Allgemeine Zeitung (18.7.1852) / t_1244

München, 27 Jul. Heute nach 10 Uhr vormittags ist Dr. Andreas Schmeller nach dreitägigem Krankenlager gestorben; heiter, ruhig, wie sein Leben war. Mit ihm stirbt ein großer Gelehrter; aber er war mehr all das, er war ein großer Charakter. Der Stolz und die Freude seiner Freunde geht mit ihm dahin! Rein and lauter wie seine unsterbliche Seele in diese Existenz gesetzt worden war, hat er sie erhalten in einem Leben das reich war an Kämpfen und Mühen. Rein und in unbefleckter Schönheit hat er sie seinem Schöpfer zurückgegeben! Die Unschuld des Kindes und die bewußte, klare Stärke des Mannes war in diesem seltenen Menschen zur schönsten Harmonie vereinigt. Was er der Wissenschaft auf dem großen, theilweise erst durch ihn eröffneten Felde der Sprachforschung, zumeist der germanistischen, unvergängliches geleistet hat, das werden die Männer seines Faches, Mitarbeiter auf der Laufbahn, wie sein Freund Jakob Grimm and seine Schüler, dem Vaterlande dankbar zu berichten wissen. Aber unverwehrt sey uns jetzt schon die Klage um den hohen, reinen, thatkräftigen Charakter, um den Mann voll Liebe und zarter Empfindung, voll Bescheidenheit, sittlicher Sicherheit und Stärke, um den lautern Mann des Rechts, der Wahrheit, um den tiefen, duldsamen, nach allen Seiten hin milden Denker, um den Mann von unbeugsamer stiller Festigkeit, ohne Gepränge und Flitter, um den Mann der uneigennützigsten Tugend!

Allgemeine Zeitung Nr. 210. Augsburg. Mittwoch, 18. Julius 1852.


02-07-40 (Schmeller)