Allgemeine Zeitung (19.2.1870) / t_1211

München, 17 Febr. Am 15 d. starb dahier der Bildhauer Francesco Sanguinetti. Ge­boren 1800 zu Carrara, studierte er zuerst in der Heimath unter der Leitung seines Vaters, und folgte schon im Jahr 1818 dem Meister Rauch nach Berlin, wo er bald dessen Lieblingsjünger wurde. Rauch sendete ihn 1829 nach München um die sit­zende Kolossalstatue des Königs Maximilian Joseph I (mit den zu dessen Denkmal gehörigen Reliefs) zu modelliren. Nach einer kurzen Reise nach Italien kehrte San­guinetti 1831 nach Berlin zurück, um mehrere Büsten nach Rauchs Modellen, auch eine Statue des Hylas in Marmor, selbständig auszuführen.

Nach München übergesiedelt arbeitete er anfangs größtentheils nach Schwantha­lers Entwürfen und erwarb sich durch seine geschickte Ausführung in Stein einen rühmlichen Namen unter den gleich mitstrebenden Genossen Xaver Schwanthaler († 23 Sept. 1854), Leeb († 5 Juli 1883), Lossow (aus Bremen) und Gg. Zell. Nach Ludwig Schwanthalers Modellen meißelte er die an der Steintreppe der Hof- und Staatsbibliothek sitzenden Statuen des Aristoteles und Hippokrates, nach Konrad Eberhard die Standbilder der hl. Ottilia und Lucia am Portale des Blindeninstitutes. Zu Sanguinetti’s selbständigen Arbeiten gehören etliche Medaillon-Porträte von Gelehrten an der Facade der Universität, sowie die Herzogbilder in der Aula da­selbst. Ferner entstanden die damals viel genannten Büsten des Ministers Karl Gra­fen v. Seinsheim, des Grafen v. Rechberg und einer vielgerühmten Münchener Schönheit, die Statue Memlings an der Pinakothek, desgleichen die des Ornamen­tisten im Giebelfelde der Glyptothek. Auch eine Anzahl kleiner Charakterstatuetten schuf Sanguinetti, z. B. die des Baumeisters Fr. Gärtner (noch in der Akademie) und einige humoristische Porträtfiguren, welche der Kunstverein erwarb.

Der überaus fleißige Mann erfreute sich bald eines behäbigen Wohlstandes und gründete einen eigenen Herd in einer mit drei Kindern gesegneten glücklichen Ehe. Der Abend seines Lebens wurde aber mit herben Schicksalsschlägen heimge­sucht. Goethe’s goldene Wirthschaftsregel, daß der nicht von der Erde geborne Mann sich nicht mit der Erde einzulassen habe, bewährte sich auch hier in trauriger Weise: Sanguinetti verlor ein kleines Landgut (bei Starnberg), welches der Künstler nicht zu bewirthschaften verstand; dann fiel seine schön aufgeblühte Tochter, erst 19 Jahre alt, unter der Mörderhand eines eifersüchtigen Studenten (7 Oct. 1858); seine schöne Bildersammlung verschwand unbezahlt mit einem gewissenlosen Kunsthändler; zuletzt verlor er im Jahr 1866 sein mühsam erspartes Vermögen und wurde sogar zum Verkauf seines kleinen Hauses gezwungen. Sein letztes Werk, welches der seit fünf Jahren von der schmerzhaftesten Gicht geplagte, ehedem so bildschöne und baumstarke Mann nicht mehr vollenden konnte, war eine für das Nationalmuseum bestimmte Statue König Maximilians II, dessen Büste (noch als Kronprinz) seine erste selbständige Leistung in München gewesen war. Das ist der traurige Ausklang eines reinen, ursprünglich schön angelegten Künstlerlebens.

Allgemeine Zeitung Nr. 50. Augsburg. Sonnabend, den 19. Februar 1870.


14-05-57* (Sanguinetti)