Allgemeine Zeitung (16.2.1879) / t_734

Nekrologe Münchener Künstler.

(S. »Allg. Ztg.« Nr. 30. B.)

IV. Michael Echter.

Und nun auch unser guter Echter! Das Stuttgarter Künstler-Lexikon behauptete in erster Auflage: seine Wiege sei in Danzig gestanden. Echter aber war ein echter Münchener, geboren am 5 März 1812 in unserer Stadt. Hätte er je zur Feder gegrif­fen um seine frühesten Erlebnisse zu erzählen, er hätte, wie Rietschel und Thäter, viel von Sorgen und Noth zu berichten gehabt. Aber gerade aus dem harten Boden stieg dieser Charakter empor wie eine Tanne, mit einer frischen Seele voll harziger Waldluft, großgesogen von Thau, Licht und Sonnenschein. Je steiniger der Grund des Lebens ihn umgab, desto muthiger strebte er hinauf – ein idealer, prächtiger Mensch, mit den hellen Augen, dem fröhlichen Sinn und dem äginetisch-schweben­den Schritt – eine Recken- und Heldengestalt wie aus den Tagen der Nibelunge.

Der Vater, ein bei der königlichen Silberkammer beschäftigter Tischler, welcher spä­ter noch zur Stelle eines Schloßverwalters in Bamberg emporstieg, schickte sein Kind in die Volksschule, wo neben den elementarsten Künsten auch Singen und Zeichnen getrieben wurde. Seine gute Stimme verschaffte ihm einen Platz als Chor­knabe in der Michaels-Kirche. Sein Eifer für’s Zeichnen führte den Vierzehnjährigen in die Lehre zu Seidel, welcher die zur Akademie führende Kluft überbrücken half, wo Echter geduldig den damals noch langen Weg von Gyps- und Draperie- bis zum Act- und Maler-Saale durchlaufen und, von der Hand zum Munde lebend, das Ge­lernte gleich wieder durch Unterricht verwerthen mußte. So wurden z. B. die bei­den Horschelt seine Schüler, denen Echter die Hand reichte zum ersten Schritte nach dem Tempel der Kunst und des Ruhmes; er legte den Grund so gut und prak­tisch, daß sie es ihm dankbar auch zeitlebens nicht vergaßen.

Man kann nicht sagen daß die Professoren damals ihre Leute verzärtelten und ver­wöhnten. Drang, Liebe und Begeisterung zur Kunst mußten alles thun. Die Aussich­ten waren nicht glänzend und der in weiter Ferne winkende Gewinn und materielle Lohn noch sehr klein und gering: Einen wie heute florirenden Kunsthandel gab es außer der schüchtern vegetirenden Wimmer’schen Anstalt noch gar nicht. Nur die Kirchenmalerei gab durch mehr wohlwollende als einsichtige Bestellungen einigen, aber höchst sparsamen Erwerb; beim behäbigen Bürgerstande galten Künstler und Hungerleider für identische Begriffe; der hohe Adel hielt vornehm an sich, und Kö­nig Ludwigs Vorbild und Beispiel standen noch ziemlich vereinzelt. Wir staunen heutzutage mit wie verhältnißmäßig geringen Mitteln es damals möglich war groß­artiges zu leisten. Dessenungeachtet murrten die »guten Münchener« über die kö­nigliche Munificenz. Was Schnorr als Honorar für den ganzen Bildercyklus in den fünf Sälen der Nibelungen erhielt, würde heut einem Halbweg namhaften Gen­remaler kaum noch für ein einziges Bild genügen! Leben und Lebensmittel waren damals aber noch wohlfeil. Dem Spruche gemäß daß Bier und Brod die Backen roth mache, nährte sich die kaum andere Bedürfnisse kennende Jugend redlich und tüchtig; lange Haare und ein Sammetrock thaten beinahe noch mehr und waren un­erläßlich, während ein ditto Baret oder gar ein rehlederner Tricot schon stillen Neid erregten und als höchster Luxus galten. Kostbare Ateliers mit Urväter-Hausrath, der überhaupt als reiner Plunder verachtet war, splendiden Gardinen, Teppichen, meterhohen Malfenstern und theueren Spielereien aller Art gab es damals noch nicht. Es sah überall nüchtern und einfach aus, sauber, steif und gerade wie ein ord­nungsliebender Mensch sein soll; von dem jetzt überall aufgehäuften malerischen Firlefanz wußte man nichts. Und doch war man vergnügt und behaglich. Unser Reich lag noch hoch in den Wolken und war nicht von dieser Welt. Das ist seitdem ganz anders geworden.

Ferdinand Olivier glaubte natürlich wie ein Vater gesorgt zu haben als er unserem Echter mit einem den Ritter St. Jörg vorstellenden ländlichen Kirchenbilde für das Gotteshaus zu Oberhaching die erste Bestellung verschaffte. Da mußte der Kunst­sinn doch schon in weiteren Kreisen festen Fuß gefaßt haben, wenn sogar in die­sem bisher nur durch seinen plötzlich verschwindenden Bach in der engeren Welt­geschichte bekannten Nest oder, artiger gesagt, in diesem Winkelchen der Erde, ein Pfarrherr solche Ideen plante. Dreißig Gulden war der blank gleißende Lohn. Echter aber nahm sich zusammen und that sein Bestes, so daß sogar der Oberha­chinger Besteller Einsehen bekam und im unbewachten Ausdruck der Freude für das schöne Werk sechs baare Gulden extra über den Contract bezahlte.

Mit großer Zuversicht wurden unter der Oberleitung von Heinrich Heß, Clemens Zimmermann und Julius Schnorr v. Carolsfeld neue Arbeiten und natürlich große historische Stoffe begonnen, so z. B. wie Graf Eberhard der Greiner, der von Uh­land besungene Rauschebart, vom armen Hirten aus dem Wildbad gerettet wird – ein Bild welches als sein erstes Werk 1835 im Kunstverein, ohne angekauft zu wer­den, erschien. Zwischendurch zeichnete und malte Echter unbeirrt weitere Kirchen­bilder, die Befreiung des hl. Petrus aus dem Kerker (1837), den Gang der Jünger nach Emaus oder neuerdings den großmächtigen Drachenstecher (1842) für die neuerbaute Capelle auf dem Schloßberg in Rosenheim, schuf auch Bildnisse und Porträte berühmter Zeitgenossen, z. B. des Gundelfinger Abgeordneten Leonhard Friedrich, welcher durch seine Freisinnigkeit in der Ständeversammlung (1843) das damalige Ministerium in Harnisch brachte, half dann seinem schwärmerisch verehr­ten Lehrmeister Schnorr v. Carolsfeld als tüchtiger Frescotier an den großen Wand­bildern des Festsaalbaues in der königlichen Residenz, schuf außerdem noch manch Marienbild (1845) und andere Heilige (1846) für die Kirche zu Prien im Auf­träge des Grafen v. Preysing, bis ihn eines Tages Wilhelm Kaulbach durch das Salz­kammergut, über Linz, Wien, Prag und Dresden nach Berlin entführte (1847). Welch’ ehrenvolles Zutrauen unmittelbar in Gesellschaft mit dem Meister die seit­her weltbekannt gewordenen Compositionen im Treppenhause des Neuen Muse­ums ausführen zu dürfen! Dabei bewährte sich, nebenbei bemerkt, die von Profes­sor v. Fuchs und Jos. Schlotthauer erfundene Stereochromie glänzend. Was hier Echter leistete mit jahrelangem Fleiß und innigster Hingebung, gereicht ihm zu un­vergänglichem Ruhme. Dieses treue Eingehen und tiefempfundene Wiedergeben der Intentionen seines Vorbildes war von selbstloser Begeisterung getragen. Für einen schöpferisch-begabten Künstler ist es immer eine Art Opfer und Entsagung auf eigene Production zu verzichten und seine beste Kraft der Ausführung eines fremden Werkes unterzuordnen; dazu vermag nur eine völlig neidlose und reine Seele sich zu erheben…. Zwischen den beiden Künstlern entstand auch eine innige Freundschaft, welche, vorübergehende Stimmungen abgerechnet, dauernd hielt, obwohl Kaulbach nicht selten einer Theorie der Freundschaft huldigte welche hin­ter der nüchternen Praktik Friedrichs des Großen nicht zurückblieb. Während sei­nes langjährigen Aufenthalts zu Berlin entwarf Echter auch einige eigene Composi­tionen für den Grafen Raczynski, welche er im Atrium des genannten Palais in Fres­co malte.

Zurückgekehrt nach München 1858, schuf er vier Wandbilder für die historische Gallerie des bayerischen National-Museums: den Sieg Kaiser Heinrichs IV. über sei­nen Gegenkönig Rudolf von Sachsen am 12 August 1078 bei Mellrichstadt, und die Hochzeit des Barbarossa mit der Pfalzgräfin Beatrix von Burgund im Hofe des Würzburger »cazenwichûs« – einem historischen, höchst merkwürdigen Bollwerk, welches leider im Jahre 1852 der Eisenbahn zum Opfer fallen mußte. Auch die Sce­ne wie Walther von der Vogelweide, der süße Liedermund, im »Lusemgarten« des neuen Münsters in Würzburg zur letzten Rast getragen wird und der sogenannte »Wartburg-Krieg« sind von Echters Hand. Daran schloß sich im Auftrag Sr. Majestät des höchstseligen Königs Maximilian II die Darstellung der »Ungarn-Schlacht auf dem Lechfeld« (955). Echter bewies mit diesem dem kgl. Athenäum einverleibten Werke nicht allein seine lang’ darnieder gehaltene Fähigkeit eigene Ideen zu ge­stalten und durchzuarbeiten, sondern auch im Oelbild eine gediegene Farbenkraft und verdienstliche Technik. Mit einer 1865 an der Westseite desselben Gebäudes gemalten den »Vertrag von Pavia« darstellenden Freske schied letzterer von dieser historischen Thätigkeit, auf welche wir bei aller Hochachtung vor Echters Leistun­gen doch nicht den Schwerpunkt seiner Kunst legen möchten. Sein ganzes Wesen drängte nach Stoffen wo er die schöpferische Phantasie freigestaltend walten las­sen durfte, unbeengt von obligater Costüm- und Waffenkunde und sonstigem ar­chäologischen Culturkram, in welchem er sich jedoch gut und geläufig zu bewegen wußte.

Schon 1860 erschienen im Münchener Kunstverein die »vier Elemente« welche Ech­ter als Thürsturzbilder für Hrn. v. Cramer-Klett zu Nürnberg ausführte. Verzichtend auf alle herkömmliche Allegorie, packte er mit dichtender Hand seinen Stoff: in an­muthigster und sinnigster Weise führt uns der Künstler eine Reihe lieblicher Kinder­gestalten vor, deren Beschäftigungen jene Hauptkräfte der Natur charakterisiren welche man Elemente zu nennen pflegt. Auf Waarenballen und Kisten schließen zwei mit ernsten Mienen ein Handelsgeschäft ab, indeß der Floß mit ihnen den Strom hinabgleitet; ein dritter schnellt an der Angel einen zappelnden Fisch aus dem Wasser, dessen Fluth ein vierter mit kräftigem Ruderschlag theilt. Tief im Grunde der Erde rollt, von Knaben in Bergmannskleidern gezogen, ein mit Metall beladener Karren und ertheilt der Obersteiger mit komischem Ernst seine Befehle. Dort raucht der Meiler und qualmt der Schmelzofen und sprühen die Funken unter mächtigen Hammerschlägen, während ein jugendlicher Kohlenträger sein Pfeifchen schmaucht. Von besonders anziehender Wirkung aber ist »Die Luft,« wobei der Künstler einen Knaben orgelspielend, einen anderen Seifenblasen machend zeigte und auch das muntere Vöglein nicht vergaß, das lustig in die Welt hineinsingt.« (Vgl. C. A. Regnet: »Münchener Künstlerbilder.« 1871. I. 112. Bei dieser Gelegen­heit sei uns eine nothgedrungene Bemerkung erlaubt. Während wir selbst jede fremde Stelle mit dankbarer Angabe benützen, werden unsere Arbeiten nicht allein ohne die geringste Quellen-Angabe wörtlich ausgebeutet, sondern theilweise ganz nachgedruckt, ohne den geringsten Nachweis woher dieselben genommen. Wir protestiren gegen solche literarische Freibeuterei um so mehr, als auch die Cotta’sche Buchhandlung die Mitarbeiter der »Allg. Ztg.« auf den §. 10 des Geset­zes über das Urheberrecht an Schriftwerken verpflichtet.)

Im nächsten Jahre schuf Echter die vier Fresken-Friese in den beiden Durchfahrten des Münchener Staatsbahnhofes, worin er nicht allein den Bau der Eisenbahnen und alle hiebei verwendeten Zweige geistiger und gewerblicher Thätigkeit, son­dern auch den völkerverbindenden Verkehr, den Weltaustausch der Waaren und Er­zeugnisse aller Zonen in geistvollster Weise zum Ausdruck brachte. Das ist echt monumentale Malerei, welche ohne Schwulst und Floskelschwall leicht verständlich zum Volke redet. Es ist unstreitig das beste was Echter geleistet hat, wozu gleich­falls auch die Bilder in der großen Einsteighalle des Bahnhofes gehören. In dieser ist ein beschwingter Genius selbstredend als der Träger des großen Uhr-Zifferblat­tes gedacht; ihm zur Seite finden wir in zwei spitzbogigen Feldern die beiden Erfin­dungen vertreten, welche einzig hieher gehören: Dampfkraft und Telegraphie – an sich gewiß sehr prosaische Probleme, welche indessen nur einer poetischen Berüh­rung bedürfen um in idealer Gestaltung zu erscheinen. In wilder Hast stürmt uns auf dem ersten Bild ein geflügelter Dämon entgegen; Dampf-Ringelchen pfeifen stoßweise aus seiner keuchenden Brust; seine Arme und Beine theilen in wüthen­den Stößen die Luft, alles darniederwerfend was sich ihm in den Weg stemmt; zer­trümmert stürzen die Zollschranken und Schlagbäume, den schreibseligen, auf Wanderbuch, Vorweis und Paßquälerei erpichten Thorwärtel zur Seite schleudernd. Aber der Dämon ist mit Ketten an den Armen dienstbar gemacht einer hehren, auf ihm in halb kniender Stellung schwebenden, hellen Auges in die Ferne sehenden Frauengestalt, welche durch den Caduceus mit dem geflügelten Stabe hinreichend charakterisirt ist, begleitet von zwei Genien, deren einer mit geschwungenem Beil alle Wege zu ebnen trachtet, indeß der andere freigebig aus seinem Füllhorn Blu­men, Früchte und Schätze streut. Wo möglich noch origineller gelang ihm auf dem zweiten Bilde die Gestaltung der Telegraphie. Aus scharfkantigen Erzstufen taucht halben Leibes ein riesiges Weib empor; ihr Auge blitzt in die Ferne, ihr reiches Haar wird durch den von ihr ausgehenden und sie durchziehenden elektrischen Strom flatternd emporgetrieben. Mit den von bärtigen Gnomen unterstützten weit ausge­streckten Armen scheint sie die Welt umspannenzu wollen – gleich den wirklichen Dräthen des Telegraphen, dessen äußerer an und für sich so nüchterner Apparat in überraschender Weise versinnlicht ist: zu jeder Seite sitzt eine schöne Frauenge­stalt; fünf geschäftig die ganze Gruppe in einem Bogen umflatternde Knabenge­stalten bilden das vermittelnde Band: der erste empfängt von der schönen Frau eine stille Botschaft, welche der letzte in diesem Reigen augenblicklich der gegen­über sitzenden Frauengestalt ins Ohr flüstert, die im gespanntesten Ausdruck des Hörens gleichzeitig die Hand erhebt um die Kunde auf ihr schmales Schriftband niederzuschreiben. (Vgl. die Holzschnitte nach Alberts Photographien in der »Illustr. Ztg.« Leipzig vom 27 Dec. 1862 39. Band S. 464. Dazu Regnet in den »Münchener Propyläen« 1869 S. 398 u. in s. »Künstlerbildern« S. 114.)

Wahrlich! wenn es, wie Emanuel Geibel so schön sagt, die Aufgabe des Dichters ist auch dem widerspänstigsten Stoffe durch vollendete Form doch ein Lächeln abzu­gewinnen, so bat Echter gleicherweise im adäquaten Fall als wahrer Künstler ein unvergängliches Werk geschaffen. Hoffentlich denkt man daran alle diese nur Grau in Grau auf rothen Grund gemalten Compositionen bei dem bevorstehenden Ab­bruch des alten Bahnhofs sorgfältig zu erhalten und wo möglich in den Neubau zu transferiren, welcher gewiß keines passenderen Schmuckes theilhaft werden könn­te.

Durch diese Leistungen wurde die Aufmerksamkeit Sr. Majestät König Ludwigs II auf Echter gelenkt. Derselbe ertheilte ihm die ehrenvollsten Aufträge. So entstan­den in dem zu den Appartements Sr. Majestät führenden Corridor (dem nach der gegenüberliegenden Kirche sogenannten »Theatinergang«) dreißig Fresken zu Wagners »Ring des Nibelungen,« womit damals der ganze Cyklus den ersten Illus­trator fand. Diese namentlich durch ihre wohlgefällige Farbe ausgezeichneten Bil­der wurden in der Folge von Franz Heigels Meisterhand in minutiöser Durchbildung copirt und schließlich durch Alberts Photographien vervielfältigt (Der Ring des Ni­belungen. Photographien nach den im Allerhöchsten Auftrage Sr. Maj. König Lud­wigs II von Bayern in der Residenz zu München ausgeführten Fresco-Gemälden von Professor M. Echter. Mit erläuterndem Text von Dr. H. Holland. München 1876 (Ca­binetsformat). Die Original-Skizzen dazu erschienen im Dec. 1876 auf der »Richard Wagner Ausstellung« zu Wien Vgl. Beil. 356. »Allg. Ztg. 21 Dec. 1876.) – nächst den Arbeiten von Th. Pixis ein Gemeingut im weitesten Sinne für alle Wagner-Freunde. Auch zu den übrigen Tondichtungen Wagners entwarf Echter eine Reihe von Aqua­rellen, welche indessen noch der Veröffentlichung harren; ein Theil davon, darunter auch sechs Cartons zu »Tristan und Isolde,« trat 1876 bei Gelegenheit der Wiener Wagner-Ausstellung zu Tage.

Aber auch einer stattlichen Reihe von Privataufträgen wußte der unermüdlich fleißi­ge Mann, dessen Schaffenskraft mit den Jahren zu wachsen schien, zu genügen. So malte Echter ein Ueberthürbild für den Tapezierer Steinmetz, mit der ihm eigenen Genialität das alltägliche Leben erheiternd, indem er neckische Jüngelchen dar­stellte, welche mit Spiegeln und Blumengewinden einen Saal festlich aufputzen. Für den Kaufmann Thierry malte er eine Gruppe glückselig spielender Kinder, ebenso die »zwölf Monate« an den Plafond des Eisenwaarenhändlers Kustermann. Auch zeichnete er die Cartons zu den von entsprechenden Symbolen umgebenen kolos­salen Gestalten der »Kunst« und »Technik,« welche am Hause des Civilingenieurs Beeck zu Augsburg in Sgraffito ausgesührt wurden. Deßgleichen schmückte er ei­nen Tanzsaal in Frankfurt mit zwei Deckengemälden, mit einer ihre Liebesgötter (pfeilschießende Amoretten) in den Saal sendenden Venus und einer echt Home­risch am Morgenhimmel heraufziehenden Aurora. Für ein Privathaus zu Wien schuf er 1873, umgeben von in vier Medaillons vertheilten Künsten, die Figuren der »Poe­sie« und »Phantasie.« Auf der Münchener Kunst-Ausstellung des Jahres 1876 erschien eine von dem heitersten Humor eingegebene Zeichnung, worauf Echter gleichfalls in einem Kinder-Fries die »Photographie« in neckischer Weise verherr­lichte; das köstliche Blatt bildet jetzt eine Perle unseres Hand-Zeichnungs- und Kupferstich-Cabinets, welches trotz seiner beschränkten Mittel durch die umsichti­gen Bemühungen des Consevators Rothbart fortwährend mit neuen Schätzen be­reichert wird. Vier die »Jahreszeiten« darstellende Kohlenzeichnungen erwarb 1877 der Münchener Kunstverein, welche durch das Loos Hrn. Kaufmann Joh. Karl Buch­ner zufielen.

Früher hatte sich Echter auch an den bei C. Meinhold und Söhne in Dresden er­scheinenden »Bildern zur deutschen Geschichte nach Original-Zeichnungen deut­scher Künstler« betheiligt, und zu den »Zwölf Bildern aus dem Leben bayerischer Fürsten,« welche im besonderen Auftrag Sr. Maj. König Maximilians II unter Mitwir­kung von Foltz, Hiltensperger, Andreas Müller, K. Piloty, Moriz v. Schwind und A. Strähuber (München 1852 bei Braun und Schneider) herausgegeben wurden, das schöne Blatt gezeichnet wie der ritterliche Herzog Christoph bei der Hochzeit Georgs des Reichen zu Landshut einen riesigen Polen aus dem Sattel wirft. Der größte Theil von Echters Schöpfungen erschien indessen bei Albert oder Hanf­stängl in Photographie. Leider fehlt uns, während F. v. Miller und Prof. H. Brunn eine Sammlung für Gyps-Modelle begonnen haben, immer noch eine Staatsanstalt welche in ihren Räumen den besten Original-Cartons berühmter Meister ein Asyl bieten könnte. Im Auftrag Sr. Maj. König Ludwigs II begann Hr. Director v. Hüther einstweilen in der Neuen Pinakothek mit der Ausstellung der von J. A. Fischer, Schraudolph u. a. gezeichneten herrlichen Cartons, welche bei Auflösung der kgl. Glasmalerei aus deren Lokalitäten gerettet wurden. Echters Schöpfungen dieser Art, insbesondere seine Cartons zu den Münchener Bahnhof-Bildern, wären einer gleichen pietätvollen Erhaltung werth und würdig. Nach ihrer Vollendung wurde der Künstler von der Akademie der bildenden Künste zum Mitglied ernannt (1862); als dieselben 1865 auf der internationalen Kunst-Ausstellung zu Antwerpen erschie­nen, erhielt Echter den belgischen Leopold-Orden; 1868 folgte das Ritter­kreuz des Verdienstordens vom hl. Michael I. Classe, zugleich mit einer Anstellung als Professor an der k. Kunstgewerbschule, nachdem Echter vorerst längere Zeit eine ähnliche Stelle an dem Kunstgewerbe-Verein bekleidet hatte. Auch war unser Echter unter den ersten welche von unserem Monarchen mit der goldenen Lud­wigsmedaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurden.

Dieses künstlerische, von Anerkennungen und Aufträgen belohnte, von einem glü­cklichen Familien-Leben getragene Arbeiten und Schaffen zerriß auf einmal eine Kette von Leiden. Erst überfiel 1875 den seither kerngesunden Mann, welcher eben seines athletischen Baues wegen bei dem noch in der Erinnerung aller Bethei­ligten fortlebenden Künstler-Masken-Fest von 1840 (Albrecht-Dürer-Fest) als Ban­nerträger und Fahnenschwinger glänzte, eine tückische Gliederkrankheit, die alle Bewegung hemmte und zum Gebrauch eines Schweizer-Bades zwang. Als die Plage wich, trat ein Augenleiden auf, welches mehrfache, leider vergebliche, Operationen erheischte und zu des Künstlers trostloser Ueberraschung mit völliger Erblindung endete. Dazu gesellte sich ein erst unscheinbares Magenleiden, das heillos um sich griff, bis den mit bewunderungswerther Ergebung ausharrenden Dulder am 4 Febr. der Tod erlöste. Um sein mit Blumen überschüttetes Grab drängten sich die Freun­de; jeder suchte dem Verewigten und den Hinterlassenen ein Zeichen der Theilnah­me zu weihen. Sein Name aber bleibt ehrenvoll in der Kunstgeschichte für alle Zei­ten. Echter gehörte, nach dem Ausspruch eines gewiegten Kritikers, »noch zu den wenigen Künstlern und Lehrern des heutigen München welche in der monumenta­len Kunst das Princip der idealen Formgebung über das der realistischen Coloristik setzen« (vgl. Reber »Geschichte der neueren deutschen Kunst.« Stuttg. 1876. S. 344).

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 47. Sonntag, 16. Februar 1879.


27-12-02 (Echter)