Allgemeine Zeitung (11.10.1893) / t_1011

München, 11. Oct. Ein Mitglied unsres Hoftheaters feierte kürzlich in aller Stille sein 40jähriges Künstlerjubiläum: Frln. Rosa Lanzlott. Die »Augsb. Abendztg.«, welche nachträglich auf das klang- und sanglose Jubiläum dieser untergeordneten, aber überaus verdienstvollen Schauspielkraft ansmerksam macht, widmet ihr in nachste­henden Zeilen vollberechtigtes Lob. Am 1. October 1853 trat Frl. Lanzlott (nach der Grandauer’schen Chronik) an Stelle von Therese Döllinger. Seit dieser langen Zeit ist sie, zumeist in bescheidenen Röllen zweiten und dritten Ranges, aber im­mer mit bewundernswerthem Fleiße, mit strenger Gewissenhaftigkeit, auch der kleinsten Aufgabe die höchste Aufmerksamkeit und die sorgfältigste Vorbereitung widmend, im Dienste ihrer Kunst der heimischen Bühne treu geblieben. So manch­mal im Laufe der Jahrzehnte durften wir in diesen Blättern ihren Leistungen dank­bare Anerkennung zollen, Leistungen, die der großen Welt zumeist nur wenig in die Augen fielen, deren Gediegenheit aber dem aufmerksamen Beobachter erst dann am klarsten zum Bewußtsein kam, wenn ab und zu versucht wurde, eine jün­gere Kraft in der gleichen Rolle zu erproben. Martin Schleichs Bühnenstücke waren früher besonders geeignet, der beliebten Künstlerin schöne Triumphe zu bereiten: Schleich hatte ja, als er die fraglichen Rollen schuf, die eigenartige, kernige Bega­bung seiner Freundin und Landsmännin fest vor Augen. In Schleichs »Bürger und Junker« beging denn auch vor wenigen Tagen die Hofbühne das Erinnerungsfest an die vierzigjährige Thätigkeit der von allen ihren Kunstgenossen hochgeschätzten Jubilarin, aber in aller Heimlichkeit, so daß der weitere Kreis von Freunden und Verehrern erst nachträglich davon Kenntnis; erhielt. Gewiß entsprach die Theater­leitung damit nur einem Herzenswünsche der überbescheidenen Künstlerin, aber ebenso gewiß war es doch nicht ganz recht, denn viele Hunderte von Kunstfreun­den, die sich mit lebhaftem Vergnügen der schönen Leistungen der jungen Rosa Lanzlott erinnern und heute noch sich freuen, wenn sie den Namen der gereiften Künstlerin am Theaterzettel lesen, hätten den Tag gern mitgefeiert.

Allgemeine Zeitung Nr. 282. München. Mittwoch, 11. October 1893.


06-14-02 (Ast & Lanzlott)