Allgemeine Zeitung (1.7.1883) / t_696

Nekrologe Münchener Künstler.

Die neuere Kunstgeschichte bietet mannichfache Beispiele – wir erinnern nur an Generalmajor Karl Wilhelm v. Heideck – daß die Palette des Malers mit dem Schwerte des Kriegers nicht unvereinbar sei, und daß derselbe Lorbeerkranz bis­weilen beide umschließt, schmückt und ehrt. Ein neuer Beleg hiefür war General Hugo Ritter v. Diehl. Während seine militärische Thätigkeit ruhmvollst anerkannt ist, schulden wir ihm noch ein Wort der Erinnerung als Künstler, wozu sein über die ge­wöhnlichen Gränzen des Dilettantenthums gehender Ernst und Eifer vollauf be­rechtigen.

Hugo Joseph August Diehl wurde am 21. December 1821 als der Sohn eines k. Stallmeisters geboren. Der Trieb zum malerischen Schauen erwachte frühe, viel­leicht durch Einfluß der Mutter, einer geborenen Enhuber, und machte sich schon im Cadettencorps bemerklich, wo derselbe durch guten Unterricht im Zeichnen be­sonders genährt wurde. Das Vorbild von Heideck gab weitere Anregung, außer­dem besuchte Diehl nach seinem Eintritt in die Linie die Ateliers von Peter Heß und Albrecht Adam und zeichnete Acte mit Friedrich Voltz. Das ausgesprochene Talent weiter zu fördern, sendete König Ludwig I den jungen Officier, nachdem derselbe bei Gustav Seeberger die Elemente der Perspective studiert hatte, nach Paris zu Horace Vernet. Die Theilnahme an einer Expedition nach Algier blieb ihm leider verwehrt, obwohl selbe damals als eine wahre artistische Inaugural-Promotion galt, da ein Schlachtenmaler einzig auf diesem Terrain sein Métier studieren konnte. So­mit blieb dem Künstler nichts übrig, als die Darstellung idealer Schlachtenscenen und die Reconstruction historischer Gefechte.

Mit einem »Schlachtstück« dieser Art trat der Lieutenant Diehl zuerst 1844 vor das Publicum im Münchener Kunstverein; weitere Bilder dieser Art folgten unter ande­ren 1847: »Am Abend eines Gefechts« und ein »Transport französischer Gefange­ner durch Kosaken«; 1849: die »Erstürmung des Dorfes Grand-Torey in der Schlacht bei Arcis sur Aube am 20. März 1814« (unter Major v. Baligand). Alle Kraft aber ver­wendete Diehl auf ein großes Bild, welches im März 1853, gleichzeitig mit Albrecht Adams »Gefecht auf der Düppeler Höhe nach Einnahme der Schanzen« im Kunst­verein ausgestellt wurde. Diehl wählte die »Schlacht von Szöreg in Ungarn«, ohne daran persönlich theilgenommen oder an Ort und Stelle Terrainstudien gemacht zu haben, bloß auf Détail-Berichte und die genaue Information durch Augenzeugen gestützt. Dre Kritik äußerte sich übereinstimmend günstig, rühmte die großen die Schule Vernets bewährenden Fortschritte des Künstlers, seine Gewandtheit in Zeichnung und Farbenbehandlung, die richtige Perspective in der Landschaft, die plastische Gestaltung der Gruppen u. s. w.

Seine militärischen Kenntnisse kamen dem Künstler natürlich zu statten, welcher den wichtigen Entscheidungsmoment mit strategischem Blicke erfasste. Die Situati­on war kurz folgende: Feldzeugmeister Haynau hatte am 3. August (1849) den Ue­bergang über die Theiß erzwungen und am folgenden Tage das linke Ufer des Flus­ses besetzt. Da Dembinski mit seinen Ungarn auf dem zwischen der Theiß und der Maros hinlaufenden Damme eine vortheilhafte Stellung inne hatte, so beschloß Haynau diese zu nehmen. Die Ungarn vertheidigten sich und schoben eine Batterie vor, während sie auf anderen Punkten schon zu weichen begannen; ein forcirter Reiterangriff, welcher sich der ungarischen Artillerie entgegenwarf, entschied die Schlacht. Diesen Moment wählte der Maler: Haynau in Mitte seines Generalstabes empfängt die Rapporte über den Gang oer Schlacht, welche, wie das Artilleriefeuer zeigt, noch auf der ganzen Ausdehnung der Linie in Bewegung ist, während die Reiterei zum entscheidenden Angriffe ansprengt. Aus dem Mittelgrunde, wo die Schlacht tobt, spielen platzende Granaten bis in den Vordergrund herein, und stür­zende Reiter sind neben gefangenen Honveds sichtbar; andere Krieger schauen von einem Hügel nach dem Schlachtfelde aus. Einen wirksamen Gegensatz bildet die Ruhe des Feldherrn mit seiner Umgebung; neben Haynau erkannte man die Portraits des Generalmajors Haslach, Oberstlieutenants Faber u. s. w. (Vergl. Nr. 81 »Bayer. Landbote«, 22. März 1853.). Das Bild fand seinen Lohn, indem Se. Majestät der Kaiser Franz Joseph selbes erwarb (»Allg. Ztg.« Nr. 11 1814.).

Diehl, welcher unterdessen zum Hauptmann vorgerückt war, vollendete noch zwei Bilder, ein »Avantgarde-Gefecht bei Gjat« aus dem russischen Feldzug 1812 und eine »Episode aus dem Gefechte von Galsalva« (17. Januar 1849). Dann legte er den Pinsel nieder, *) gewiß ohne zu ahnen, daß er noch ganz andere Scenen schau­en und in persönlicher heldenmüthiger Action dirigiren werde, wie Diehl dieses in den Kriegsjahren 1866 und 1870 in ruhmvoller Weise bethätigte. Leider wurde ihm keine Gelegenheit und Muße diese seine Erlebnisse künstlerisch zu gestalten, des­senungeachtet bleibt sein Name doch berechtigt, von der Kunsthistorie fürder ge­nannt zu werden, wenn er auch in den Annalen der Kriegsgeschichte mit hellerem Glanze strahlt.

*) Sechs Costümbilder mit der Uniformirung der Zöglinge des Cadettencorps aus der Zeit von 1756-1858, welche Diehl 1856 in diese Anstalt stiftete, kommen hier nicht in Betracht. Als Schriftsteller verfaßte Diehl eine »Anleitung zum Studium der Taktik für angehende Officiere aller Waffengattungen.« Augsburg 1864 (bei Rie­ger). Ueber Diehls militärische Laufbahn vgl. Schrettinger: »Der kgl. bayer. Militär-Max-Joseph-Orden und seine Mitglieder.« 1882. I. Band. S. 155 ff.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 181. München. Sonntag, 1. Juli 1883.


31-01-07 (Diehl)