Allgemeine Zeitung (12.5.1859) / t_422

Otto Sendtner.

Gestatten Sie mir in diesen ernsten Tagen eines Mannes der Wissenschaft zu ge­denken der vor kurzem den Seinigen und dem Vaterlande durch den Tod entrissen worden ist. Das Verdienst des Geschiedenen zu ehren ist Pflicht des Ueberleben­den; und es wird gewiß auch jetzt von Interesse seyn an einem neuen Beispiel zu sehen was reine Liebe zur Sache und edler deutscher Sinn unter mannichfachen Hemmungen zu erreichen und zu leisten vermögen.

Otto Sendtner wurde geboren am 27 Juni 1813. Sein Vater, damals Redacteur der Münchener politischen Zeitung, später Professor der Aesthetik, gab ihm eine Erzie­hung die ihn mit dem Leben wenig in Berührung brachte und die Ausbildung eines ideellen, Einsamkeit liebenden Sinnes begünstigte. Früh schon, bei längerem Auf­enthalt auf dem Lande, wurde sein Geist auf die Natur gelenkt. Die Liebe zur Pflan­zenwelt und ihr stets erneuertes Betrachten führten ihn zum wissenschaftlichen Studium derselben, und schon als er das Gymnasium verließ, war er was man einen »fertigen Botaniker« nennt. Auf der Universität zu München hörte er vorzugsweise naturwissenschaftliche Collegien, und fühlte sich besonders zu dem ausgezeichne­ten Mineralogen Fuchs hingezogen; den größten Einfluß auf sein Lieblingsstudium gewann indessen Karl Schimper, der in den ersten dreißiger Jahren zu München seine botanischen Entdeckungen vortrug. Sendtner schloß sich an ihn an, wurde bald sein eifrigster Schüler, und legte damals den Grund zu seiner Art die Wissen­schaft zu betreiben. Wenn in Schimper philosophisches Denken mit genauester Be­obachtung sich verband, so hielt sich der begabte Schüler mehr an die letztere Thätigkeit des Lehrers; er schätzte an ihm, wie er in einer hinterlassenen Schrift sel­ber sagt, vor allem den »Mann der Thatsachen,« bildete im Verkehr mit ihm, auf den vielfachen Excursionen, das eigene Beobachtungstalent aus.

Nach zurückgelegtem zwanzigsten Jahr verlor Sendtner den Vater, und es begann für ihn eine Zeit der Noth und der Entbehrungen. Gedrängt an eine Sicherung der Zukunft zu denken, studierte er Medicin; seine Nerven konnten indeß die Beschäf­tigung mit dem Secirmesser nicht ertragen, und nach wiederholter Erduldung von Ohnmachten mußte er diesem Studium entsagen. Er hielt sich wieder an die Bota­nik, gewann seine Existenz durch Unterrichtgeben und Zeichnen, bis er im Jahr 1837 in eine Stellung gerufen wurde die, so unscheinbar sie war, ihn doch in die ihm gemäße Bahn lenkte, und Arbeiten beginnen ließ durch welche er seinen Na­men in die Geschichte der Wissenschaft einschreiben sollte. Er kam nämlich als Zeichner und Privatsecretär in das Haus eines schlesischen Freiherrn. Seine Verhält­nisse gestatteten ihm wiederholte Ausflüge in die Sudeten, zugleich lernte er Nees v. Esenbeck kennen, und erhielt durch Vermittelung desselben zur Untersuchung der dortigen Kryptogamenflora eine Unterstützung vom Ministerium Altenstein. Mit den Studien die er vornahm, that er den ersten Schritt sein Fach zu treiben zum Zweck der Ausbildung eines besondern Zweiges, den zu cultiviren er speciell beru­fen war – der Pflanzengeographie.

Seine ferneren Schicksale waren darnach angethan ihn auf diesem Wege zu erhal­ten. Nach München zurückgekehrt, erhielt er einen Platz am Herzoglich Leuchten­berg’schen Naturaliencabinet in Eichstädt, konnte damit aber botanische Reisen in deu Karst und die montenegrinischen Gebirge verbinden, wozu der Antrag von ei­nem Fachgenossen, dem Triestiner Bürgermeister, Tommasini, an ihn ergangen war. Nachdem er später an der brasilischen Flora des Hofraths v. Martius mitgearbeitet und eine Monographie der Solaneen verfaßt hatte, unternahm er 1817 eine wissen­schaftliche Tour nach Bosnien, die ihm reiche Ausbeute gewährte, die er aber, von einem Türken mörderisch angefallen und verwundet, früher beenden mußte als er gedachte. Er hat sie im »Ausland« 1848 sehr lebendig und anziehend beschrieben. Endlich wurde er Docent an der Universität München, Adjunct an der Akademie der Wissenschaften unter Martius, und bald in den Stand gesetzt die Specialstudi­en zu seinem wissenschaftlichen Lieblingsproject zu machen.

Unterstützt von Seiten der Akademie, bereiste er fünfmal nach einander die Haupt­punkte des südlichen Bayerns; im Jahr 1854 konnte er abschließen und die Resulta­te seiner Forschungen unter dem Titel »die Vegetationsverhältnise Südbayerns« der Oeffentlichkeit übergeben. Die Arbeit wurde von Männern des Fachs als eine höchst inhaltsvolle, nach Plan und Ausführung als ein Musterwerk begrüßt. Für den Verfasser waren diese Urtheile um so ehrenvoller, als die Aufgabe die er sich ge­stellt zu den vorzugsweise complicirten gehörte, und die wissenschaftliche Lösung die größte Umsicht, den ausdauerndsten Fleiß zur Bedingung machte. Um nur ei­nes anzuführen, so waren dazu über hundert einzelne Bergersteigungen in den Al­pen erforderlich! Das verdienstlichste an dem Werk selbst ist der dem Verfasser ganz angehörige Plan, vermöge dessen die gesammte Mannichfaltigkeit der ferti­gen Pflanzendecke zugleich mit ihren äußern Ursachen anschaulich gemacht, und wichtige Anregungen zu Verbesserungen in der Land- und Forstwirthschaft gege­ben werden konnten.

In und mit dieser Thätigkeit rückte Sendtner an der Universität vor. Er wurde im Jahr 1854 außerordentlicher, drei Jahre spater ordentlicher Professor. Sehr anre­gend in seinen Verträgen, trat nach dem Ausspruch eines seiner Schüler die Liebe dieses Mannes zur Natur doch am hellsten im unmittelbaren Verkehr mit ihr, auf Ex­cursionen, hervor. Da zeigten sich alle Vorzüge seines Geistes und Charakters im reinsten Licht, und er gewann durch liebenswürdigen Lehreifer die jüngern Kräfte, die, ihrem praktischen Beruf folgend und über das ganze Land vertheilt, ihn in sei­nen pflanzengeographischen Untersuchungen durch zahlreiche Beiträge unterstütz­ten. Sicher vorschreitend in Arbeiten an denen er leidenschaftlich hieng, anerkannt von den Fachgenosssen, glücklich verheirathet und umgeben von blühenden Kin­dern, hatte er kaum noch etwas anderes zu wünschen als was ihm im Verlauf der Zeit von selber kommen mußte.

Sein Streben gieng immer mehr darauf durch seine wissenschaftlichen Arbeiten der landwirthschaftlichen Praxis förderlich zu werden, die Ergebnisse seiner Studien über Ernährung der Pflanzen der Bodencultur ersprießlich zu machen. Er freute sich der Erwerbungen ausgezeichneter Lehrkräfte für die Universität München, und war darauf bedacht seine eigenen Kenntnisse in der Physik und Chemie zu erweitern, um zu seinen speciellen Zwecken die bestimmtere Mitwirkung dieser Disciplinen zu gewinnen. Gründlicher ausgerüstet wollte er seine Reise nach der Türkei wiederholen, um einen umfassendern und reifern Beitrag zur Pflanzengeographie zu liefern.

Allein diese Gedanken, wie sehr sie ihn erfüllten uub hoben, sollten sich nicht ver­wirklichen. Die ihm eigene Reizbarkeit der Nerven steigerte sich in der letzten Zeit – wie es scheint hauptsächlich weil er seiner Arbeitskraft allzuviel zumuthete! – zur förmlichen Krankheit. Während seine Aufgeregtheit mehr und mehr überhand­nahm, verfiel sein Leib, und der Geist, der so herrliche Proben wissenschaftlicher Klarheit gegeben, wurde verdunkelt. Er verschied am 21 April, noch nicht 46 Jahre alt.

Krankheit und Tod ereilten ihn über der Ausarbeitung eines zweiten größern Werks, in welchem er die pflanzengeographischen Verhältnisse des bayerischen Waldes zu schildern unternahm. Das Manuscript ist nahezu abgeschlossen, und sei­ne Freunde werden im Stande seyn es zu veröffentlichen. Den früh Geschiedenen, tief Betrauerten werden nicht nur seine Hauptwerke überleben, sondern auch die Anregungen welche Schüler und Fachgenossen von ihm empfangen haben, und die, zeitgemäß wie sie es sind, in fortsetzender Thätigkeit immer reifere Früchte tragen werden.

Allgemeine Zeitung Nr. 132. Donnerstag, 12. Mai 1859.


01-06-05/06 (Sendtner)