließ schließlich zu Ende 1852 diese nutzlose Polemik fahren, um freiere Hand für eigene dramati­sche Schöpfungen zu gewinnen.(2)

Den ersten dramatischen Versuch hatte er als M. E. Bertram mit einem in Compa­gnie mit Leopold Feldmann ausgeheckten Lustspiel gewagt, welches ohne Erfolg spurlos verschwend; allerlei dramatischer Schnickschnack war vorher schon im obengenannten »Münchener Tagblatt« und im »Punsch« abgelagert. Dann nahm er eine im Gymnasium geplante Tragödie »Nero« vor, welche 1852 »als Manuskript« erschien. (München, in der Dr. Wild’schen Buchdruckerei, 74 Seiten, 8°.) Ob diesel­be je irgendwo über die Bretter ging? Es wäre wenigstens heute noch einer Probe werth. Die fünf Acte sind, was junge Poeten sonst hartnäckig vermeiden, in origi­neller Prosa und mit einer Wucht geschrieben, welche das nicht anziehende Thema vergessen läßt, und, wie man glauben sollte, doch das Publicum ergreifen und mit­reißen müßte. Die achte Scene des 2. Acts, wo der Dichter die neue Kaiserin Poppäa mit Nero’s Mutter Agrippina einander gegenüberstellt, erinnert etwas an den Streit der Königinnen in Schillers »Maria Stuart;« sonst ist das Ganze eigenar­tig, und die Charaktere sind mit sicherer Hand herausgemeißelt. Als lustige Person ist ein Narr als Nero’s Historiograph beigegeben. Andrerseits macht sich der Feh­ler bemerkbar, daß außer der Schauspielerin Epicharis und deren treugeliebtem Ju­lius Piso keine weitere Person das Interesse bleibend erwärmt. Trotzdem wäre im­mer noch eine Probe mit dem keinen besonderen scenischen Aufwand erheischen­den Stücke zu machen und gewiß mehr als ein bloßer »succès d’estime« zu gewär­tigen.

Bei der am Faschingsdienstag üblichen Vormittagsvorstellung ging Schleichs »Bür­ger und Junker« am 20 Mai 1855 zum erstenmal, und zwar mit so glücklichem Er­folg über die Bretter, (Vgl. Nr. 53 »Allg. Ztg.« 1855.) daß sich dieses »altbürgerliche Charakterbild« nicht allein in der Gunst der Münchener bleibend festsetzte, son­dern auch anderwärts ähnliche Aufnahme fand und den Namen seines Verfassers im dramatischen Fach begründete. Der zweite Act entschied; er ist ein Meister­stück, so rund und sicher im Wurf, dabei voll echten, tiefen Gemüths, wie dieß Schleich später nimmer erreichte. Der vierte Act fällt indessen schon etwas ab und ist sichtlich mit geringer Kunst zur befriedigenden Lösung nur angeschweißt.

Im Beginn des Jahres 1856 brachte er »Das Heirathsversprechen,« (Vgl. Julius Grosse im Abendblatt Nr. 10 der »Neuen Münchener Ztg.« 1856) ein am sächsi­schen Hofe zur Zeit der Gräfin Cosel agirendes Lustspiel, sehr geschickt und diplo­matisch gebaut und jedenfalls eines besseren Schicksals werth, als jetzt schon den vergessenen beigezählt zu werden. Rasch folgte darauf, wieder am Faschingsdiens­tag, »die letzte Hexe« (Vgl. Julius Grosse im Abendblatt Nr. 34 der »Neuen Mün­chener Ztg.« vom 8 Febr. 1856.) und noch im October desselben Jahres »Die Bay­ern in Italien« (Ebendaselbst Nr. 241 vom 8 Oct. 1856) ein »Volksschauspiel« in vier Aufzügen. Letzteres hatte so wenig Erfolg, daß es Schleich nicht in die Reihe seiner gesam­melten Stücke aufnahm.

Desto glänzender bewährte sich die »letzte Hexe,« welche trotz allerlei Gebrechen, z. B. einer possenhaften Carikirung einzelner Charaktere und der offenbaren Un­glaublichkeit mancher Scenen, dennoch jahrelang ein beliebtes Zugstück blieb und sogar auswärts (z. B. in Weimar, durch A. Rost umgearbeitet) gute Aufnahme erziel­te. Nachdem 1861 auch noch das Lustspiel »Ansässig« verdienten Beifall und Auf­nahme gefunden, veröffentlichte Schleich eine Sammlung seiner »Lustspiele und Volksstücke« (München 1862-63, bei Gustav Beck) in zwei Bänden, welche 1874 in neuer (Titel) Ausgabe erschienen und auch einige mindere Arbeiten enthielten. (3)

Für Frhrn. v. Perfall dichtete Schleich den Text zu der romantisch-komischen Oper »Das Conterfei« (München 1863, bei Wolf u. Sohn. 43 S. 8°). Das spurlose Ver­schwinden des »Eine falsche Münchnerin« betitelten Lustspiels (1864) verleidete dem Autor eine Zeit lang die Bühne, welcher dessenungeachtet nicht ermüdete, neue Projekte und Stoffe zu erwägen, welche jedoch, trotz der gewandten Dialogi­sirung und den fortdauernden Aggregaten von Witz und Humor, an einem bedenk­lichen Mangel von Handlung oder an stofflicher Unbedeutendheit leiden. Dazu ge­hören das vieractige Lustspiel »Der Ehrgeizige,« (4) wo er einen freiresi­gnirten Rechtsanwalt schildert, welcher die Ruhe nicht vertragen kann und deß­halb, um sich politisch bedeutsam zu machen, die unglaublichsten Thorheiten be­geht; die Aufnahme auf der Bühne, wie in der Presse, blieb kalt und frostig. Auch die am Fa­schingsdienstag 1878 abgespielte »Bauern-Komödie« (mit musikalischem Einschlag von Rüber) theilte dasselbe Schicksal, da eine Fülle humoristischer Détails nicht für die Zerfaserung des Inhalts entschädigte. In »Kraft und Stoff,« ei­nem knappen Ein­acter, nahm der witzige Essayist dem Dramatiker zu viel Spiel­raum, obwohl das die Resultate der exacten Naturforschung travestirende Thema zeitgemäße Fragen be­rührte.

Während Schleich auf dem Gebiete der dramatischen Kunst seine Kräfte zersplit­terte, versuchte er sich auch im Gebiete der Politik, wo es ihm gleichfalls, obwohl nur vorübergehend, gelang, eine Rolle zu spielen. Das könnte zu vielseitigen Erör­terungen verleiten, welchen wir jedoch kurz die Spitze abbrechen mit der gewiß nicht unrichtigen Wahrnehmung, daß an so vielseitig begabte Naturen die strenge Anforderung einer stereotypen Festigkeit des Charakters nicht gestellt werden dürfe. Wer mit einem Clown über die größten Principien des Lebens rechten woll­te, würde die Wette verlieren. Die Frage bleibt nur: ob derselbe in der Zeit der Noth und Gefahr die übliche Schellenkappe herabzunehmen und die Situation wür­dig und richtig zu erfassen vermöge. Und das hat Schleich gethan. Nachdem er lang‘ im Irrgarten der jeweiligen Tagesmeinung gefackelt und verschiedenen Par­teien gedient hatte, trat er doch mannhaft und fest für Deutschlands Ehre in die Schranken, als er am 19 Juli 1870 in der bayerischen Kammer die Bewilligung der Kriegscredite beantragte und mit zornbebender Stimme und mit Thränen im Auge erklärte, wie man es von Paris her den bayerischen und großdeutschen Patrioten zuzumuthen wage, mit Frankreich gegen die nationale Sache zu gehen. Nachdem er kurz vorher noch im ultramontanen Lager auf Engagement in Gastrollen gespielt hatte, sprang er mit dem anonymen »Büchlein von der Unfehlbarkeit« (München, bei Gummi, 1872) in sein altes Fahrwasser zurück und bekannte sich mit derselben Leichtigkeit, wie ehedem zum Deutsch-, so jetzt zum Altkatholicismus, nachdem er inzwischen seinen blau-weißen Wählern im klerikalen Costüm eines römisch-katholi­schen Patrioten Sand in die Augen gestreut und durch sie einen Sitz in der bayeri­schen Kammer der Abgeordneten von 1869 bis 1875 errungen hatte.

Im November 1873 bildete Schleich die aus sieben Mitgliedern bestehende »freie Vereinigung,« aus welcher die neueste »gemäßigte Partei« erblühte. Als publicisti­scher Herold rief er dann am 1 Juli 1881 »Den Gemäßigten« ins Leben – eine Zei­tung, welche er gleichsam zu seinem Vergnügen, ganz légèrement, einfädelte und mit ironisch-moquanter Bonhomie also »redigirte,« daß er, alsbald selbst davon ge­langweilt, den Stand verließ und seinen Nachfolgern das schwierige Problem stell­te, den zerschnittenen Zeug bestmöglichst wieder zusammenzuflicken und in ge­nießbare Gestalt zu bringen.

Insbesondere seit dem jüngsten Decennium excellirte Schleich durch seine Essays in der »Allgemeinen Zeitung,« indem er bald mit der ernsthaftigen Miene eines Theologen oder dem wissenschaftlichen Feuer eines Juristen, im gelehrten Tone des Culturhistorikers oder als Tourist – wir erinnern nur an die »Römischen Aprilta­ge« (5) – alle Leser erheiterte, ärgerte oder entzückte.

Er hatte ein schönes Stück Erde gesehen und frühzeitig schon allerlei Fahrten nach drei Himmelsgegenden unternommen, den Süden aber fast nur allzu lange sich vor­enthalten. Hier wurde der in ihm versteckte Poet wieder lebendig, doch nur stoß­weise und vorsichtig gönnte er ihm bisweilen freie Luft zu schöpfen. Ihm war von dieser prächtigen Himmelsgabe eine tüchtige Portion als Erbtheil zugefallen. Aber er wucherte nicht damit, sondern vergrub lieber sein Pfund oft lang und hartnäckig. Es gibt problematische Naturen, welche sich ihrer tieferen Empfindungen schämen, und, obgleich von Haus aus sehr weichherzig, ihre Gemüthstiefe lieber mit Brutali­tät maskiren. So affectirte Schleich einen lächerlichen Abscheu gegen alles Ideale; in seiner Angst schlug er dann mit kaustischer Drastik um sich oder rettete sich hin­ter eine cynische Derbheit. Im „»Verein für deutsche Dichtkunst« und im »lustigen Krokodil« ging er, wie überhaupt in allen Gesellschaften, nur als dilettirender Hos­pitant ab und zu.
Zu den Perlen seiner Lyrik gehört »Ein Spaziergang auf dem Gasteig bei München,« woraus die tiefgefühlte Klage über das unerwartete Abscheiden Sr. Maj. Königs Maximilian II erklingt. (6)

Wahre Meisterwerke sind auch seine Nachdichtungen Jacob Balde’s. Seit 1869 bis 1874 beschäftigte er sich an den von Johannes Schrott ins Leben gerufenen Balde-Festen und -Ausflügen; seiner Natur gemäß zog ihn die humoristische Seite dieses Dichters besonders an. Zu der mit Johannes Schrott unter dem Titel »Renaissance« herausgegebenen Auswahl von Balde’s Dichtungen (München 1870 bei Lindauer) lieferte Schleich fünfundzwanzig Uebertragungen, welche von einem tiefen, einge­henden Studium des Originals zeugen. Aus dieser Zeit stammt auch die Vorliebe für den Kurfürsten Maximilian l, dessen Bildniß er in Thalerform an seiner Uhrkette trug.

Die Erträgnisse seiner fleißigen Feder gaben die Mittel zum Ankauf eines stattli­chen Hauses, welchem auch eine Villa in Starnberg folgte. Ersteres vertauschte er wieder und änderte noch öfter seinen Besitz in mancherlei Form; er hatte über­haupt etwas Unstätes und das Bedürfniß oftmaliger Veränderung. Eine feine Re­naissance-Stube, ein »unterirdisches Kaffeehaus mit Billard« und eine langjährig aufgestapelte Bibliothek wurden bei guter Gelegenheit wieder losgeschlagen und alsbald durch neue noble Passionen ersetzt.

Seine gute »Hausmannskost mit Encyklica« (Damaliger Lieblingsausdruck des Gast­gebers für Enzian.) soll auch den Beifall hochwürdiger Kenner erhalten haben. Schleich schlug bei Tisch immer eine wackere Klinge, deßhalb pflegte er auch eine gute Köchin weitaus über die größte Clavierkünstlerin zu setzen. Seit 1858 glück­lich verheirathet, genoß er ein schönes Familienleben und noch die Freude, einer Tochter den Myrtenkranz für einen braven Mann aufzusetzen. Sein einziger Sohn, welcher das Talent der Mutter erbte und deßhalb einen guten Beleg zu Levin Schü­ckings Geneanomischen Studien bieten dürfte, widmet sich dem Ballet, wozu der etwas schwerfällige Hr. Papa, außer einer persönlichen Inclination in früheren Jah­ren, nicht das geringste Ingenium besaß. Seine Erscheinung hatte nie etwas Graci­öses, wenn er, die mit einem schweren Stock bewaffneten Hände meist auf den Rü­cken gelegt, sich breitspurig dahin schob. Auch sein Antlitz mit dem sinnlichen, ei­nem Bonvivant oder einem Volksredner passenden Munde, aus welchem nie eine wohltönige Rede, sondern ein gehackter mühevoller Auswurf mit einer verrosteten, schartigen Stimme, kam, schien nicht völlig affectlos, bei einer Anrede oder Begrü­ßung erstaunt und mit einem Ausruf der Ueberraschung aufschauend. Dann wet­terleuchtete aber gleich der Witz über das ganze Gesicht und zeigte den Meister des blitzenden Apercu.

Den philosophischen Doctorhut erhielt Schleich als besondere Auszeichnung und honoris causa, wenn uns die Errinnerung nicht täuscht, sogar von der Münchener Ludwigs-Maximilians-Universität; die Nachricht und Kunde davon lief damals durch alle Zeitungen; ein Berichterstatter verlor leider die betreffende Notiz aus seinen Miscellaneen. Schleichs charitative Bestrebungen während des französischen Kriegs wurden durch den Verdienstorden von 1870/71 gelohnt.

Einige Zeit vor seinem Ende lud er einen alten Bekannten zu Beiträgen von Nekro­logen für den »Gemäßigten« ein. Daß der nächste Artikel ihm gelten sollte, dachte damals keiner von uns. »Sehr verbunden wäre ich auch – setzte er wörtlich bei – wenn du mir immer anzeigen würdest, wann ein großer Künstler geboren wird.« Ganz der echte Schleich! Wenige Wochen darauf starb er nach kurzem Uebelbefin­den, am 13 October. Für die schon früher bestimmte Grabstätte hatte er folgende Inschrift skizzirt: »Hic Dr. Martinus Schleich jacet, tacet, placet.« Er ruhe in Frieden!

1) Die aveturiöse Autobiographie dieses Mannes erschien so eben unter dem Titel: »Fünfundsiebzig Jahre in der Alten und Neuen Welt. Memoiren eines Unbedeuten­den.« Leipzig 1881, bei O. Wigand. 2 Bde.
2) Die erste Nummer der »Volksbötin« erschien am 4 Mai 1849; die letzte am 31 Oct. 1852, womit das Blatt käuflich in den Besitz der Dr. Wild’schen Buchdruckerei überging und unter dem Titel »Münchener Bote für Stadt und Land« heute noch florirt. Daß Schleich demselben nicht entfremdet wurde, beweist das schöne Ge­dicht »Der tausendjährige Baum,« welches Schleich zum Wittelsbacher-Jubiläum verfaßte und in Nr. 199 des genannten Blattes vom 25 Aug. 1880, aber ohne Nen­nung seines Namens, drucken ließ.
3) I. B. 463 S.: »Drei Candidaten,« Lustspiel in fünf Aufzügen. »Die letzte Hexe,« Volksstück in drei Aufzügen. »Ansässig,« Volksstück in drei Aufzügen. »Das Kano­nenfieber,« Schwank in einem Aufzug. II. B. 424 S.: »Bürger und Junker,« Volksstück in vier Aufzügen. »Das Heirathsversprechen,« Lustspiel in fünf Aufzügen. »Der Bür­germeister von Füssen,« Volksstück (aus der Zeit des Bauernkrieges) in drei Aufzü­gen. »Die Haushälterin,« Schwank in einem Aufzug.)
4) »Der Ehrgeizige.« Als Ms. gedruckt, München 1876, bei Parcus. 111 S. gr. 8°. (Vergl. Beil. Nr. 143 zur »Allg. Ztg.« vom 23 Mai 1877.)
5) Dieselben erschienen später unter dem Titel: Römische Apriltage. Erinnerung aus einer confessionslosen Romfahrt. München und Leipzig bei Hirth. 1880. XVI. und 200 S. kl. 8°.
6) Vierzehn vierzeilige Strophen in Nr. 12 des »Punsch« (17. Jahrgang) vom 20 März 1864.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 330. Augsburg, Sonnabend, 26. November 1881.


23-13-10/11 (Schleich)