Allgemeine Zeitung (20.12.1892) / t_697

Bayerische Chronik.

F. Hofsänger Friedrich Diez †. In diesen Tagen schied ein Greis aus diesem Leben, der in der Blüthe seiner Jahre als eine Zierde der Münchener Oper geschätzt war. Der k. Hofsänger Friedrich Diez, dem eine große Trauerversammlung Sonntag, den 18. d., im südlichen Friedhof Münchens das Geleite zur ewigen Ruhe gab, gehörte der Münchener Hofbühne vom Jahr 1837 bis 1849 als erster Tenorist an und war noch bis 1868 als Hofcapellsänger thätig. Er trat für Franz Löhle ein, und es be­zeichnet die Zeit seiner Thätigkeit im Verein mit seinen berühmten Collegen Bayer, Lenz, Krause, Pellegrini, Härtinger, Kindermann, Sigl, Hoppe und seinen Collegin­nen Therese Mink, Hasselt, Deisenrieder, Rettich, Hetzeneker, Sophie Hartmann – seit 1840 seine treue Gattin – einen der glänzenden Zeitabschnitte in der Münche­ner Operngeschichte.

1805 geboren und von einem kunstbegeisterten Vater, Stadtsyndikus in Waldkirch im badischen Schwarzwald, in den Anfangsgründen der Musik unterwiesen, wirkte er schon als achtjähriger Knabe als Solist an der Stiftskirche seiner Vaterstadt, ward als Student in Freiburg erster Solist im Münster, da sich in seinem 17. Jahre sein ho­her Sopran in Tenor umgewandelt hatte, und war dort als Concertsänger in Orato­rien und anderen Concerten viel beschäftigt, bis er endgültig seine Studien der Rechte mit der Kunst vertauschte und nach Wien ging, wo ihm 1825 Empfehlungs­schreiben freundliche Aufnahme bei Conradin Kreutzer und Franz Lachner ver­schafften. Von Kreutzer erhielt er täglich seinen Kaffee und Singunterricht – wir fol­gen den eigenen Auszeichnungen des Künstlers -, ward am Kärntnerthortheater von Direktor Duport als Eleve angenommen und wagte am 28. Juni 1826 im Thea­ter an der Wien seinen ersten Versuch in Kreutzers Oper »Die lustige Werbung«, der ihm ein Engagement nach Preßburg eintrug, von wo er mit dem Preßburger Di­rektor Stöger nach Triest zu einer viermonatlichen Thätigkeit an der Deutschen Oper ging.

Unter zehn verschiedenen Anträgen wählte er 1829 jenen von Mannheim und sang inzwischen in Freiburg, Karlsruhe, Darmstadt, Frankfurt, Mainz und Wiesbaden. 1836 gastirte er auf Veranlassung des damaligen Intendanten Hofraths Küstner in München, und schloß ein lebenslängliches Engagement »um so lieber, als ich Franz Lachner traf, mit dem ich zwei Jahre in Mannheim zusammengelebt«. Fleißiger Ver­kehr mit Lachner und Schubert in Wien hatte »überwiegenden Einfluß auf meine musikalische Bildung, denn durch ihre Lehre wurde ich bald mit dem richtigen Lie­dervortrag vertraut und behielt wohl hauptsächlich in meinen späteren Jahren eine mehr lyrische als dramatische Richtung, wozu sich meine Stimme allerdings mehr eignete.«

Diez zählte den Raoul in den »Hugenotten«, den Admet in »Alceste«, den Guido in »Guido und Ginevra«, den Elwin in der »Nachtwandlerin«, den Bijou im »Postillon«, den Tonio in der »Regimentstochter«, den Marco Vernero in »Catharina Cornaro«, den Erzherzog in der »Jüdin«, den Konrad in »Hans Heiling«, den Oberpriester im »Idomeneo« zu seinen Glanzrollen, und die Mehrzahl der genannten Partien war durch Diez bei den Erstausführungen der Werke vertreten. Liegt die Zeit seiner Thätigkeit an der Münchener Bühne auch für die Theaterbesucher von heute fern, so mag doch bei des greisen Künstlers Heimgang in der Erinnerung manches älte­ren Opernfreundes eine stattliche Reihe Bilder wieder frischere glänzende Farben empfangen und ihn an eine Zeit gemahnen, da er sich mit dem nun heimgegange­nen Sänger an den Werken großer Künstler erfreute und erhoben fühlte, und voll jugendlichen Enthusiasmus der Kunst und ihren ausübenden Vertretern reichen Tri­but des Beifalls zollte.

Allgemeine Zeitung Nr. 353. Morgenblatt. München. Dienstag, 20. December 1892.


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