Allgemeine Zeitung (1.11.1885) / t_1067

Nekrologe Münchener Künstler.

Ludwig Meixner wurde am 10. Febr. 1828 zu München geboren als der Sohn des gleichnamigen Schloßverwalters. Der Vater sah es sehr ungern, als der Junge die gelehrten Studien unterbrach und der Kunst zusteuerte; die Folge davon war, daß er seine Hand von dem Eigensinnigen abzog, welcher dafür Kraft und Fleiß verdop­pelte, um baldmöglichst auf eigenen Füßen zu stehen. Zwei Jahre mühte er sich im Antikensaale der Akademie (1845-1847) – dann brach seine Liebe zur Natur mit in­stinctiver Macht sich Bahn: Meixner wählte die Landschaftmalerei als Beruf und Bernhard Stange als Lehrer. Und bald wetteiferte der Schüler in Darstellung des zauberischen Reizes duftschwüler Mondnächte mit dem Meister nur mit dem Un­terschied, daß, während die Norddeutschen in erster Reihe nach dem Süden wan­derten, bei Meixner der Zug des Herzens nach dem Norden ging. Und diesem folg­te er auch auf einer dreijährigen Wanderung 1848-1851 nach Schweden und Nor­wegen. Den fremdländischen Charakter dieser stillen Wasserspiegel, einsamen Bergstürze und Waldthäler studierte er ausdauernden Sinnes, am liebsten den traumhaften Schimmer einer süßen Sommernacht oder die Poesie eines eisigen Winterfrostes darüber breitend. Nach seiner Rückkehr erschien ihm auch die Schönheit der deutschen Landschaft in einem neuen Lichte; gleichsam müde, im­mer weiter zu schweifen, wählte er seine Motive von den einfachen Ufern der Isar oder den anmuthigen Auen des Englischen Gartens, in ruhigen Tönen gab sein Pin­sel die ungekünstelten Eindrücke mit fröhlichen Morgenstimmungen.

Dann aber packte auch ihn die Sehnsucht nach dem Süden, und es gelang ihm ebenso bald, die Pracht einer venetianischen Dämmerung oder die goldene Gluth eines Veroneser Abendhimmels auf seine Leinwand zu bannen. In diesen eine so fremde und doch so verwandte Sprache redenden norwegischen Küstenbildern, in dem unscheinbaren Wohlklang der heimathlichen Gegenden, in den italischen Canälen und Marmor-Palästen: in allen diesen Bildern Meixners steckt eine überra­schende Wahrheit und packende Poesie, welche seiner Kunst Freunde und Aner­kennung gewann.

Geraume Zeit stand Meixner mit Morgenstern und Eduard Schleich sowohl an geis­tiger Auffassung als in der breiteren Weise des Vortrags auf gleicher Höhe; die Kunstvereine und Kunsthändler hatten seinen Namen gefaßt, seine Bilder »gingen« sogar nach England und Amerika. Sie waren freilich nicht alle von gleicher Vollen­dung und Güte, manches vielleicht mehr decorativ oder flüchtiger in der Aus­führung: aber nie verließ etwas die Staffelei, was seines Namens unwerth gewesen wäre. Leider erreichte ihn keine jener äußeren Ehrungen, welche im Leben anderer Künstler öfters eine nur zu laute Rolle spielen. Meixner gab wenig darauf und ging den Gelegenheiten eher aus dem Wege. Nur im Jahre 1864 erfolgte die Bestellung eines Cyklus von acht Wandbildern für den Grafen Palffy in Ungarn; erst im letzten Jahre seines Lebens wurde ihm die Freude zutheil, daß eine seiner Schöpfungen (Auer-Kirche bei Mondnacht) für die Neue Pinakothek erworben wurde.

Der Münchener Kunstverein kaufte unseres Wissens zuerst 1847 eine »Dorfpartie« zur Verloosung. Dann kam 1852 als erste Frucht seiner Nordlandfahrten ein »Sonn­tagabend bei Stockholm,« 1853 der »Wenern-See« als Winterbild und eine »Schwe­dische Landschaft;« der erste »Morgen im Englischen Garten« 1854 und zugleich »Kalmar an der Ostsee.« Von da lassen mich meine auf eigenem Augenschein beru­henden Aufzeichnungen im Stich; ich finde erst 1859 wieder einen »Sonnenunter­gang« und eine »Marine,« auch eine »Partie am Wenern-See« (1860) und einen »Herbstmorgen im Englischen Garten« 1862; 1863 »Lechthal bei Schongau« und eine »Gegend in Holstein;« 1864 eine »Abendlandschaft,« ebenso eine kleine aber gut ausgeführte »Partie bei Stockholm« mit Mondaufgang; in ähnlicher Stimmung eine »Meeresküste« 1865 und 1866 zwei treffliche Bilder: »Mondnacht in einem Ge­birgsdorf« und »Sonnenuntergang im Garten zu Nymphenburg.« Dann wechselte eine nordische »Abendlandschaft« mit einer »Partie auf dem Untersberg« (1867), ein »Abend am Mälar-See« mit »Venetianischen Fischerbooten« (1866), eine »Abenddämmerung in den Isar-Auen« mit einem Morgennebel, »An der schwedi­schen Küste« (1869) – letzteres von außerordentlicher Wahrheit und poetischer Empfindung »mit den leichten, an der schmalen Sichel des untergehenden Mondes vorüberziehenden Wolken.« Wieder kam eine »Partie vom Lido« (1871) und »Schwedische Windmühlen« (1872) und so wechselte das bekannte Programm mit neuen Beleuchtungen und landschaftlichen Motiven, wobei ihm seine genaue Be­kanntschaft mit Berg, Wald und Marine in Nord und Süd erfrischend zu Hülfe kam und vor Wiederholung und Monotonie bewahrte. Im Jahre 1881 brachte er als fei­nempfundenes Nachtstück die »Ueberreste einer Wickinger-Burg;« ein sehr gelun­genes Bild war die Fernsicht von der Bahnbrücke bei Großhessellohe ins Isar-Thal mit der Stadt München im Hintergrunde (1884) u. s. w.

Von Meixners Bildern sind verhältnißmäßig nur wenige durch Photographie verbrei­tet, etliche auch durch Farbendruck; Hanfstängls und Alberts Heliogravüren wären hiezu am besten geeignet. Manches ist auch durch Holzschnitt in illustrirte Zeitun­gen übergegangen. Eine Ansicht der »Schloßruine Heidelberg« nach Th. Verhas hat Meixner aus dem König Ludwig-Album meisterlich radirt.

Der fleißige, bescheidene und sehr zurückgezogen lebende Mann starb am 12. Juli, ohne vorhergehende Krankheit, nach nur eintägigem Unwohlsein. Vielleicht be­wahrte ihn der Tod vor langen Leiden. Aus seiner mit Fräulein Therese Schedel­mann 1859 geschlossenen glücklichen Ehe stammt ein Sohn, welcher in die Bahn des Vaters zu lenken verspricht.

Beilage zur Allgemeinen Zeitung Nr. 303. München. Sonntag, 1. November 1885.


13-01-14/15 (Meixner)