Allgemeine musikalische Zeitung (26.10.1822) / t_627

Antonia Campi, k. k. Hofopern-Sängerin, gestorben im October 1822.

Über den Tod dieser berühmten, und durch ihre grosse Kunst ausgezeichneten Sängerin haben wir hiermit den Freunden der Kunst sowohl, als besonders den vie­len in Wien befindlichen Verehrern der Verblichenen, folgende nähere Nachrichten übergeben wollen.

Nachdem die Künstlerinn mit ihrem Gatten in München, wohin bey einer vorhaben­den Kunstreise ihr Weg sie zuerst geführt, dem Anscheine nach wohlbehalten an­gekommen war, befiel sie plötzlich, wahrscheinlich die Folge einer während der Reise sich zugezogenen Erkältung, eine so heftige Lungenentzündung, dass die Kunst der herbeygerufenen Ärzte sowohl, als die sorgfältigste Wartung und Pflege an der Heftigkeit der Krankheit scheiterte, und die wirklich unvergessliche Künstle­rinn zum Leidwesen der Münchner-Kunstwelt verschied.

Der hohe Stand von Bildung, welcher an dieser kunstliebenden Stadt von jeher be­merkt wurde, zeigte sich auch in dem hohen Grade von Theilnahme, welchen die­ser für die Kunst und den zurückgebliebenen Gatten empfindliche Verlust in den Herzen aller Fühlenden wirklich erregt hat.

Der Leichnam der gefeyerten Sängerinn wurde am 4. October auf eine höchst feyerliche Art zur Erde bestattet, indem die Intendanz der königlichen Theater, alle Mitglieder der deutschen und italienischen Oper, alle Professoren der Musik, und eine grosse Menge ausgezeichneter Personen und Einwohner Münchens denselben zu Grabe begleiteten, und ihre ungeheuchelte Trauer über den zu frühen Verlust ei­ner so berühmten Sängerinn zu erkennen gaben.

Der betrübte Gatte suchte der Abgeschiedenen Andenken dadurch zu verewigen, dass er für ihre dort ruhenden Gebeine ein immer bleibendes, eigenes Grab stifte­te. Da aber die Landesgesetze das Eigenthum eines Grabes nur für den Zeitraum von zwanzig Jahren gestatten, so widmete derselbe ein Capital, dessen Zinsen in zwanzig Jahren immer wieder den Kaufschilling aufs neue darbiethen, zu diesem Entzwecke.

Hierdurch werden kommende Zeiten nie in die empfindliche Verlegenheit gerat­hen, in welcher sich oft die Welt befindet, wenn sie die Stelle, welche die sterbli­chen Reste eines durch seine hohe Schöpferkraft unsterblich gewordenen Genius umschliesst, aufzusuchen vergeblich bemüht ist.

Das Loos des grossen Künstlers im Gesange, so wie aller Virtuosität scheint auf den ersten Anblick desselben zu betrauern, weil von seinem Werk nur der Nachhall üb­rig bleibt, aber gross sind oft die Folgen, welche das Leben eines durch seine Kunst ausgezeichneten Sterblichen hinterlässt.

Alle imponirenden grossen Erscheinungen in diesem Gebiethe äussern eine so un­widerstehliche Macht, einen so entschiedenen Einfluss auf ihre Mitwelt, dass das Vortreffliche, das eigenthümliche, welches die an dem hochbegabten Individuum bewundert, in den Herzen der Zeitgenossen eine geistige, bleibende, nie verwel­kende Wurzel fasst, aus welcher in der immer fortschreitenden und Neues gebäh­renden Zeit, durch neue Impulse emporstrebender Geister, stets schöne und duf­tende Blüthen für die Kunstwelt emporspriessen.

Eben so wird die treffliche Schule, welche den Gesang der Signora Campi in vielfa­cher Beziehung immer zu einem Muster erhob, und deren schöne Anwendbarkeit sich nicht allein bey so vielen dramatischen Vorstellungen in unserm Gefühle ein bleibendes Andenken verschaffte, sondern auch durch Unterricht in die Masse der Künstler und Dilettanten überging – in vielfach ausstrahlenden Zweigen, besonders aber in Wien, dem festen Wohnorte der Verbliebenen, sich verewigt finden.

Ihr grosses Portamento, ihr musterhafter Triller, ihre auserordentliche, Bewunde­rung erregende Geläufigkeit, ihr gewagtes und doch sicheres Spiel mit den gefahr­vollen Klippen des hohen Soprans, ihre feste und reine Intonation – diess sind Vor­züge, welche von Jedermann, Kenner oder Liebhaber, an der Künstlerinn einstim­mig bewundert wurden, deren Verlust in ihrer Individualität wir lange schmerzlich empfinden werden.

Mozart’s Zauberflöte darf den Tod der Künstlerinn ernstlich betrauern, eben so wie Donna Anna und Lodoiska, Constanze und mehrere grosse Charaktere des gesun­genen Dramas ihren Verlust schmerzhaft fühlen werden. Jedes Theater aber wird oft den frommen Wunsch hegen, dass die keine Anstrengung scheuende Bereitwil­ligkeit, die grössten Theils gesunde und mit Unpässlichkeiten sehr wenig behaftete Natur der abgeschiedenen Sängerinn, auf seine noch lebenden Individuen, als ein unveräusserliches Legat erblich übergehen möge.

Manche Städte Deutschlands, besonders Dresden und Leipzig, sahen die verbliche­ne Sängerinn in ihrer frühsten Jugendperiode, als Mitglied der italienischen, von Guardasoni dirigirten Oper, Prag wird sie nie vergessen. Pohlens grosse Städte fey­ern ihr Andenken auf die innigste Weise, aber Wien besonders betrauert ihren Ver­lust.

Wir fügen das in München bey ihrem Begräbnisse verfasste Gedicht bey.

Grablied (1822)

bey der Begräbnissfeyer der k. k. österr. ersten Hof-Kammer- und Hofopern-Sänge­rinn
Antonia Campi.

Gedichtet von Reger, in Musik gesetzt von Hartmann Stenz,
abgesungen den 4. October 1822 in München.

1.
Hier über stillen Gräbern weilet
Der Geist der Unvergänglichkeit;
Dahin mit raschen Fluthen eilet,
Im trüben Lauf der Strom der Zeit.

2.
Des Todes Engel ist dem Frommen
Kein Schreckensbothe, wenn er winkt:
Herab als Freund sieht er ihn kommen,
Und seines Lebens Schaale sinkt.

3.
Zu früh der Künstler Bahn entrückte
Auch Sie des Schicksals strenge Hand,
Die jüngst noch eine Welt entzückte,
Die Sängerinn aus fernem Land.

4.
Und unsrer Wehmuth Klagethöne
Verhallen heut zu ihr hinab:
Doch Himmelan schwingt sich das Schöne;
Nur Irdisches umschliesst das Grab.

5.
Was sterblich ist wird einst zu Staube,
Der Geist wird seinen Schöpfer seh’n.
Erhebe uns, o heil’ger Glaube!
Wir werden jenseits aufersteh’n.

6.
Diess Leben ist ein Traum hienieden,
Nur Trug und Täuschung unser Loos:
Lass Herr der Welten deinen Frieden
Uns finden in der Wahrheit Schooss.

Allgemeine musikalische Zeitung Nr. 86 vom 26. October 1822.


MR-279 (Campi)