Allgemeine Musikalische Zeitung (4.3.1874) / t_1394

München. St. Anfang Februar. Einige Neuigkeiten auf musikalischem Gebiete ver­dienen, auch ohne dass sie Oper und Concert berühren, in diesen Blättern immer­hin erwähnt zu werden. Am 12. Jan. verschied – ein Opfer der Cholera – im 58. Le­bensjahre der langjährige Professor des Clavierspiels am früheren kgl. Musikcon­servatorium Christian Wanner, eine von seinen zahlreichen Freunden in jeder Bezie­hung hochgeschätzte Persönlichkeit. Als trefflicher Lehrer gewann er die dauernde Verehrung seiner Schüler, unter denen sich bedeutende Pianisten der Gegenwart befinden. Er war ein ebenso gewissenhafter als bescheidener und anspruchsloser Künstler; auch S. Majestät unser König, sowie sein Bruder, Prinz Otto, genossen ei­nige Zeit seinen Unterricht. Oeffentliches Auftreten suchte er nie, mied es wohl seit mehr als einem Jahrzehnt. Seit mehreren Jahren lebte er, ein mit glücklichen Ver­mögensverhältnissen gesegneter Privatmann, nur seiner Kunst und einem ausge­dehnten Freundeskreise, in welchem er vermöge seiner Liebenswürdigkeit, Charak­terfestigkeit und Offenherzigkeit allbeliebt war; er erfreute letzteren auch durch eine Anzahl feinempfundener, wohlgelungener, grösstentheils ungedruckter Cla­vier- und Gesangscompositionen, deren manche veröffentlicht zu werden verdien­ten.

Allgemeine Musikalische Zeitung Nr. 9. Leipzig, 4. März 1874.


ML-030/031 (Wanner)